Die Ursachen benennen, die Mythen beseitigen
Für Monate – wenn nicht Jahre – waren sie aus dem Gedächtnis verdrängt und in Vergessenheit geraten: Flüchtende und Schutzsuchende. Ebenso seit Monaten – eher Jahren – haben sich die Verhältnisse für diese Menschen nicht geändert. Und ebenso lange hat sich an der Debatte über Flüchtende nichts geändert. Die Debatte bleibt aufgeheizt und verlogen. Die folgenden Zeilen wollen die Ursachen benennen und mit den Mythen aufräumen.
Von Fabian Wimmer
Nun sind sie seit einigen Wochen wieder in aller Munde: „Der Asylant“ und „Wirtschaftsflüchtling“ an der bosnisch-kroatischen Grenze und auf den griechischen Inseln. Seit Beginn der großen Fluchtbewegung im Sommer 2015 verharren tausende Menschen zwischen Ägäis und Save ohne adäquater Hilfe. Seit spätestens diesem Jahr ist es auch kaum möglich eine konstruktive Debatte über Flüchtende oder Asyl- und Schutzsuchende zu führen. An einem gewissen Punkt kippen die Auseinandersetzungen beinahe immer von einer empirisch, auf Fakten basierenden hin zu einer von Emotionen aufgeladenen Diskussion. Häufig wird dann argumentiert, dass der Großteil aller nach Europa kommenden Flüchtlinge sich entweder aus ökonomischen Gründen oder überhaupt ohne Grund auf den Weg machen würde.
Doch diese „These“ ist schlicht und einfach populistischer Unfug. Denn, wie bei so vielen politischen Themen, fehlt auch in dieser Thematik der Wille den tatsächlichen Gründen und Ursachen auf den Grund zu gehen und zu erklären. Sei es aus politisch-taktischen Gründen oder weil geglaubt wird, Leser_innen, Zuschauer_innen oder Wähler_innen dadurch zu viel zuzumuten. Obwohl es der europäischen Bevölkerung zumutbar und auf Grund der historischen Verantwortung immanent ist. Im Folgenden möchte ich es – als Historiker – so einfach wie möglich versuchen die wahren Ursachen chronologisch darzustellen.
Zurzeit kann man die Problematik grob in zwei „Ursachengruppen“ unterscheiden. Ich möchte die eine ökonomisch-afrikanische und die andere politisch-arabische beziehungsweise politisch-nahöstliche Gruppe nennen. Selbstverständlich ist mir klar – und sollte dem Leser/der Leserin der folgenden Zeilen ebenso klar sein –, dass dieses Thema ein vielschichtiges und komplexes ist und sich aus weitaus mehr Ursachen zusammensetzt. Aber diese zwei Gruppen sind die ausschlaggebenden Auslöser der Migrationsbewegungen in Richtung Europa und mit allen anderen Ursachen in Kontext zu setzen.
Afrika – Der Fluch des Reichtums
Beginnen wir mit der ökonomisch-afrikanischen Fluchtursache. Heimatvertriebene auf Grund von wirtschaftlichen Turbulenzen hat wie bereits erwähnt viele, unter anderem historische Ursachen. Und da sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ aktuell hauptsächlich aus Afrika stammen, wollen wir uns diesen Kontinent genauer anschauen. Historisch gesehen war dieser Erdteil aus europäischer Perspektive immer schon als Melkkuh auf diverse Art und Weise gehandelt worden.
Wenn man bis in die Antike zurückgehen möchte, war die Region des heutigen Ägyptens die Kornkammer des Imperium Romanum. In der iberischen Phase der Kolonialisierung und Expedition, wurde von Portugal entlang der westafrikanischen Küste bis zum Kap der Guten Hoffnung Stützpunkte errichtet. Ziel war es die Handelsrouten zu den lukrativen Gewürzinseln im Indischen Ozean zu sichern und in späterer Folge an Sklaven, für die Kolonien in der Karibik sowie Nord- und Südamerika, zu gelangen.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb das innere Afrika für die europäischen Großmächte jedoch eher nebensächlicher Schauplatz und ein weißer Fleck auf der Landkarte. Erst mit den 1870er und 1880er Jahren, beispielsweise mit der Berlin-Kongo-Konferenz, rückte der afrikanische Kontinent immer mehr in den Mittelpunkt der geopolitischen und ökonomischen Interessen der europäischen Großmächte – nicht zuletzt auf Grund des Börsenkrachs 1873 und des daraus resultierenden Schrumpfens der europäischen Märkte und der Suche nach neuen Absatzmärkten um die negativen Handelsbilanzen zu verbessern.
Durch Expedition und Mission wurde immer mehr das Innere des Kontinents erkundet sowie für diverse Großmächte in Besitz genommen, allen voran für Großbritannien und Frankreich. Die Kolonialstaaten unterdrückten die indigene Bevölkerung, beuteten Mensch und Natur aus und zogen Grenzen wie es ihnen beliebte – ohne auf ethnische, demographis…

