Eine türkische Hochzeit täglich

An Schulen werden die Folgen von Corona-Verdachtsfällen derzeit nicht an der Wurzel eingedämmt, sondern in die Masse der Kontaktpersonen ausgelagert und dort individualisiert.

Von Günter Schütt

In der äußersten niederösterreichischen Peripherie, an der Grenze zu Tschechien, kommt es derzeit zu einem Anstieg von Coronafällen. Die Ursache sind nicht etwa tschechische Grenzgänger, die vor den 3.000 Neuinfektionen täglich in ihrem eigenen Land flüchten wollen – auf tschechische Grenzgänger wartet man im Waldviertel seit dem Fall des eisernen Vorhangs vergeblich, was ich mich als ehemaliger Waldviertler zu diagnostizieren traue. Nein, die Ursache ist eine vor Kurzem stattgefunden habende türkische Hochzeit im Schremser Stadtsaal, der laut „Heute“ ganz locker 700 Leute fasse.

Nur 350 Gäste waren angemeldet, aber angeblich waren es mehr, was dem Gmünder Bezirkshauptmann sauer aufstoße, weil es das Kontaktpersonenmanagment aufs Ärgste verkompliziere und man so wertvolle Zeit verloren habe, um den Cluster einzufangen. 700, wie von „Heute“ behauptet, waren es, wie Videos nahelegen, aber nicht wirklich.

Jedenfalls schießen die Positivtestungen wie müde Schwammerl aus dem tschernobylversehrten Waldviertler Waldboden. Derzeit sind es unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 15 und 43. 160 Bewohner des zuvor nahezu coronafreien Bezirkes befinden sich in Heimquarantäne.
Für mich, der ich als Lehrer täglich zwischen der Wiener Metropole und dem niederösterreichischen Speckgürtel pendle, um in eine Schule mit 800 Schülern und 90 Lehrern zu gelangen, erschließt sich die Aufregung des Gmünder Bezirkshauptmannes dieser Tage nur mehr bedingt. Vielleicht wegen des Aerosolwindes, der mir im Sog der auf der Stiege vorberauschenden Schülerhundertschaften täglich um die Wangen bläst. Vielleicht auch wegen meiner Sitznachbarn im Konferenzzimmer, mit denen ich täglich um genügend Platz rittere.

Der Waldviertler Bezirk mit nur einem, zugegeben nicht unerheblichen, Cluster, erscheint uns Speckgürtellehrern dieser Tage geradezu als paradiesisches Idyll. Bei uns ist nämlich seit 7. September jeden Tag türkische Hochzeit.

Derzeit gibt es in zwei meiner Klassen (Klasse A und B) Verdachtsfälle, wobei ich mich gerne auf die Beschreibung der Situation in Klasse A beschränken möchte, da es sich hier nachweislich um einen begründeten Fall handelt. Des Weiteren bin ich noch in einer Klasse C, die Geschwisterkinder zur Klasse A besuchen.

Die Mutter eines Schülers wird positiv getestet. Sie meldet es korrekt an die Schule. Schüler in Quarantäne. Keine Symptome. Keine Testung. Soweit so gut. Seine Freundin und Sitznachbarin geht weiter in die Klasse, mit ihr hat der junge Mann letzte Woche noch demonstrativ Händchen gehalten und vermutlich auch geschmust. Die Freuden der Jugend.

Am Folgetag fehlen 3 Schüler wegen Erkältungssymptomen. Mehrere Kinder der Klasse niesen wiederholt in meiner Stunde. Sicher nur eine unglückliche Koinzidenz, sage ich. Was das heiße, fragt mich der verschnupfte Felix. Na, eine unglückliche Zusammenkunft mehrerer Faktoren gleichzeitig. Zum Beispiel Corona, Grippe, und ein Schnupfen, weil man das Fenster in der kälter werdenden Jahreszeit zu lange offengelassen hat. Aso, Sie meinen wegen Corona. Ja, eh, sage ich.

Einen Tag später fehlen 7 Schüler, einige davon wegen Fieber. Die Mutter des zuhause kasernierten Burschen macht bei der Schulärztin jeden Tag unterschiedliche Angaben, was die Symptome ihres Schützlings betrifft. Einmal ist er komplett asymptomatisch, dann hat er einen Schnupfen, beim dritten Mal sind das Fieber und der Husten schon wieder abgeklungen.

Wir stehen bei einer Woche ohne Testung, längst macht die Freundin und Sitznachbarin des Betroffenen den Rest der Klasse hysterisch. Wenn er es hat, habe sie es auch, und so weiter. Ihr Vater habe Asthma, was solle sie tun, sie könne ja nicht einfach ausziehen. Ja, eh, sage ich, und verweise auf die gängigen Hygienemaßnahmen. Ich fühle mich schäbig dabei. Immer mehr Kinder der Klasse bleiben zuhause, zuletzt auch die Freundin des Betroffenen.

Zwei Kinder derselben Klasse haben Geschwisterkinder in einer anderen meiner Klassen. Ich nenne sie Klasse C. Es ist meine Klasse. Ich bin ihr Klassenvorstand. Auch hier beginnt das große Fehlen. Die Schüler sind älter, nehmen die Sache ernster, sind aber auch besorgter. Man spürt leichte Panik. 5 Schüler melden sich krank.

Die Eltern haben Fragen. Was ihnen sagen? Nein, wir sind nicht orange, wir sind ja eh gelb. Nein, das Deutsche Außenministerium muss sich irren…das Belgische…okay, die 12 anderen…na eh. Der Bursche aus Klasse A muss nicht getestet werden, weil er ja eh in Quarantäne ist, und seine Freundin und Sitznachbarin ist nur Kontaktperson B, also alles…na eh. Ich gehe auf die Sorgen ein, nenne sie berechtigt, werbe aber auch für Rücksprache bei Verdachtsfällen. Um Massenhysterien vorzubeugen, aber auch, um im Bilde zu sein, falls sich ein Verdacht erhärtet.

Das Ganze mit schweißnassem Hemd, da am Wochenende die 10-Personen-70er-Feier meiner Eltern ansteht. Was müssen sie auch beide im September Geburtstag haben und beide gleich alt sein und ausgerechnet heuer den 70er…

Vier Tage vor besagter Feier sage ich eine Lesung ab, da sie kurzfristig nach drinnen verlegt wurde. Dann höre ich, dass die Quarantäne des Schülers der Klasse A ausläuft. Man hat sie ungetestet verstreichen lassen. Die Mutter sagt der Schulärztin Fieber, Halsweh und Husten habe ihr Sohnemann nicht mehr, nur ab und zu schnupfe er einmal. Die Krankheit, wenn er sie überhaupt gehabt habe, sei jetzt ohnehin ausgestanden. Ja, eh.

Am Tag bevor der Schüler zurückkommt, behauptet seine Freundin fälschlicherweise: alles okay, er sei negativ getestet worden. Die Schulärztin sagt mir auf meine Nachfrage, dass das nicht stimme, es gäbe keinen Test.

In der Zwischenzeit wird die Lebensgefährtin eines Lehrers positiv getestet. Sportlehrer, superfit. Er geht in Quarantäne und bekommt Fieber. Ein paar Tage später fehlt die ganze Reihe im Lehrerzimmer. Sicher nur eine blöde Koinzidenz, sagt meine Kollegin. Sie schickt mir eine WhatsApp mit einem Bericht über den Bezirk unserer Schule. Immer mehr Coronafälle, exakt im Asteroidengürtel unserer Schule. Alles Einzelfälle, es gäbe keinen gemeinsamen Nenner, heißt es im Bezirksblatt. Ja eh.

Es sieht ziemlich ungut aus für die 70er-Feier. Aber ich muss hin, es ist ein Runder, bei dem man sich hinterher in den Hintern beißt, wenn man den Laureaten nicht für alles dankt, was sie einem für das Leben mitgegeben haben.

Feiern wir halt einfach im Garten, meine Eltern auf einem eigenen Tisch, denke ich, während mir die Schulärztin erzählt, dass positiv getestete Mutter und quarantänierter, aber ungetesteter Sohn bei den Telefonaten sich immer gegenseitig das Handy weiterreichen wie ein- und denselben Kaugummi.
Man könne den Burschen nicht zum Test zwingen, sagt die Schulärztin. Ja, eh, sage ich.

Am nächsten Tag sitzt der Schüler wieder in der letzten Reihe neben seiner verschnupften Freundin.

Das Tragischkomische an der Sache: Niemand in meiner Schule hat gegen die geltenden Coronabestimmungen verstoßen und auch nicht die positiv getestete Mutter und schon gar nicht ihr lieber Sohnemann, aber die Situation ist äußerst unbefriedigend. Die Folgen von Verdachtsfällen werden nicht an der Wurzel eingedämmt, sondern in die Masse der Kontaktpersonen ausgelagert und dort individualisiert.

Konkret heißt das für Klasse A: Anstatt einen Schüler zum Test zu bringen, bangen 24 Mitschülerinnen, 15 LehrerInnen, Teilungsklassen und Angehörige. Zudem gibt es noch Klasse C mit den Geschwisterkindern und abermals Teilungsklassen im Sport. Selbst wenn das Ausbleiben von Testungen glücklicherweise nicht zur Bildung eines fetten Clusters führen sollte, sorgt es für wachsenden Unmut bei Eltern, Schülern und Lehrern.
Gut zu hören, dass bald Schnelleinsatzteams zum Gurgeln vor Ort sein sollen, zumindest wenn die Oberen sie den Limes zwischen Wien und NÖ transzendieren lassen. Das könnte uns tatsächlich in ruhigere Fahrwasser bringen, aber auch in beschleunigte Klassen- und Schullockdowns. Denn eine Schule wie meine hält wegen der vielen ausfallenden LehrerInnen maximal zwei Klassenlockdowns aus, sagt der Direktor.

Es tut weh, als eifriger Hörer des Drosten-Podcasts ministeriale Aussagen wie „Kinder spielen bei der Übertragung keine Rolle“ zu hören. Es macht mir Sorge, wenn intelligente Menschen beginnen nur mehr die zweitintelligentesten Dinge zu sagen.

Sie können es nur solange tun, solange sich die Schulgemeinschaft nicht um konsequente Testungen in Schulen bemüht und effektiv die Fälle zählt. Kinder sind nur so lange nicht ansteckend, solange sie aus der Statistik herausfallen, weil sie ungetestet bleiben. Der ungezählte Coronainfizierte, der ungezählte Coronatote, das ungezählte Holocaustopfer… Zählen ist in diesem Fall das Gegenteil von faschistischer Akribie. Kein Wunder, dass die unfreiwilligen Eugeniker unserer Tage keine Freude mit dem von Lauren Gardner an der Johns-Hopkins University entwickelten Corona-Dashboard haben. Ihnen fallen dabei lediglich moralisch nach unten strudelnde Vergleiche á la „die Grippeopfer würden auch nicht so genau gezählt“ ein. Ja eh. Sollte man aber.

Es ist unethisch, gezählte und ungezählte Opfer einander gegenüberzustellen und dabei dem Nichtzählen einen höheren moralischen Status zuzusprechen. Genau das Gegenteil ist wahr. Es wäre infam, die Opfer eines gut dokumentierten Genozids jenen eines (noch) nicht ausreichend dokumentierten gegenüberzustellen (etwa den Holocaust dem Völkermord der Hutu an den Tutsi in Ruanda) und zu behaupten, die gute Dokumentation sei schlecht, weil sie zu viel aufwirble. Die ethische Forderung müsste im Gegenteil lauten: dokumentieren wir den weniger gut dokumentierten Fall ebenfalls möglichst vollständig.

Warum ich hier den Holocaust bemühe? Weil man an seiner Aufarbeitung lernen kann, wie wichtig das Zählen von Opfern ist, die ansonsten der diffusen Freundin des (Nolens-volens-)Eugenikers anheimfallen. Der Wolke des Vergessens.

Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei, heißt es bei Walter Benjamin. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannt habe. Übergeben wir die Coronaopfer ungezählt an das Vergessen, dann fühlen wir uns in ihnen nicht gemeint und bleiben als Gesellschaft unberührt von ihnen. Sie können so nicht zu einer Größe werden, die ein gesellschaftliches Handeln motiviert. Sine tactu non est motus.

Anthony Fauci, der amerikanische Chefvirologe, wurde zuletzt im Fernsehen gefragt, was er hinsichtlich der aktuell 200.000 Corontatoten in den USA von der Unterscheidung von „an-“ oder „mit Corona gestorben“ halte. Nichts, war seine Antwort. Man könne mit guten Gründen davon ausgehen, dass es sich um Menschen handle, die ohne Corona noch am Leben wären. Das sollten wir ernst nehmen.

Entreißen wir dem Vergessen also nicht nur die Coronainfizierten und -toten, sondern auch die zu grob dokumentierten jährlichen Grippeopfer. Spätestens dann werden wir nicht nur ohne eugenische Anmaßungen durch den Coronawinter kommen, sondern es werden zukünftig mehr und mehr Menschen auch dem jährlichen Grippeimpfaufruf folgen.


Günter Schütt, geboren 1982 in Wien, hat Deutsche Philologie und Philosophie/Psychologie an der Universität Wien sowie Soziale Arbeit an der FH St. Pölten studiert. Er unterrichtet Deutsch und Psychologie/Philosophie an einem Gymnasium in Niederösterreich. Derzeit arbeitet er zudem an der Fertigstellung seines ersten Romans mit dem Titel Sana – Reise nach Bosnien und einem Essay über das österreichische Schulsystem (Mandelbaum Verlag)

Titelbild: Corona@school (chiplanay auf pixabay.comPixabay License)


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