Den Fokus auf das Gute richten

Wohlbefinden, Glück und Lebensfreude – damit beschäftigt sich die Positive Psychologie, ein relativ junger Zweig, gegründet Ende der 1990er Jahre von Martin Seligman und Mihalyi Csikszentmihalyi. Im Zentrum steht nicht die Linderung von Leid, sondern eine “wissenschaftlich begründete Anleitung zum Glücklichsein”.

Von Eva Daspelgruber

Neben zahlreichen anderen Interventionen schlägt Seligman vor, jeden Abend vor dem Schlafen gehen drei Dinge aufzuschreiben, die an diesem Tag schön waren. Diese Idee habe ich vor drei Jahren aufgegriffen und schreibe seither regelmäßig meine “Schöne-Momente-Notizen”. Große und kleine Dinge, die am jeweiligen Tag passiert sind. Dinge, die gut liefen, die ich genossen habe, die schön waren.

Da war zum Beispiel letzte Woche diese alte Frau im Park. Ich fuhr nach der Arbeit mit dem Rad nach Hause – den Kopf voll mit Dingen, dich noch zu erledigen hatte und müde. In Gedanken versunken sah ich sie plötzlich mitten in der Wiese. Sie saß im Rollstuhl, eine Decke über die Oberschenkel gebreitet und ihr Gesicht der Herbstsonne entgegen gestreckt, die Augen geschlossen. Ein wunderbares, friedliches Bild. Ein Moment, den ich am Abend festhielt und der dadurch nicht mehr vergessen wird und mir auch später noch beim Durchblättern ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Anfangs ist es schwierig, sich diese neue Gewohnheit anzueignen, aber nach einer Weile wird sie ein fixer Bestandteil des Tages. Wichtig ist, das Ganze wirklich als letzten Punkt am Tag zu erledigen, weil es dann eine positive Wirkung auf das Leben hat. Es macht etwas mit uns, wenn wir am Ende eines Tages das Hirn nach den guten und schönen Dingen durchforsten. Solche, die uns mit einem Lächeln und positiven Gedanken einschlafen lassen.

Gedanken wie jene, die ich an dem Abend hatte, als ich die Treppe von der Straßenbahnhaltestelle nach draußen ging. Neben mir ein junger Mann mit schwarzen Handschuhen. Es schneite und er hielt die Handflächen nach oben und betrachtete fasziniert die einzelnen Schneeflocken bevor sie schmolzen. Ein wunderschönes Bild, das Eingang in meine Notizen gefunden hat.

Studien zufolge führt diese Methode neben anderen Interventionen aus dem Bereich der Positiven Psychologie zu einer Verbesserung des Wohlbefindens und kann selbst vorhandene Depressivität reduzieren. 

Für mich veränderte sich der Fokus, ich achte viel mehr auf die kleinen Dinge, die oft übersehen werden. Die Nachbarin, die mir einen Apfel schenkte, weil ich ihre schweren Säcke ein paar Stufen bis zu ihrer Wohnung getragen habe. Ein Nachmittag im Freibad, an dem es zu regnen begann, die Leute kreischend Unterstand suchten und ich mit riesengroßer Freude im Becken blieb – nass war ich ja schon. Ein Maulwurf, dem ich beim Eingraben zusehen konnte. Ein Regenbogen am Ende des vom gerade versiegten Sommerregen dampfenden Weges. Die Hand des Freundes meiner Tochter, die nach der ihren tastete und sie drückte, als die beiden zum ersten Mal in den Hort gingen. Die gemeinsamen Freudentränen, als eine liebe Bekannte beim zweiten Anlauf die praktische Führerscheinprüfung schaffte, bei der ich auf dem Beifahrersitz mitfuhr.

Auch für Kinder ist diese Methode geeignet. Seit dem Kindergartenalter frage ich meine Tochter, was an dem Tag das Schönste für sie war. Sie besteht zwar nach wie vor darauf, auch “das Schiachste” zu nennen, aber dann kommen all die positiven Dinge des Tages. Spannend für mich, das Leben und seine Glücksmomente aus ihrer Perspektive zu sehen. 

Und ja, es gibt Tage, da lässt sich so gar nichts Gutes finden – so viel ich auch suche. Sie sind selten, denn irgendetwas Schönes passiert auch an subjektiv furchtbaren Tagen. In dem Fall hilft es dann, die bestehenden Notizen herzunehmen und in der Fülle an guten Ereignissen zu schmökern, die mir widerfahren sind. Schon allein deswegen werde ich diese positive Gewohnheit beibehalten.


Titelbild: Eva Daspelgruber

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