Republik der Gastfreundlichen

Die Abschiebung von Kindern hat (diesmal) hohe Wellen geschlagen. Das Vorgehen der Behörden dabei ist aber typischer für unser Land als die Empörung darüber. Von arbeitenden, zahlenden und unerwünschten Gästen.

Ein Gastbeitrag von Markus Auer

Es ist zweifellos eine Verbesserung, dass man als Bürger_in einer Republik nicht mehr wie im Feudalismus zum Frondienst gepresst, sondern für seine Arbeit bezahlt wird. Für viele Bürger_innen mag es eine persönliche Verbesserung sein, dass schlecht bezahlte, aber körperlich anstrengende Arbeit nicht mehr von ihnen selbst verrichtet, sondern von Menschen aus anderen Länder, sogenannten Gastarbeitern geleistet wird. Es ist wohl eine Besonderheit des deutschen Sprachraums, dass man Gäste arbeiten lässt, aber zumindest klingt es besser und vor allem freundlicher als die frühere Bezeichnung Fremdarbeiter.

Einige Bürger_innen meinen, es sich noch verbessern zu müssen, indem sie diesen Gästen, die ihnen z.B. bei der Ernte helfen, weniger Lohn zahlen als zuvor versprochen, und sie dafür länger arbeiten zu lassen als vereinbart. 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Im Akkord. Für weniger als den bei uns zum Überleben nötigen Mindestlohn. Bei Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist ein Wechsel der Plantage keine Option. Die Plantagenbesitzer_innen bestimmen über die Rückreise – für die Dauer des Arbeitsvertrages sind die Arbeitenden diesen ausgeliefert. Dass die Nachtlager der Helfenden nun Gemeinschaftsunterkunft genannt werden, ist auch bloß eine linguistische Verbesserung. Früher wurden Menschen aus anderen Ländern in die Sklaverei verschleppt, heute kommen sie aus der Not heraus „freiwillig“. Ihnen die Kosten für Reise und Unterkunft auch noch zu verrechnen, scheint manchen ein verbessertes Geschäftsmodell.

Eins der Loblieder auf den Kapitalismus besagt, dass im Vergleich zur Sklaverei oder dem Feudalismus der Kapitalismus eine Verbesserung ist, weil alles freier, produktiver und effizienter läuft. Bloß nicht für alle. Wie wir unsere Gäste und Helfer_innen behandeln, ist eine Schande und definitiv verbesserungswürdig. Aber solange die nicht wählen dürfen, heißt es vermutlich weiterhin: „Liebe Österreicher & Österreicherinnen, die in Österreich leben …“.

Spätestens seit dem – durch die politischen Reaktionen auf die Corona-Krise verursachten – drastischen Rückgang der touristischen Einnahmen sollte allen klar sein, wie wichtig Menschen aus anderen Ländern für unsere Republik sind. Dabei müsste dies doch gerade den ach so wirtschaftskompetenten bürgerlichen Parteien schon lange bewusst sein, da der Anteil des Tourismus am BIP in Österreich ca. 15% betragen hat. Voller Stolz verkündete die Branche jedes Jahr die Nächtigungszahlen und steckte viel Geld in Werbung, um noch mehr Touristen_innen ins Land zu locken. Touristen_innen, das sind Ausländer_innen zu denen man Bitte sehr, Danke schön und G’scham’ster Diener sagt. Manche machen sogar ein Buckerl dazu.

Dann gibt’s da noch die anderen Ausländer_innen, zu denen sagt man: „Schleichts Euch!“ ohne Bitte, und baut Grenzzäune – auch um viel Geld – um ihre Einreise zu verhindern. Haben wir ein Glück, dass die Touristen_innen nicht merken, dass auch sie Ausländer_innen sind, und sich solidarisch verhalten könnten. Am End‘ wär’s uns nicht möglich die Gastarbeiter anständig zu entlohnen, die unsere zahlenden Gäste bedienen, und wir könnten nicht mehr so wunderbar gastfreundlich sein.

Corona hat uns einen leichten Vorgeschmack auf die möglichen Folgen eines Fernbleibens von Menschen aus anderen Ländern gezeigt, wobei ich bezweifle, dass es für den Tourismus Finanzhilfen gegen die Auswirkungen unserer Fremdenfeindlichkeit gäbe. Aber wer weiß, vielleicht würden wir uns auch in dem Punkt noch wundern, was alles möglich ist.


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Titelbild: Ketut Subiyanto von Pexels

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