Corona-Krise erhöht die Jugendarbeitslosigkeit deutlich

Junge Menschen gehören zu den Hauptbetroffenen der Corona-Krise. Kurzarbeit konnte eine noch dramatischere Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit vermeiden, dennoch besteht dringender Handlungsbedarf. Die Bundesregierung muss der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit jetzt höhere Priorität einräumen und ein Gesamtkonzept zur Reduktion vorlegen.

Von Johann Bacher und Dennis Tamesberger (A&W-Blog)

Ein bekannter Befund ist, dass junge Menschen überdurchschnittlich von Wirtschaftseinbrüchen betroffen sind. Für Betriebe erscheinen die Kosten geringer, wenn sie jüngere Mitarbeiter*innen entlassen, da sie in ihre betriebs- und berufsspezifische Qualifizierung weniger investiert haben. Junge Menschen, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten, sind eher in ungeschützten Branchen mit hohem Arbeitslosigkeitsrisiko tätig. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen haben junge Menschen in Österreich häufiger geringfügige und/oder befristete Beschäftigungsverhältnisse, arbeiten häufiger in Branchen mit kurzen Kündigungsfristen und sind häufiger bei Arbeitskräfteüberlassungsfirmen angestellt. Da die Corona-Krise nicht alle Branchen gleich trifft, sind junge Menschen noch mal zusätzlich betroffen, weil sie auch häufiger im Tourismus beschäftigt sind.

Hohe Beschäftigungsverluste

In den Monaten März, April, Mai ging die unselbständige Beschäftigung bei Jugendlichen unter 25 Jahren im Vergleich zum Vorjahr zwischen 7,2 Prozent und 8,6 Prozent zurück. Absolut haben in diesen Monaten zwischen 31.000 und 38.000 junge Menschen ihren Job verloren oder konnten keine Arbeit aufnehmen. Bei den anderen Altersgruppen waren die Rückgänge weniger stark ausgeprägt. Mit jedem Lockdown im Jahr 2020 waren unmittelbare Jobverluste bei Jugendlichen verbunden. Auch im Dezember verzeichneten junge Menschen einen Beschäftigungsrückgang von 7,1 Prozent – rund 31.000 weniger jugendliche Beschäftigte als im Vorjahr. Bei den geringfügig Beschäftigten war der Rückgang relativ noch stärker ausgeprägt. Ende des Jahres betrug der Rückgang bei den geringfügig beschäftigten Jugendlichen -15.395 (-19,8 Prozent).

Grafik: A&W-Blog

Hohe Jugendarbeitslosigkeit

Der erste Lockdown im März führte zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der Betroffenen. Im April 2020 waren 61.216 Jugendliche und junge Erwachsene als arbeitslos registriert, hinzu kamen 22.568 Personen in Schulungen und 8.311 Lehrstellensuchende. Die Gesamtzahl der Betroffenen stieg somit im April 2020 auf über 92.000 an. Nach einer Erholung im Sommer stiegen die Zahlen seit Oktober wieder. Während des ersten Lockdowns gingen die Schulungen deutlich zurück. Erst ab September hat sich die Zahl der Schulungsteilnehmer*innen wieder erholt, was aber ausschließlich auf Wien zurückzuführen war. Die Anzahl an Lehrstellensuchenden stieg im März, April, Mai abrupt auf fast 8.800 Jugendliche an. Mit dem Ende des Schuljahres kletterte die Anzahl der Lehrstellensuchenden auf über 11.500 Jugendliche. Ab September 2020 kam es zu einer Entspannung am Lehrstellenmarkt, aber im Dezember stieg die Anzahl bereits wieder.

Mit Jänner 2021 ergibt sich folgendes Bild:

  • ca. 45.400 Jugendliche und junge Erwachsene sind beim AMS als arbeitslos erfasst
  • ca. 26.900 befinden sich in Schulungen
  • ca. 7.400 sind lehrstellensuchend

Das ergibt in Summe fast 80.000 Jugendliche und junge Erwachsene ohne Beschäftigung. Zu beachten ist, dass in dieser Zahl einige Gruppen nicht erfasst sind, wie z. B. Schüler*innen und Studierende, die eigentlich gerne arbeiten würden, aber wegen fehlender Jobs im Bildungssystem bleiben.

Grafik: A&W-Blog

Höchstes Risiko im Tourismus und in den sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen

Ende des Jahres 2020 ist eine dramatische Situation in der Branche Beherbergung und Gastronomie zu beobachten. Die Arbeitslosenquote von Jugendlichen stieg von 7,3 Prozent im Dezember 2019 auf 23,7 Prozent im Dezember 2020. Dies bedeutet, dass fast jede*r vierte Jugendliche im Arbeitskräftepotenzial dieser Branche arbeitslos ist. Ähnlich hoch ist die Arbeitslosenquote der Branche Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, wo auch die Leiharbeit eine Rolle spielt. Diese Branche hatte aber auch im Vorjahr eine sehr hohe Arbeitslosenquote, was auch auf bereits vor der Krise bestehende unsichere Beschäftigungsverhältnisse hindeutet. Einen relativ hohen Anstieg von 8,8 Prozent im Dezember 2019 auf 12,6 Prozent im Dezember 2020 verzeichnete auch der Kulturbereich.

Grafik: A&W-Blog

Kurzarbeit war wichtigstes Instrument

Seit der Corona-Krise ist die Jugendarbeitslosigkeit deutlich gestiegen, aber nicht so dramatisch wie erwartet. Entscheidend hierfür war die enorme Inanspruchnahme der Kurzarbeit. Im April 2020 befanden sich fast 150.000 Jugendliche und junge Erwachsene in Kurzarbeit. Das war jede*r dritte unselbständig Beschäftigte unter 25 Jahren. Es ist offensichtlich, dass durch Kurzarbeit hier Hunderttausende Beschäftigungsverhältnisse sowie zahlreiche Lehrstellen für Jugendliche gesichert wurden. Im November (Dezember-Daten noch nicht verfügbar) befanden sich immer noch knapp 15.000 Jugendliche und junge Erwachsene in Kurzarbeit.

Es braucht ein Gesamtkonzept gegen Jugendarbeitslosigkeit

Auch wenn die ministerielle Taskforce Jugendbeschäftigung eine Reihe von Maßnahmen auflistet, scheint ein wirkungsorientiertes Gesamtkonzept und eine Arbeitsmarktoffensive zu fehlen. Während die Ausbildungspflicht bis 18 offensichtlich senkend auf die Jugendarbeitslosigkeit wirkt, scheinen die Maßnahmen bei jungen Erwachsenen entweder nicht ausreichend oder nicht passend zu sein. Denn bei jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren stieg die Arbeitslosenquote von 9 Prozent im Dezember 2019 auf 12,1 Prozent im Jahr 2020. Dies ist der höchste Anstieg unter allen Altersgruppen. Ebenso problematisch ist das neue Phänomen Langzeitarbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Im Dezember 2020 ist die Anzahl an arbeitslosen Jugendlichen mit einer Vormerkdauer zwischen sechs Monaten und einem Jahr um 3.349 (+572,5 Prozent) gestiegen und bei Jugendlichen mit einer Vormerkdauer über einem Jahr um 816 (+627,7 Prozent). Hier besteht akuter Handlungsbedarf. Angesichts der düsteren Konjunktur- und Arbeitsmarktaussichten für das Jahr 2021 sollte die Bundesregierung ein wirkungsorientiertes Gesamtkonzept zur Reduktion der Jugendarbeitslosigkeit vorlegen: Unserer Meinung nach sollte dieses an folgenden Punkten ansetzen:

  1. Vermeidung von Bildungsabbrüchen und Reduktion der Bildungsarmut im Bildungssystem. Zusätzlich in Aussicht gestellte Fördermittel sollten sozial-indiziert an Schulstandorte verteilt werden.
  2. Ausbau von Schulungen und der überbetrieblichen Lehre.
  3. Die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre sollte dahingehend optimiert werden, dass tatsächlich alle Jugendlichen eine Ausbildung machen und Hilfsarbeit bei Minderjährigen nicht stattfindet. Die Angebote für junge Erwachsene zwischen 20 und 24 Jahren sollten deutlich ausgebaut und als Recht auf Ausbildung konzipiert werden. Damit sie längerfristige Weiterbildungsangebote annehmen (können), braucht es eine ausreichende, längerfristige finanzielle Unterstützung. Die Kürzungen der Ausbildungsbeihilfen sind wieder zurückzunehmen.
  4. Finanzielle Unterstützung von geringfügig Beschäftigten, die ihre Stelle verloren haben.
  5. Rasche Erweiterung der Kapazitäten im Bereich des kostenlosen psychologischen und psychotherapeutischen Angebots, damit z. B. Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Bewältigung der Arbeitslosigkeit geholfen werden kann.
  6. Konjunkturbelebende Maßnahmen zum Ausbau der sozialen und ökologischen Infrastruktur. Davon würden Jugendliche besonders profitieren, da die Jugendbeschäftigung sehr schnell auf konjunkturelle Erholung reagiert.
  7. Beschäftigungspolitische Maßnahmen für benachteiligte Jugendliche. Sie sollten niederschwellige Beschäftigungen in einem geringen Stundenausmaß ermöglichen.
  8. Eine Jobgarantie für alle jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24 Jahren. Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass auch Jugendliche mit erfolgreichem Lehrabschluss, einer Matura oder mit Abschluss eines Studiums von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Diese neuen Zielgruppen brauchen meist keine Schulungen, sondern vor allem Arbeitsplätze. Hier könnte der Staat die Knappheit an Arbeitsplätzen in der Privatwirtschaft kompensieren.
  9. Mehr Mitbestimmung. Bei der Taskforce Jugendbeschäftigung waren weder wissenschaftliche noch sozialpartnerschaftliche Expert*innen oder Jugendorganisationen eingebunden. Im Hinblick auf die Treffsicherheit und Teilnahmebereitschaft sowie zur Förderung der Demokratie wäre dies notwendig.

Eine umfassende Analyse der Jugendarbeitslosigkeit in der Corona-Krise 2020 erscheint demnächst in der wirtschafts- und sozialpolitischen Zeitschrift WISO.

Titelbild: Markus Winkler auf Pixabay 

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