Vom Suchen und Finden: Der Mensch im Antiquariat

In einer Pandemie wird das Antiquariat zu einem Ort sozialer Interaktion, an dem Beobachtungen zur Conditio Humana gemacht werden können.

Eine Kolumne von Andreea Zelinka (Rotes Antiquariat Wien)

Ich habe ja Kund_innen im Laden. Glaubt man zwar nicht und das auch zurecht – immer mehr Antiquar_innen führen keinen öffentlichen Ladenbetrieb mehr und vertreiben ihre Stücke ausschließlich im Internet, aus ihren mit Büchern in Regalen und Kisten vollgestopften Lagern, jedenfalls stelle ich es mir so vor. Es gibt freundliche und unfreundliche Kund_innen und auch die unfreundlichen sind freundlich, lernt man sie erst einmal besser kennen. Klar, es gibt auch die, die sich über die in der Auslage präsentierten Bücher echauffieren, in den Laden stürmen, um mir aufgebracht zu erzählen, dass die Bücher in der Auslage murks sind und mir ihr umfassendes Unverständnis darüber zum Ausdruck bringen wollen. Soll es geben. Gibt es auch.

Aber das ist schon ok. Ich sitze dann da und höre mir die Meinung meines Mitmenschen an und schaue ihm dabei zu, wie die Welle der Entrüstung durch ihn hindurch fährt. Was ich dann machen kann, wenn in dem 20m² mit Bücher zugestellten kleinen Geschäft ein Mann mittendrin vor mir steht, um sich aufzuregen? Die beste Reaktion ist keine Reaktion. Achtsam bleiben und die lodernde Leidenschaft dieses Menschen zu Büchern genießen, um die Conditio Humana in ihrer Entfaltung zu betrachten.

Wie gesagt, das ist die Ausnahme. Es gibt keinen Sturm auf das Rote Antiquariat, niemand sitzt auf meinem Sessel an meinem Schreibtisch und macht Selfies von sich. Aber es kommen doch immer wieder Menschen herein, schauen sich um oder suchen nach etwas ganz Konkretem. Nach dem wochenlangen Lockdown war es ungewohnt, wieder Kundschaft zu haben. Ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt, so viele Menschen auf einmal zu sehen. In den ersten Tagen der Öffnung Anfang Februar kamen Menschen herein, die erleichtert waren, dass es uns noch gibt. Viele derjenigen waren nicht einmal Stammkund_innen und trotzdem freuten sie sich. Das erzählt viel über die derzeitige Situation der Menschen, ihrer Sehnsüchte und Verzweiflung, wenn der Ort des Konsums zum einzigen Ort sozialer Interaktion wird. Freund_innen erzählten mir, wie es in den letzten Wochen ihr absolutes Highlight war mal in einen anderen Supermarkt zu gehen, anstatt in den für sie gewöhnlichen. Eine Freundin beschrieb es mit den Worten: „Neue Supermärkte besuchen ist der neue Kick“, um dann festzustellen: „Einfach nur arg, was der Lockdown mit dem Hirn macht“.

Ich bin sehr froh, wenn Menschen in den Laden kommen, um etwas zu kaufen. Auch wenn ich persönlich die Öffnung der Geschäfte nicht unterstütze, ist es für die Kassa gut mal wieder ein paar Bücher zu verkaufen, denn dann können auch die laufenden Kosten gedeckt werden. Ich freue mich, wenn sich die Menschen darüber freuen, mal wieder verweilen zu dürfen, ein bisschen zu stöbern und ihre mit Mund-und-Nasenschutz bedeckten Nasenspitzen in die teils staubigen Bücher zu stecken.

Es gibt mir auch die Gelegenheit zum Austausch und mehr über die Conditio Humana des sogenannten Sammlers zu erfahren – wie hat er sich verhalten während des Lockdowns? Hat er seine Sammelleidenschaft im Internet ausgelebt oder saß er gar ganz auf dem Trockenen? Bei einem Sammlerduo fand sich beides: den einen, der im Internet weiter sucht und findet und den anderen, der seit Wochen kein fremdes Buch mehr in die Hand genommen hat. Wobei der Erste bereits vor der Pandemie online stöberte.

So gehen die Tage dahin bis zum nächsten Lockdown, der hinter der nächsten Ecke lauert.


Titelbild: Eli Digital Creative auf Pixabay 

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