Post wird nach 50 Jahren endlich zugestellt

Eine rührende Geschichte aus Siebenbürgen.

Ein Gastbeitrag von Jens Krumpholz

Seit 2017 bereise ich Siebenbürgen sehr intensiv und habe bei meinem letzten Aufenthalt im September vergangenen Jahres durch Zufall in einer gemütlichen Bar nahe des Großen Markt in Hermannstadt Wolfram Beck aus Neustadt an der Weinstraße kennengelernt. Nach einer gewissen „Kennenlernphase“ erzählte er mir eine für mich herzzerreißende und außergewöhnliche Geschichte. Vereinfacht wurde das alles, als wir beide feststellten, dass er so wie ich aus der ehemaligen DDR stammt und Sachse ist, dass wir beide als junge Menschen familiäre Opfer des geteilten Deutschland waren und beide eine Fluchtgeschichte vor dem Fall der Mauer hinter uns gelassen haben.

Wolfram war zu DDR-Zeiten ein reiselustiger Tramper (damals 18 Lenze alt) und kam über verschiedene Umwege im Rahmen eines Urlaubstrips nach Bulgarien an das Schwarze Meer. Im August/September 1973 war er zusammen mit seinem Bruder von Zeulenroda aus in Thüringen per Autostopp nach Constanza und Mamaia gestartet.

Auf der Rückreise in Richtung Heimat (DDR) erfuhren beide durch Zufall von einer preisgünstigen Übernachtungsmöglichkeit in den rumänischen Karpaten bei einer netten Familie mit Nachnamen Bălan in der Ortschaft Rucăr/Judeţul Argeş. Dort wurden sie nach der erfolgreichen Suche nach jener Familie auch sofort herzlich aufgenommen. Die beiden Brüder mit ihren langen Haaren im typischen 70er DDR-Style und der Gitarre im Reisegepäck waren im ganzen Ort eine Sensation für die Leute. Am ersten Abend luden hiesige Jugendliche beide auch gleich zu einer anstehenden Geburtstagsparty ein.

Wolfram hatte als passionierter Hobbyfotograf auch einen Fotoapparat (Penti2) dabei, so entstanden zahlreiche s/w Bilder von den damals dort lebenden Menschen und der Umgebung, von denen nach fast einem halben Jahrhundert heute natürlich aus Altersgründen einige leider nicht mehr auf der Welt sind und sich Straßen und Häuser im gesamten Ortsbild verändert haben. 1974 reiste Wolfram nochmals nach Rumänien und hat aus dieser Zeit auch noch einen Fundus an Farbfotos in petto.

So, nun zurück zum Beginn meiner Ausführungen, als ich mich mit Wolfram in Hermannstadt über alles angeregt unterhielt.

Auf meine Frage hin, „Was hast Du nun vor, mit all Deinen schönen Erinnerungen aus Jugendzeiten zwischen den zwei einst kommunistisch geprägten Ländern der ehemaligen DDR und der ehemaligen Volksrepublik Rumänien? Vor allem was tust Du mit den vielen Fotos? Hast Du diese zu der damaligen Zeit den Leuten per Post zukommen lassen?“ Seine Antwort: “Leider haben alle meine Versuche nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Die Post kam leider immer wieder an meine alte Adresse in Zeulenroda als ‘unzustellbar’ zurück in den Jahren 1973/74.”

Dann sagte er mir: „Eigentlich bin ich dieses Mal fest entschlossen, jenen Ort in den Karpaten und die nette gastfreundliche rumänische Familie irgendwie wieder zu finden, und ihnen endlich diese historischen Erinnerungen verewigt auf den s/w und Farbfotografien persönlich zu überreichen“.

Das Dorf inmitten der transsilvanischen Karpaten.

Dann überlegte ich kurz, wie ich Wolfram dabei behilflich sein könnte, diesen langgehegten Herzenswunsch realisieren zu können. Also, wir benötigen auf jeden Fall ein Auto und einen erfahrenen Übersetzer. Ich telefonierte am selbigen Abend mit Werner, einen in Hermannstadt lebenden Steirer welcher Mobil ist. Gesagt getan und der „Neuhermannstädter“ sagte noch um Mitternacht, „kommt doch auf einen Sprung bei mir vorbei“. Das taten wir und Werner sagte: „Klar helfe ich Wolfram dies zu realisieren“. Dann rief ich meinen bereits 2017 kennengelernten Siebenbürgersachsen Karl aus Hermannstadt an und fragte ihn, ob er uns bei dieser Suche helfen würde. Karl sagte auch sofort zu.

Also starteten wir noch am Folgetag alle drei von Sibiu Richtung Rucăr/Judeţul Argeş und der vorhandenen alten postalischen Adresse mit Navigationshilfe sowie der zahlreichen Fotos von damals im Gepäck.

Nach Umwegen, da es einen Ort mit exakt selbigen Namen Rucăr nähe der Ortschaft Făgăraș im Kreis Brașov gibt und uns ein netter Herr mit Ortskenntnissen erklärte „wir seien hier völlig falsch“ gab uns dieser zumindest schon mal annähernd die richtige Richtung an.

Nach indessen acht Stunden intensiver Suche und Fahrtzeit über traumhafte Berglandschaften und Ortschaften inmitten der Karpaten kamen wir endlich im richtigen Ort an. Hier machten wir uns alle gemeinsam an die „Arbeit“ und befragten etliche Bewohner anhand der fast 50 Jahre alten Fotos, wo dieses Haus sich genau befindet oder ob sich jemand an die Menschen aus dieser Zeit erinnern kann. Viele Befragungen liefen ins Leere. Am späten Nachmittag, es wurde schon langsam dunkel, machten wir schon fast verzweifelt an einem kleinem Lebensmittelladen halt. Gegenüber standen ein paar Herren mit einer Flasche Feierabendbier und eine nette Dame. Tatsächlich war der letzte verzweifelte Versuch die Familie zu finden EIN VOLLTREFFER.

Die Dame erkannte die Menschen auf den Bildern nach längerem anschauen und überlegen dann doch. Hier musste Wolfram leider auch erfahren, dass einige nicht mehr am Leben sind. Jedoch eine Frau auf dem Foto lebe auf jeden Fall noch.

Damit wir nicht wieder falsch im Ort „herumirrend“ umeinander fahren, fragten wir einen jungen Herren, ob er bitte so nett sei und mit uns zusammen im Auto zu dem genannten Haus begleiten würde. Gefragt getan.

Endlich standen wir vor dem gesuchten „Objekt der Begierde“ und ein Herr kam uns im Hof entgegen, fragte auf rumänisch „Ce cauți aici?“ (Was suchen Sie hier?) und Karl, unser Übersetzer, erklärte ihm freundlich und in Ruhe unser Anliegen. Dann kam die Schwester, Christina Simona, zu ihrem Bruder mit Vornamen Nelu hinzu und sah sich die Fotos an, die ihr Wolfram zeigte und ab diesem ich nenne es passenderweise „Aha-Effekt“ verwandelte sich die Skepsis über die seltsamen Besucher aus Germania in pure Überraschung gefolgt von purer Freude. Wir wurden alle zusammen herzlich willkommen geheißen in natürlich typisch rumänischer gastfreundlicher Manier.

Es gab selbstgebackenen Kuchen, Kaffee und selbstgebrannten Schnaps. Unsere treuen vierbeinigen Begleiter, welche mit auf Achse waren, meine 15 Jahre alte Hundedame Happy und der treue Begleiter von unserem Fahrer Werner, wurden auch liebevoll mit Wasser und Futter versorgt und verstanden sich hervorragend mit den einheimischen Bewachern des Hofes auf vier Pfoten. Ich war als leidenschaftlicher Liebhaber alter historischer Plätze und ehrwürdiger alter Gemäuer total begeistert wie romantisch und urban dieser Hof direkt neben einer Kirche eingebettet liegt.

Ein magischer Moment: Die Überreichung der Fotos

Dann überreichte Wolfram ENDLICH nach über 47 Jahren der Familie seine umfangreichen Bilder aus den alten Zeiten als Geschenk der Familie. Christina Simona hatte nun endlich auch Fotos von ihrer Mutter, lieben Freunden und Verwandten aus vergangen Zeiten und sogar einige in Farbe. Die alten Fotografien von Wolfram haben für die Bewohner des Ortes auch einen weiteren unschätzbaren Wert, da viele Menschen, die darauf zu sehen sind, damals nie fotografiert worden und alte Straßen und Häuser heute so nicht mehr existieren. Ich denke für das ortsansässige Archiv garantiert ein interessanter Fundus.

Nach herzlichen Umarmungen und langen Winken aus dem Auto heraus traten wir am späten Abend die lange Heimreise nach Sibiu an. Auf der Rückbank vom Auto ein glücklicher und zufriedener Wolfram, dessen Herzenswunsch nach 47 Jahren nun endlich erfolgreich in Erfüllung ging.


Jens Krumpholz ist gebürtiger Sachse, wurde 1964 in Dresden geboren, lebt aber seit über 30 Jahren in Bayern & beschreibt sich selbst als „Münchner Original aus Dresden“. Sein Hobby neben dem Reisen ist das Komponieren & Singen von Volksmusikhymnen rund um alle bayrischen Voralpenseen.

Dieser Beitrag wurde als Gastartikel eingereicht. Auch Dir brennt etwas unter den Nägeln und Du willst, dass es die Öffentlichkeit erfährt? Worauf wartest Du noch? Jetzt Gastartikel einreichen!

Fotos: Jens Krumpholz

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