„Für die Sandler wird’s schon reichen“

Wenn es um obdachlose Menschen geht, sind so manche offenbar der Überzeugung, mit jeder noch so abgehalfterten Spende zu Wohltätern zu werden. 

von Moritz Ettlinger

Egal ob kaputte Kleidung oder seit Jahren abgelaufene Lebensmittel: Obdachlose hätten sich gefälligst damit zufrieden zu geben, was man ihnen vor die Füße wirft. In meiner Zeit als Zivildiener in einer Einrichtung für obdachlose Menschen gab es nicht nur eine Situation, die mich zu dem Schluss kommen lässt, dass mehr Menschen so oder ähnlich denken als uns allen lieb sein sollte.

Mit Ablehnung umzugehen ist schwierig. Vor allem dann, wenn man eigentlich denkt, man tue etwas Gutes, nur um dann gesagt zu bekommen, das werde nicht gebraucht. Das kann kränken, verständlicherweise. So würde es wohl den meisten von uns gehen, wenn wir beispielsweise auf liebevollste Art und Weise die beste Kleidung aus unserem Schrank zusammensuchen, zu einer Einrichtung für wohnungslose Menschen fahren, diese dort abgeben wollen und dann zurückgewiesen werden.

Das kommt vor, und hat in den meisten Fällen einen der folgenden zwei Gründe. Entweder, die Dinge können wirklich nicht gebraucht werde. Dann hat die Ablehnung der Spende nichts mit Bösartigkeit oder Undankbarkeit zu tun; man hat einfach keine Verwendung dafür. 

Oder aber, und das ist die andere Seite der Medaille, die Spende ist doch nicht ganz so liebevoll und durchdacht und dient lediglich dazu, sich den Weg zum Recyclinghof zu sparen. Die Obdachlosen können das sicher irgendwie brauchen, lautet die Devise. Interessanterweise reagieren solche Menschen besonders allergisch auf Zurückweisung, obwohl diese gerade hier oft mehr als gerechtfertigt ist.

Nicht nur einmal bekamen wir in meiner Zeit als Zivildiener Lebensmittel gespendet, die schon sehr lange, teilweise länger als ein Jahr, abgelaufen waren. Auch völlig ramponierte Kleidung wie ein halb zerrissener Mantel oder fast schon lächerlich anmutende Upcycling-Versuche wie eine zu einer Mütze umfunktionierte alte Jacken-Kapuze waren keine Seltenheit. Frei nach dem Motto: „Für die Sandler wird’s schon reichen.“ Einmal sagte eine Frau sogar genau das, als sie ihre „Spende“ abgab, fast wortwörtlich.

Damit will ich keinesfalls sagen, dass alle Spender*innen so sind, im Gegenteil. Die allermeisten wissen, was sich gehört. Und an all jene, die das nicht wissen, sei folgender Appell gerichtet: Bitte spendet weiterhin, aber spendet nicht, was ihr nicht selbst auch noch verwenden würdet, egal ob Lebensmittel, Kleidung oder Sonstiges.

Denn ein obdachloser Mensch kann einen zerrissenen Mantel noch viel weniger brauchen als ihr. Der ist nämlich viel draußen, auch im Winter. Weil er, genau, obdachlos ist. Dass Leute in einem derart reichen Land wie diesem überhaupt auf der Straße schlafen müssen, ist sowieso eine Frechheit. Aber das ist eine andere Geschichte. 

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Titelbild: Unsere Zeitung/Moritz Ettlinger (Symbolbild)

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