Nous ne sommes pas en guerre! Wir sind nicht im Krieg!

Wir sollten, insbesondere im pädagogischen Feld, Sicherheiten und Kontinuität schaffen und nicht zu wild agitieren und herumexperimentieren.

Ein Essay von Günter Schütt

Nous ne sommes pas en guerre! Wir sind nicht im Krieg!

Und wir brauchen keine Helden.

Wir brauchen keine Mobilisierung der Massen, sondern ihre Demobilisierung.

Wir leben nicht in analogen Zeiten, sondern im digitalen Zeitalter.

Wir brauchen keinen Aktivismus und kein symbolisches Simulieren von Aktivität, sondern Mut zur Gelassenheit und konzentrierte, wohlüberlegte Tätigkeit.

Keine Opfergaben, sondern rationales, pointiertes Handeln, das auch den Widerstand gegen unüberlegten Aktivismus miteinschließt.

Wir leben gerade nicht in einer Zeit des Immer-Mehr, Immer-Größer, Immer-Voller, sondern in einer Zeit der Reduktion, des Kleinen, des Notwendigen.

Wir sollten nicht zuerst gehen und dann denken, sondern zuerst denken und dann gehen.

Wir brauchen keine Hitze im Denken und Kälte im Herzen, sondern kühlen Verstand und Warmherzigkeit und Mitgefühl mit den Vulnerabelsten der Gesellschaft.

Wir brauchen keine Phrasen, sondern Fakten und Gelassenheit.

Doch das erfordert auch den Phrasenstecher, denjenigen, der die sich in einem Kampf um Deutungshoheit immer schneller verschiebenden Narrative entlarvt und ja: sie ersticht, wenn sie nicht faktenbasiert sind oder uns zu unethischen Handlungsweisen verführen wollen.

Tasse „Auch du, Genosse!“ (Foto: jungewelt-shop.de)

Das tippe ich in die Tastatur meines metallisch-schmutzigen Lenovo-Notebooks, fast tippe ich: mein zunehmend abgewetztes Kriegsgerät in dieser Krise, ärgere mich darüber, weil es meiner im Titel prangenden These widerspricht, nehme einen Schluck aus der heißen Tasse auf dem orange schimmernden Holz unseres Küchentisches und lösche die Wörter nicht. Von der weißen Tasse springt mich der Zeigefinger eines rot gefärbten Bolschewiken an. Sein düster blickendes Konterfei mit bussardartigen Augenbrauen sieht wie das von Stalin aus, er trägt eine Uniformkappe mit rotem Stern in der Mitte. In der Hand ein, ja: ein Besen. Der rote „Arbeiterkrieger“, in Wahrheit nur einer von vielen gealterten Gymnasiasten mit Dandyaanwandlungen und umstürzlerischen Träumen,  emblematisch umhüllt von den Worten: „Auch Du hältst die Küche sauber, Genosse!“ Ich, der Deutschlehrer, wundere mich darüber, dass das „Du“ großgeschrieben ist. Die Tasse war ein Geschenk meiner Lebensgefährtin aus besseren Tagen.

Es ist Freitag Vormittag und ich habe gerade die Webex- Onlinekonferenz mit meinen Kollegen und dem von mir wegen seiner Unaufgeregtheit geschätzten Direktor hinter mich gebracht, während meine Tochter von ihrer etwas spröden aber durchaus gewitzten Englischlehrerin gleichzeitig in einer Zoom-Konferenz die Vokabeln von Unit 12 und 13 abgefragt wird.

Ich bin Lehrer an einer AHS im Speckgürtel Wiens und ich bin im Homeoffice. Und wir sind nicht im Krieg.

Noch. Wird vielleicht mancher Lehrergewerkschafter denken.

Von draußen fallen die Sonnenstrahlen durch die breite Glasfront der Wohnküche auf das helle Parkett, das Grün des Gartens betäubt mein Auge und legt sich über meine Nerven wie Malventee über entzündete Schleimhautschichten eines Magens. Es könnte mir schlechter gehen. Zur Beruhigung aller Neider: die Wohnung gehört mir nicht, ich bin nur zur Miete. Sie verschlingt mein ganzes Gehalt.

Trotzdem bin ich gerade froh, beim Wohnen nicht gespart zu haben, denke ich und frage mich, ob das einer der bleibenden Eindrücke der Pandemie gewesen sein wird, dass es sich in einer schönen Wohnung mit Garten wesentlich besser home-officen und pandemieren lässt als ohne. Ein Affront im roten Wien, das immerhin der Softsanierung meiner heutigen Wohnung durch einen privaten Investor nicht im Wege gestanden ist, denke ich und höre die Messer wetzen.

Wir sind nicht im Krieg!

Doch wenn wir es wären, wähnte ich mich glücklich mit meinem Direktor in die Schlacht zu ziehen und mit keinem anderen. Mein Direktor ist ein Mann, der keine Sekunde zögern wird, alle Anmaßungen kriegslüsterner Schreibtischtäter bis auf das absolute Minimum abzuschwächen, ehe er an uns, das Lehrerteam, konferenzalisch herantritt, diesmal in Form einer Konferenz 2.0: einem Webex-Meeting. Und er enttäuscht mich nicht. Kein Dienst an Fenstertagen, normaler Schulbeginn um 8.05 Uhr. Mein Direktor ist ein Mann mit Lebenserfahrung. In seinen Sechzigern. Ein Mann mit menschlichem Antlitz, auch wenn das der Schnauzbart etwas konterkariert. Großzügig, humorvoll, das eine oder andere Mal fehleranfällig: kann ja keiner wissen, dass der Schüler im Semester abgegangen ist, sagt er bei der Notenbesprechung der 3b launig. Aber in den wesentlichen Dingen ist er immer voll auf der Höhe. Zu neunzig Prozent gut gelaunt, fast so, als wollte er Montaignes Bonmot, einen intelligenten Menschen erkenne man an seiner guten Laune, bestätigen. Vorsicht ist jedoch in den wenigen Momenten geboten, wo er nicht gut drauf ist. Dann ist er ein Choleriker alter Schule, nach zwei, drei Dienstjahren kommt man ihm in diesen seltenen Augenblicken aber ohnehin nicht mehr zu nahe. Er ist ein Mann mit Eigenschaften. Einer, den ich mag, einer, der mir selbst jetzt noch Unnötiges ersparen wird. Deswegen habe ich auch schon manchmal freiwillige Mehrarbeit geleistet, zuletzt, als ich eine auf unserer Webseite abrufbare Anthologie mit Schülertexten als „Poesie der Pandemie“ kompilierte. In gewisser Weise verkörpert mein Direktor jene Eigeschaften, die es im Umgang mit der Pandemie meiner Meinung nach braucht. Er ist keiner jener kaltblütigen Stoßtruppführer des ersten Weltkrieges wie Ernst Jünger, der die ihm Unterstellten stets dorthin treibt, wo die Kugeln am Lautesten pfeifen. Hier an unserer Schule bewegen wir uns immer zwei, drei Schritte hinter der Front.

Beim Erklären der neuen Hygienemaßnahmen weist uns der Direktor auf den nun auf den Schultreppen ernsthaft einzuhaltenden Rechtsvorrang hin, mit der beigepackten Geschichtslektion, dass dieser in Österreich erst seit 1938 gelte, als ein gewisser Adolf Hitler den bis dahin gültigen Linksvorrang abgeschafft habe. Unser Direktor ist Historiker. Mir gefällt es in einer Konferenz etwas über den Nationalsozialismus zu lernen, das ich vorher noch nicht wusste. Ein guter Mann: der Direktor, nicht Hitler.

Es ist mein erstes Onlinemeeting mit Webex. Es funktioniert einwandfrei. Im Grunde so wie Zoom, denke ich, nur dass es über datenschutzrechtlich unbedenkliche Server läuft. Zuvor hatte ich mit meinen SchülerInnen schon Zoom, Microsoft Teams, Jitsi und Bigbluebutton ausprobiert. Zoom hatte am besten funktioniert, war aber datenschutzrechtlich in die Misere geraten. In einer Zeitung stand, dass der Zoom-CEO selbst gesagt haben soll, er habe es vergeigt und sei froh, wenn Zoom nach der Krise wieder nur von großen Unternehmen genutzt werde.

Das Plattformhopping, finde ich, hat auch etwas von Aktivismus, lässt den Unterricht nie in ruhige Fahrwasser von Gewohnheiten und Sicherheiten laufen, die den Austausch zwischen Lehrern und SchülerInnen rahmen müsste, damit guter Unterricht entsteht. Ein guter Lehrer, so sagte ich mir in einem Praktikum am Anfang meiner Lehrerkarriere, als ich einen erfahrenen Kollegen beim Unterrichten beobachten musste, versteht es, mit seinen SchülerInnen Rituale zu etablieren, die Aushandlungsprozesse entschärfen, solche, an den man sich anhalten kann.

Ein wenig Pragmatismus im Umgang mit den Onlineplattformen hätte nicht geschadet, um den Onlineunterricht für Schüler, Eltern und Lehrer in unaufgeregtere Fahrwasser zu führen.

Auch als Vater einer Tochter, die gerade die erste Gymnasiumsklasse besucht, beschleicht mich das Gefühl, dass wir den Onlineunterricht gerade dann abdrehen, wenn er zu funktionieren beginnt, sich die ersten Routinen entwickelt haben. Meine Tochter ruft mittlerweile ihre Mails und Arbeitsaufträge auf One-Note selbständig ab und hat auch verstanden, dass es einen Unterschied gibt zwischen physisch nicht im Schulgebäude zu sitzen und unterrichtsfrei. Endlich steht sie in der Früh auf, erledigt jeden Tag ein paar der nun wöchentlich getakteten Arbeitsaufträge, um den Rest des Tages unbeschwert im Garten zubringen zu können. Sie hat mittlerweile ein Gefühl dafür bekommen, wieviel sie an einem Tag machen muss, um am Ende der Woche nicht ins Straucheln zu geraten. Und auch wir Lehrer haben gelernt verträglichere Portionen zu servieren.

Die Wiedereröffnung der Schulen am 18. Mai stimmt mich nachdenklich. Es könnte sein, dass sie zur Unzeit kommt, denke ich, während ich mein Croissant in der Bio-Schokocreme versenke, die bei meinem Supermarkt um die Ecke in den letzten sechs Wochen immer mal wieder Mangelware ist. Diese Öffnung, sage ich mir mit einem großen, süßen Bissen im Mund, ist eher ein Gehen vor dem Denken und nicht eines danach. Viele der Regelungen und Hygienemaßnahmen kommen mir irgendwie „pseudo“ vor, insbesondere wenn ich mit meinen pubertierenden Schülern über die Öffnung des Gebäudes ab 7.30 Uhr rede. „Schön für das Schulgebäude“, sagen sie, „aber mich bringen keine zehn Pferde dazu eine halbe Stunde früher aufzustehen und den früheren Bus zu nehmen“. Hört sich eigentlich vernünftig an, antwortete ich unverblümt, da ich an meine eigene 50-minütige Anfahrt dachte. Eine Unverblümtheit, der nun mein Direktor im Webexmeeting rechtgegeben hat, indem er sagte, die Schule beginne bei uns normal um 8.00 Uhr und damit pasta!

Ich bin auch nicht sicher, wie ich es finden soll, dass sehr viel Geld nun in Desinfektionsmittel, Masken und Visiere fließt, anstatt in neue Beamer oder Laptops für den Unterricht. Wobei ich anerkennend einschränke: Einige Laptops wurden für sozialschwächere Schüler organisiert oder werden für die „zweite Welle“ sogar noch angekauft.

Ich mag die Rhetorik unseres Bildungsministers. Sie wirkt immer ziemlich unaufgeregt, was keine kleine Leistung ist in Zeiten des Perfect Stormes auf das Bildungssystem. Ich misstraue aber auch manchen seiner Pläne und Taten, in der ich dann doch mehr die Handschrift eines preussischen Verwalters sehe als die des Direktors meines Vertrauens.

Summer School im August für 50.000 Schüler, lese ich in der Zeitung meines Misstrauens, oe24.

Summer School ab 17. August höre ich meinen Direktor im Webexmeeting sagen und traue meinen Ohren nicht. Er wisse selbst noch nichts Genaues darüber, aber die Rhetorik verhieße nichts Gutes. Es könnte sein, dass hier etwas auf uns zukomme, sagt er kopfschüttelnd. Ich stelle mir vor wie weiße Schuppen als Aerosole langsam auf seine sakkogepanzerten Schulterblätter niedergehen, nachdem sie 15 Minuten lang im nichtgelüfteten Raum herumgeschwebt sind. So scharf ist das Bild meines Bildschirmes nämlich nicht, dass ich das erkennen könnte.

Da. Ein Ton auf meinem Handy. Ein Freund, Lateinlehrer, schickt mir den neuesten Podcast mit dem jungenhaft gelockten deutschen Star-Virologen Christian Drosten. Er hat Tests für das SARS und das Corona-Virus entwickelt. Seine vorsichtige Rhetorik ist ein Genuss. In dem neuesten Podcast spricht er über eine Schule in einem der sehr betroffenen französischen Gebiete. Ein Gymnasium so wie meines. 38,5 Prozent der Schüler hatten sich angesteckt, über 42 Prozent der Lehrpersonen und über 60 Prozent des sonstigen Schulpersonals: Kantine, Schulwarte, Schulärzte, Schulpsychologen, Reinigungspersonal.

In den letzten beiden Podcasts hat er auf die nicht zu unterschätzende Viruslast im Rachen von Kindern und Heranwachsenden hingewiesen. Sie sei keinesfalls geringer als bei Erwachsenen. Die Berliner Charité, der er vorstehe, habe die erste große und zahlenmäßig aussagekräftige Studie dazu lanciert. Die Ergebnisse seien recht eindeutig. Dann vibriert mein Handy ein weiteres Mal. Wieder der Lateinlehrer. Er schickt mir eine Grafik von der Johns-Hopkins-University. Es geht um die gegenüber dem Virus exponiertesten Berufsgruppen. Zuerst kommt medizinisches Personal, eh klar, denk ich mir, danach FriseurInnen und BusfahrerInnen, dann KindergärtnerInnen und VolkschullehrerInnen, gleich dahinter wir: LehrerInnen von Kindern der 5. bis zur 12. Schulstufe. Ich ziehe gedanklich den Vergleich zwischen der Schutzausrüstung der Ärzte und jener der Lehrer, sehe innerlich Menschen in voller Montur wie in Marsanzügen und andere, die mit Nasenmundschutz und Kaffebecher eine Treppe hochschlurfen und eine Tür öffnen. Irgendwie schmeckt mir mein Croissant nicht mehr so gut. Ich kaue und kaue, irgendwann gebe ich mir einen Ruck und schlucke den Papp hinunter.

In einem ORF-Interview kritisierte Drosten den in den deutschen Bundesländern und in Österreich um sich greifenden Öffnungs-Aktivismus. It’s the Reproduktionszahl stupid. Die Crux mit ihr, der Reproduktionszahl, sei, zumindest in Deutschland, dass sie seit dem Osterwochenende von 0,7 wieder Richtung 1 tendiere, was dramatisch sei, weil das Ganze so bald wieder exponentiell werde. Diesmal mit dem Nachteil, dass es keine lokalen Hotspots wie Ischgl oder Heinsberg mehr gebe, sondern das Virus unter der Hand des Lockdowns auch in Österreich und in Deutschland in ältere Bevölkerungsgruppen und die Hauptstädte diffundiert sei. Wie beruhigend, dass der Gesundheitsstradtrat von Wien gerade die Parole „Urlaub für alle“ hinausposaunt oder findet, dass es Wienern, weil sie keine Gugelhupfpatschn seien, sondern Zwei-Millionen-Städter, egal sein könne, ob die tägliche Infektionszahl zwischen plus/minus 20 oder 30 schwanke. Zuvor war besagter Gesundheitsstadtrat für die Öffnung von Allemmöglichen eingetreten. Guter Mann, würde Grissemann sagen oder Stermann. Etwas beunruhigend finde ich es nach einem zweiten Bissen von meinem Croissant dann doch, als ich auf dem Twitterprofil eines der aufstrebenden jungen ORF-Journalisten lese, dass die Reproduktionszahl in Wien auch wieder gegen 1 ginge. Das Croissant bleibt mir fast im Hals stecken.

Meine Lieblingsprojektionsfläche in dieser Pandemie ist aber mittlerweile ein Mann aus dem kühlen Norden. Anders Tegnell, der schwedische Staats-Epidemiologe. Er wird nicht nur von der WHO, der Industriellenvereinigung, Didi Mateschitz, Martin Sellner, Maria Stern oder Florian Klenk als Role-Model für einen Laissez Faire – Stil im Umgang mit Corona gefeiert, sondern sein Konterfei prangt, wie ich mit Google-Übersetzer in Dagens Nyheter rezipieren konnte, mittlerweile sogar als Tattoo von so manchem Oberarm.

Dass es in Schweden bei ähnlicher Bevölkerungs- und Infektionszahl wie Österreich fünfmal so viele Tote gibt (beinahe halb so viel wie in Deutschland, das achtmal so viele Einwohner hat wie Schweden), ficht Tegnells Bewunderer nicht an, immerhin trägt er legere Pullis und eine hippe Brille, die man als bobo- oder liberalintellektuell auslegen könnte. Wahrscheinlich spricht er auch amüsant und gebildet, ein bisschen stelle ich es mir so vor wie bei Werner Kogler, so eine Mischung aus statistischem Fachjargon, Grantln und volksnah-dialektalen Bonmots wie „der Klimawandel sei keine Frage von ein paar Schlapfenträgern, die gern in den Wald gehen“. Dass mit Tegnell ein Mann vor uns steht, der, egal wie gebildet, erfahren und gewieft er auch sein mag – Drosten kennt ihn und stellt seine vor der Pandemie erworbene Kompetenz keineswegs in Frage –  vom Kompetenzmodus längst in den Hofnarrenmodus gewechselt hat, weil er die wichtigste berufliche Aufgabe seines Lebens gerade im Begriff ist zu vermasseln – immerhin gab er zu, die Alten-und Pflegeheime Stockholms nicht ausreichend geschützt und die Mortalität in Zusammenhang mit dem Virus unterschätzt zu haben – , sollte schön langsam auch seinen unbelehrbarsten Anhängern, darunter seit neuestem auch die WHO, dämmern. Die meisten Mathematiker und Statistiker Schwedens haben schon vor Wochen in einem offenen Brief in Dagens Nyheter gegen seinen verantwortungslosen Umgang mit der Pandemie protestiert.

Tegnell ist ein besonders wichtiger Fall für den Phrasenstecher. Solange er an der Spitze Schwedens über Leben und Tod seiner Mitbürger dilettiert, bietet er Resonanzraum für allen möglichen todbringenden Hokuspokus, heißt: Projektionen und Narrative, die uns im Umgang mit der gewaltigsten Gesundheitskrise seit nahezu 100 Jahren, denn das allein ist Corona, zu unethischen und, pardon: dummen Verhaltensweisen verführen.

Nehmen wir das Narrativ, das sich jüngst durchzusetzen schien: Es werde in absehbarer Zeit keine Impfung geben, weswegen man in Symbiose mit dem Virus leben lernen müsse. Tegnell gibt die Projektionsfläche dafür, denn Projektionen ist es völlig egal, dass es in Schweden sehr wohl Beschränkungen gibt, sie feiern das Land für das, was sie wollen: in dem Fall für das vermeintliche Laissez Faire im Umgang mit Corona. Für Tegnells wahrheitsresistenteste Fans hat Schweden einfach nie den Laden dicht gemacht. Schweden sei das Land, in dem trotz Corona Milch und Honig für die Wirtschaft fließen. Hier gilt auf einmal nicht mehr die von Thomas Pueyo als „The Hammer and The Dance“ beschworene Strategie von abwechselnden Lock Downs und Öffnungen, sondern es gibt nur noch die eine Seite der Medaille: alles ist Tanz.

Den Fans Tegnells – und damit meine ich nicht die schwedische Bevölkerung selbst, die, des Schwedischen mächtig, mehr als wir, dem Charme ihres Staatsepidemiologen ausgesetzt ist, zumal es schließlich auch schön ist gemeinsam zu fallen: ein langsames Sinken nach unten, ein gemeinsames Nach-Unten-Schweben wie von Aerosolen oder Liebespaaren vor dem Sex –  ist es völlig egal, inwieweit ihre Projektion mit den Tatsachen übereinstimmt, die wenigsten könnten sie trotz Google-Übersetzer en detail überprüfen.

Während ich den aufkeimenden Palmerismus widerlich und abstoßend finde – ich meine damit Wortmeldungen im Gefolge des grünen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, der kürzlich meinte, wir retteten mit den Beschränkungen lediglich Menschen, die in zwei Monaten ohnehin sterben würden, was nicht nur faktisch falsch ist – die Süddeutsche geht von zwischen 8 und 15 Jahren aus, sondern ethisch katastrophal. Es ist genau jene kaputte Rhetorik eines falsch verstandenen nietzscheanischen Darwinismus oder darwinistischen Nietzscheanismus, kurz: die Naziinterpretation von Darwin und Nietzsche, die in der Feststellung und schließlich in der Liquidierung von vermeintlich lebensunwerten Leben gemündet hat -, fällt es mir angesichts der Öffnung von allem zunehmend schwer, nicht einem barocken Fatalismus à la Andreas Gryphius anheim zu fallen. Warum nicht eine Grillparty im Garten starten, wenn ich in wenigen Tagen ohnehin ohne Schutzausrüstung der Viruslast von über hundert Pubertierenden überantwortet werde?

Der österreichische Boris Palmer heißt übrigens Martin Sprenger, seines Zeichens angeblicher ehemaliger Regierungsberater. Er ist ein Fan Tegnells und geht davon aus, dass sich alles wieder einpendle, wenn man nur alles so lange wie möglich laufen lasse. Sogar die Übersterblichkeit, weil die Corona-Verstorbenen ja eh die Verstorbenen der nächsten beiden Monate seien. Es ist dem jungen Kanzler hoch anzurechnen, dass er, auf Sprenger angesprochen, gesagt haben soll, er suche sich die ExpertInnen, auf die er höre, immer noch selbst aus.

Beim letzten Bissen Schokocroissant erinnere ich mich an meinen ersten Baumarktbesuch vor zwei Wochen. Stau beim Eingang, Warten auf ein desinfiziertes Wagerl, dabei angerempelt werden, den Wagen in der Hand durch die voll gedrängten Regalgänge, ein mir entgegenkommender Mann, der mir völlig ungebremst von Ellbogen oder Hand frontal ins Gesicht niest, mitten hindurch durch seine Maske, mir die hängengebliebenen Tröpfchen mit dem Ärmel aus dem Gesicht wischend, voller Reue, einer von diesen dummen Proleten gewesen zu sein, der wegen dem bisschen Erde für seine Kiwipflanzen, in den Obi fahren musste. Im Baumarkt findet sich sicher nicht das Stammklientel der jetzigen Regierung. Wäre ich die Regierung, würde ich die Öffnung auch im Baumarkt ausprobieren, ist ja kaum die Kernwählerschaft, die sich dabei infiziert. Mit den höheren Infektionszahlen lassen sich hernach die Institutionen, in denen die eigenen Wähler arbeiten, geflissentlich wieder schließen. Oder gar nicht erst aufsperren.

Ich meine, wegen 12 Tagen und so. 12 Tage, denke ich, das ist jene magische Zahl, die jeder Unterstufenschüler heuer noch in der Schule zubringen wird. Nicht 14, wie verschiedentlich, zuweilen auch vom Bildungsminister, behauptet. Nein: Die Gewerkschaft hat zwar nach unlauterem Aufschrei wegen zweier Zwickeltage gemeinsam mit dem Minister ein Papier unterschrieben, aber nicht klein beigegeben. Ein Papier, das der Minister zweimal lesen hätte sollen, empfiehlt es doch eine schulautonome Regelung bezüglich der Zwickeltage. Nun: ich kenne keine Schule, die sich an diesen Tagen für Unterricht entschieden hat. Zudem ist die Benotung im Prinzip durch, empfohlen werden die Noten des ersten Semesters. Also 12 Tage. 12 Tage wegen der wir einen ganzen Sommer riskieren. Ich frage mich: warum? Um für den Herbst eine Art hygienischen Präsenzmodus zu erproben? Wäre es da nicht schlauer, das zu tun, was die wichtigsten deutschsprachigen ExpertInnen empfehlen: die Reproduktionszahl noch ein paar Wochen so weit wie möglich unter eins zu drücken, auf 0,2 oder 0,3 und dann eine Sommerpause, der Juli und August sind gar heiß, und durchstarten im Herbst. Da wäre ich sofort dabei.

Und eine Summer School ab 17. August? Nachdem ich seit dem Lockdown meinen freien Tag eingebüßt habe, für den ich auf Pensionsjahre verzichte, um meine Tochter gut durch die erste Klasse zu bringen. An diesem freien Vormittag, an dem ich eigentlich meinen Roman fertig schreiben wollte, für den ich fast alles riskiere. Den ich nun allein in meinen Sommerferien fertigkriegen muss. Muss! Denn danach drohen Arbeit und Leben wieder in einem fluiden Kontinuum zu zerfließen, in dem Schreiben guten Gewissens nahezu unmöglich ist.

Ja, auch ich bin ein Mann mit Eigenschaften: ein Vater, der seine Tochter bestmöglich begleiten möchte, ein Autor, der seinen Roman ebenfalls bestmöglich begleiten möchte. Einer, der sich das alles nicht nehmen lassen möchte. Nicht von Corona. Nicht von einem preussisch agitierenden Bildungsminister. Nicht vom wirtschaftsgetriebenen Sozialdarwinismus, vor dem auch die, in elegantes Lachsrosa gehüllte, Gratis-Zeitungen nicht gefeit sind. Nicht von der Kriegsrhetorik mancher Politiker.

Weil ich viel rezipiert habe dieser Tage, mehr als die meisten anderen, darunter viele ausländische Zeitungen, viele Podcasts, Videos. Genug, um zu wissen, dass die Leute anderswo sterben wie die Fliegen, genug, um zu wissen, dass die Biologie des Virus hierzulande dieselbe ist wie in Bergamo, New York, Madrid, Wuhan. Apropos Wuhan: Dass dort die Todeszahlen getürkt sind wie nur was, da allein ein Krematorium von immerhin sieben in der 11-Millionenmetropole innerhalb von nur drei Tagen nach dem Lockdown 7000 Urnen (darunter auch die von nicht an Corona verstorbenen Menschen) retournierte, die Übersterblichkeit dort im Dezember bereits bei über 2000 Toten lag, usw.

Wir wissen wenig über das Virus. Wir wissen aber einige Dinge: es ist zehnmal tödlicher als die Grippe und es verbreitet sich exponentiell. Sobald die Menschen zirkulieren, zirkuliert auch das Virus. Wir wissen nicht, ob es saisonale Effekte gibt und die Pandemie während des Sommers abflaut, aber wir wissen, dass eine zweite Welle kommen wird. Simpelste statistische Gewissheit. Die Frage ist nur wann und wie stark. Wir wissen, dass mit Hochdruck an Impfstoffen gearbeitet wird. Wir wissen aber nicht, wann sie fertig sind und massenkompatibel. Wir wissen nicht, wie lange sie wirken.

Wir wissen jedoch, dass es unangebracht ist im Wissenschaftszeitalter, im Digitalen Zeitaler, so zu tun als herrsche ein neues Barock. Als sei man dem schwarzen Tod geweiht, werde sowieso nicht alt, fände ohnehin kein Heilmittel und keinen Impfstoff und könne damit nur mehr eines tun: der Vanitas fröhnen und eine Grillparty nach der anderen schmeißen.

Wir wissen, dass es wirtschaftliche Einbußen geben wird und temporäre Arbeitslosigkeit, wir wissen aber auch, dass es nicht so ist wie nach einem Krieg. Wissen, dass die Infrastruktur unangetastet bleibt und das Know-How und die Menschen, die es anwenden können, uns ebenfalls erhalten bleiben. Wissen, dass eine global vernetzte Wirtschaft nicht in einer Nation wieder zum Laufen gebracht wird oder untergeht (es sei denn es handelt sich um China oder die USA), wissen, dass die Einbußen temporär sind, dass am Ende dieser Krise in Geschichtsbüchern zwar von der größten Gesundheitskrise seit einem Jahrhundert die Rede sein wird, aber nicht von Wiederaufbau nach einem Krieg.

Nein, wir sind nicht im Krieg und brauchen auch keine Helden.

Wir wissen, es ist nicht die Zeit für Mobilisierung, sondern für Demobilisierung.

Wir wissen, dass es Narren sind, die derzeit in Schweden am Werk sind, wissen, dass wir ihren Fall früher oder später erleben werden, doch stoßen wir sie noch nicht vom Podest. Sie bieten uns das alternative Narrativ: Alles ist Tanz.

Wir wissen: Kein Land wird sich in dieser Pandemie ewiges Tanzen erlauben können, wissen, dass es der zu lange Hammer des Lockdowns auch nicht so richtig bringt. Wissen, dass es die gute Mischung sein wird, die wir dann und wann anrühren müssen.

Nein, wir sind nicht im Krieg. Und wir sollten, insbesondere im pädagogischen Feld, Sicherheiten und Kontinuität schaffen und nicht zu wild agitieren und herumexperimentieren. Der Präsenzbetrieb vor den Sommerferien, der jedem Schüler zu gerade einmal 12 Tagen Schule, meistens an anderen Tagen als seine Geschwister in anderen Schulen, verhilft, scheint mir, da der Onlineunterricht meiner Tochter nun endlich wie geschmiert läuft, eine reichlich unzeitige Medizin. Zumal Schulen ohnehin offen waren und jeder, der arbeiten musste, seine Kinder dafür anmelden konnte. Zudem ist die soziale Komponente für die Kinder fragwürdig, da hygienische Rahmenbedingungen ohne militärische Formatierung der Schülerbewegungen nicht gewährleistet werden können. Pädagogik, so wie ich sie verstehe, sollte jedoch keinesfalls eine militärische Zurichtung sein. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass drei Tage Schule und zwei Tage Heimunterricht Entspannung bringen werden. Es ist lediglich die Multiplikation des Bisherigen. Da uns nun mal der Bildungsminister, dem Druck der veröffentlichten Meinung von lachsrosafarbigen Gratisblättern nachgebend, diese halluzinogene Pille verabreicht, ist sie wohl hinunterzuschlucken. Sie weist uns den Weg in eine neue pädagogische Realität. 

Gemeinsam mit meinem zu lange am Herd gelassenen Kaffee, von dem ein weißer Rauch aus meinem Kommunistenhäferl aufsteigt, schlucke ich sie trotz besseren Wissens hinunter und rede mir ein, es sei nur eine Phase kurzen Tänzelns.

Auf den darauffolgenden Hammer in den Sommerferien bestehe ich aber unbedingt. Keine zehn Pferde werden mich da in die Garnison einer Summer-School bringen. Denn es herrscht kein Krieg. Es ist nicht die Phase der Mobilisierung, sondern der Demobilisierung. Und da ziehe ich es vor zu verharren: schreibend, zwei, drei Schritte hinter der Front.


Günter Schütt, geboren 1982 in Wien, hat Lehramt Deutsche Philologie und Philosophie/Psychologie an der Universität Wien sowie Soziale Arbeit an der FH St. Pölten studiert. Er unterrichtet am Gymnasium Groß-Enzersdorf in Niederösterreich. Zudem arbeitet er an Texten mit literarischen sowie kultur- und sozialtheoretischen Themenstellungen.


Titelbild: Okan AKGÜL auf Pixabay

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2 Gedanken zu „Nous ne sommes pas en guerre! Wir sind nicht im Krieg!

  • 18. Mai 2020 um 14:03
    Permalink

    Sg Herr Schütt!
    Ich habe ihren Artikel mit Freude gelesen. Ich denke, dass Sie sich nicht davor sorgen müssen an der Summer School unterrichten zu müssen, denn NOCH haben wir eine Personalvertretung und eine Gewerkschaft unter uns Lehrer*innen :-)
    Und ich denke nicht, dass wir Pädagog*innen verpflichtet werden können, in den Ferien zu arbeiten (unsere Arbeitszeit für 2019/2020 ist schon verbraucht, bei uns in der Pflichtschule ist das der C-Topf).
    Vermutlich werden auch für die SummerSchool „freiwillige Pädagogen“ gesucht werden, so wie zu Ostern oder jetzt an der schulautonomen Tagen. Und es melden sich ja ausreichen Freiwillige…
    Angenehme 9 Wochen Sommerferien!

    Lg Eva Neureiter (Lehrerin in Wien, PV bei apfl-ug/ Öli)

    Antwort
  • 19. Mai 2020 um 16:23
    Permalink

    Kommentar von Sarah Epp-Kampl:

    Danke für diesen „leisen“ und zum Nachdenken anregenden Essay. Ich stimme mit vielen Argumenten überein, der Punkt der Reduktion und Entschleunigung bietet auch eine Chance. Ich persönlich möchte noch einen aus meiner Sicht zwei wichtige Aspekte ergänzen, die für eine Öffnung sprechen. Dies sind die sozialen Teilhabe und die psychische Gesundheit.
    Aus meiner Sicht ist es lebensnotwendig soziale Kontakte zumindest eingeschränkt ausleben zu können, andernfalls folgen psychische und soziale Belastungen und in weiterer Folge psychische Erkrankungen und Perspektivlosigkeit durch Isolation, auch soziale Probleme sind absehbar. Wir haben 1 dreijährigen Sohn (Einzelkind), der bis jetzt noch daheim ist, in 2 Wochen wird er wieder in den Kindergarten gehen. Ich spüre sehr, dass ihm die Kontakte zu den anderen Kindern fehlen und bin froh über eine Perspektive. Ich bin denjenigen dankbar, die dies ermöglichen, den Pädagoginnen im Kindergarten, ihren Assistentinnen und den LehrerInnen an den Schulen.

    Antwort

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