Der Ölpreis ist… negativ???

Am 20. April 2020 ereignete sich in den Märkten ein bis dato noch nie dagewesenes Ereignis, als diverse ohnehin schon niedrige Ölpreise zum ersten Mal in der Geschichte auf unter $0 in den negativen Bereich gesunken sind. Die ersten Eindrücke und Prognosen.

von Gregor Flock

Viele Kommentare bezüglich des Ölpreisverfalls waren ironisch-ungläubig:

Ein weiterer Tageschart mit Kommentar:

Noch verrückter ging es bei Futures oder Terminkontrakten für Mai zu, deren Handelszyklus kurz vor dem Auslaufen ist und wo der Tagesendpreis bei -$37/barrel stand (für eine gute Erklärung dazu auf Englisch, siehe hier und besser noch hier):

Im Vergleich dazu der Tageschart. Der negative Ölpreis wirkte sich auch negativ auf die Aktienmärkte aus:

Auch der Kurs von Cryptowährungen wie Bitcoin verlor deshalb deutlich an Wert:

Screenshot von der Cryptoexchange Binance, BTC/USDT, 21.04.2020

Donald „stable genius“ Trump, dem wegen der im Vergleich zu Russland und Saudi-Arabien noch US-fracking Produktion an einer Produktionskürzung und Preisstabilisierung gelegen sein dürfte, setzte sich auch diesbezüglich wieder einmal in ein Fettnäpfchen als er sich in seinem Narzissmus vorschnell rühmte, was für ein großartiger Deal ihm im Hinblick auf Erdölförderung und -preisstabilisierung gelungen sei:

Diverse Erklärungen

Hintergrunderklärungen

Die als Ölexpertin und ehemalige österreichische Außenministerin doppelt qualifizierte Karin Kneissl, die ich persönlich bei zwei auch geopolitischen Vorträgen als zweifelsfrei kompetent erlebt habe, äußerte sich in einem am 13. April veröffentlichten Interview zu den Hintergründen dieses historischen Ölpreisabsturzes wie folgt:

Die gewaltige Unsicherheit, wie es mit dem Verbrennungsmotor weitergeht, hat ihr Übriges getan. Schon im November hatte die Opec in ihrer Prognose vor dem Überangebot gewarnt. Noch immer fließen bis zu 40 Prozent der weltweiten Ölproduktion in die Mobilität. Durch die Immobilität von derzeit drei Milliarden Menschen in der Coronakrise haben wir eine Ausnahmesituation, die das Überangebot extrem verschärft hat.

Es gilt gerade jetzt die Erkenntnis des früheren saudischen Ölministers Zaki Yamani, der sagte: Die Steinzeit endete nicht damit, dass es nicht mehr genügend Steine gab. Und das Ölzeitalter wird auch nicht enden, weil es nicht mehr genügend Erdölreserven auf der Welt gibt.

Auch der Russlandexperte und Universitätsprofessor Gerhard Mangott sprach vor allem von einem Überangebot bzw. von Überproduktion:

Aus diesem Wirtschaftsartikel im Forbes-Magazin vom 17. April geht hervor, dass Saudi-Arabien in der Tat immer mehr Öl an die USA geliefert hat, und das, obwohl wegen der Coronaviruskrise und lockdowns immer weniger Öl benötigt wurde: Im Februar wurden pro Tag durchschnittlich 366,000 barrel Öl von Saudiarabien in die USA verschifft, im März 829,540 barrels, und in den ersten zwei Aprilwochen sogar 1.46 Millionen barrels. Ein barrel Öl sind 158.987 oder rund 159 Liter.

Russland hat den Förderkürzungen zu Beginn auch nicht zugestimmt, möglicherweise um die US-Fracking Industrie weiter in Bedrängnis zu bringen. Als Antwort darauf hat Saudi-Arabiens staatlicher Ölbetrieb Saudi Aramco angekündigt, die Produktion weiter zu steigern, um seinerseits Russland in Bedrängnis zu bringen, welches zwar billiger als die USA aber teurer als Saudi-Arabien produziert. Russland hat sechs Wochen später dann zwar eingelenkt:

Der Ölpreis ist wegen der oben genannten Gründen – und auch, weil die Lager voll sind – aber mittlerweile dennoch im negativen Bereich:

Menschliche Erklärungen

Eine weitere Erklärung für diesen seltsamen Preis ist menschliches Versagen: Ein solcher Ölpreis ist für keines der drei oben genannten Erdölförderländer von unmittelbar erkennbarem Nutzen, aber auf Grund der Sturheit oder Kurzsichtigkeit gewisser Akteure, hat sich ein solcher Ölpreis eben momentan ergeben.

 

Politische Erklärungen

Andererseits kann es sich dabei vielleicht auch um größere machtpolitische Manöver halten. Der US-Dollar ist seit den 1970er Jahren schließlich nicht mehr durch Gold sondern durch Öl gedeckt, da Öl nur in Dollar handelbar ist. Versuche Öl in Euro zu handeln wie damals von Saddam Hussein, goutieren die USA üblicherweise nicht allzu lange, da dies ihre ölgedeckte Weltwährung gefährden würde.

Jetzt wo Öl zumindest momentan nichts mehr Wert ist, ist damit jedoch der zum Ölkauf verwendete Dollar deutlich nutzloser geworden. Ein negativer Ölpreis könnte damit also vielleicht nicht nur passiert sondern absichtlich herbeigeführt worden sein, um den US-Dollar als auch ölgedeckte Weltwährung in dieser Funktion zu unterminieren. Um den Dollar als Weltwährung zu stürzen, wäre jedoch noch sehr viel mehr notwendig, was diese Erklärung wiederum unwahrscheinlicher macht.

 

Mögliche Folgen

Auch die möglichen Folgen dieses noch nie dagewesenen Ereignisses und potentiellen game changers sind bislang kaum abschätzbar.

Finanzkrise

Eine Möglichkeit ist, dass dadurch eine schwere Finanzkrise hervorgerufen wird:

Erhöhte Kriegsgefahr?

In Kriegen wird viel Öl benötigt, es werden auch Ölproduktionsanlagen angegriffen und zerstört, und all das treibt den Preis von Öl nach oben. Ein deutlich höherer Ölpreis als negativ wird klarerweise von den erdölproduzierenden Ländern gewünscht. Krieg wäre somit ein geeignetes Mittel, genau das und auch noch manch anderes den Machteliten gelegenes Ziel herbeizuführen.

Niedrigere Kriegsgefahr?

Andererseits sinkt die Kriegsgefahr mancherorts auch, da imperialistische Staaten wie die USA jetzt deutlich weniger Grund haben, andere Staaten wie Venezuela wegen deren Erdöl anzugreifen und deren Regierungen zu stürzen.

Staatszusammenbrüche?

Sollte der Ölpreis nicht massiv nach oben gehen, dann droht vielen Ländern ein Staatszusammenbruch durch Wegfall einer großen Einkommensquelle:

Ein überraschendes Ende des Ölzeitalters?

Vielleicht jedoch bleibt die Erdölproduktion jetzt zumindest für einige Zeit so unprofitabel, dass dies von den erdölproduzierenden Ländern auch als starker Anreiz dafür genommen wird, um auf alternative oder grünere Energiequellen zu wechseln, was wiederum ein Ende des Ölzeitalters massiv beschleunigen könnte (siehe das obige Zitat des ehemaligen saudischen Ölministers).

Ein Verpassen der Klimaziele?

Eine naheliegendere Möglichkeit ist, dass jetzt so viel billiges Erdöl verheizt wird, dass wir die Klimaziele verfehlen und wir von Klimakrise zu Klimakatastrophe ‚voranschreiten.‘

Konklusion

In Summe ist die Lage sehr neuartig und unberechenbar. Was als Konstante bleibt, ist, dass nach diesem potentiellen game changer das, was noch vor Kurzem als unmöglich oder undenkbar schien, auf einmal möglich wird und eintreten könnte.

 

Gregor Flock ist unabhängiger systematischer Philosoph (univie.academia.edu/GregorFlock), Zivilgesellschaftler (Global Civil Society Network), politischer Analyst (medium.com/@GregorFlock). Twittert unter @GFlock_GCSN.

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