Umweltpolitik ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Gesundheit

Die Corona-Pandemie zeigt die untrennbare Verbindung zwischen menschlicher Gesundheit und funktionierenden Ökosystemen. Um Belastungen und Risiken zu reduzieren, sind Umwelt- und Gesundheitsbelange zukünftig viel strategischer als bisher in alle relevanten Politikbereiche zu integrieren. Bestehen klare Vorgaben der Politik, müssen auch Unternehmen Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig wird KonsumentInnen nachhaltiges Handeln erleichtert.

Von Florian Wukovitsch und Iris Strutzmann (A&W-Blog)

Eine intakte Umwelt ist gut für die Gesundheit

Umweltschutz und gute Gesundheit gehen vielfach Hand in Hand. Das zeigen nicht nur die positiven Gesundheitswirkungen von unbelasteter Luft sowie einer funktionierenden Versorgung mit sauberem Wasser und frischem Essen. Eine intakte Natur sorgt auch direkt für individuelles Wohlbefinden. Gerade die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass der Zugang zu Naherholungsräumen entscheidend ist, um auch in schwierigen Zeiten im körperlichen und seelischen Gleichgewicht zu bleiben. Nicht zuletzt der Gesundheitsaspekt hat der Umwelt- und Klimapolitik in den letzten Jahren zu mehr politischem Gewicht verholfen. Beim Schutz von Waldressourcen, des Klimas oder der Biodiversität geht es heute auch um die Auswirkungen auf ein gesundes Leben.

Durch Fortschritte beim naturwissenschaftlichen Forschungsstand werden gleichzeitig die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesundheit immer besser verstanden. Die Belastungen für den Menschen, von Feinstaub bis zu hormonell wirksamen Substanzen, sind damit auch besser zu kontrollieren. Nicht zuletzt angesichts der dynamischen Veränderungen durch technologische Innovationen müssen die Risiken, die von Umwelteinflüssen auf den menschlichen Organismus ausgehen, möglichst zuverlässig beurteilt werden. Auch individuelle Faktoren, der vorherrschende Lebensstil oder Wechselwirkungen mit anderen Umwelteinflüssen spielen dabei eine Rolle. Eine adäquate Risikoabschätzung ist heute in vielen Bereichen eine Voraussetzung, um die gesellschaftlichen Naturverhältnisse gesundheitsfördernd zu gestalten. 

Politische Verantwortung für gesunde Lebensbedingungen

Zuletzt haben die Wechselwirkungen zwischen Gesundheit, Umwelt und sozialen Fragen durch die UN-Nachhaltigkeitsziele neuen Aufwind bekommen. In Österreich wurden schon zuvor von der Bundesgesundheitskommission und dem Ministerrat zehn Gesundheitsziele beschlossen, für die seit 2013 politikfeldübergreifend Strategie- und Maßnahmenkonzepte erarbeitet werden. Die Ziele reichen von der Sicherstellung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit bis zur Förderung psychosozialer Gesundheit. Im Gesundheitsziel 4 wird die Sicherung von Luft, Wasser, Boden und allen Lebensräumen angestrebt.

Einer WHO-Studie aus dem Jahr 2016 zufolge waren 2012 beinahe ein Viertel der weltweiten Todesfälle auf die Umweltbedingungen zurückzuführen, in der EU bzw. Europa immerhin rund einer von sieben. Bei dieser Schätzung wurden nicht nur die veränderbaren Faktoren der Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung sowie von Strahlung und Lärm berücksichtigt. Auch Berufsrisiken, landwirtschaftliche Methoden, der menschenverursachte Klima- und Ökosystemwandel, die gebaute Umwelt und Verhaltensweisen, die auf bestimmten Umweltbedingungen beruhen, fließen mit ein. Ein gewisses Maß an Umweltverschmutzung ist zwar unvermeidbar. Die Möglichkeiten zur Veränderung jener Aspekte, die politisch gestaltbar sind, sollten aber besser genutzt werden. Die aktuelle Pandemie führt mit ihren drastischen Konsequenzen nicht nur die Dringlichkeit dieser Forderung, sondern auch die globale Dimension der Herausforderung vor Augen. 

Grafik: A&W-Blog

Diesseits und jenseits der EU-Außengrenzen

Die europäische Wirtschaft soll bis 2050 insgesamt nachhaltiger und umweltfreundlicher werden. Das ist ein wichtiges Anliegen – es darf aber nicht innerhalb der Grenzen der Europäischen Union enden. Immerhin werden für die angestrebte Transformation hin zu einer dekarbonisierten Kreislaufwirtschaft auch in den kommenden Jahren viele Ressourcen von außerhalb der EU gebraucht, unter anderem Edelmetalle wie Nickel und Kobalt für die E-Mobilität oder Landflächen für den Anbau von Lebens- und Futtermitteln. Damit Europa seinen hohen materiellen Wohlstand halten kann, ist es nicht nur von Ressourcen wie Wasser, Land, Biomasse und anderen Materialien aus allen Teilen der Welt, sondern auch von den Leistungen der Arbeitskräfte in diesen Ländern abhängig. Dabei lagert die EU Umwelt- und Gesundheitsrisiken in andere Länder der Welt aus.

Es ist schon lange bekannt, dass die Textil- und Lederindustrie in Indien, Bangladesch oder China die Flüsse verunreinigt, da giftige Gerbschlämme und Farbrückstände ungefiltert im Wasser landen. Dadurch haben viele Menschen kein sauberes Trinkwasser, und sie werden krank. Das zeigt sich u. a. an Hautausschlägen, Durchfall, Krebs oder einem Verlust des Geruchssinns. Natürlich ist auch die Gesundheit der ArbeitnehmerInnen selbst beeinträchtigt. Gerade in der landwirtschaftlichen Produktion sind die Arbeitsbedingungen in vielen Teilen der Erde extrem belastend, auch gesundheitlich. Aber wie kann sich das ändern? ArbeitnehmerInnenvertretungen und Umweltorganisationen fordern verbindliche Sorgfaltspflichten für Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette. Ein strenges europäisches Lieferkettengesetz würde neben Verbesserungen der Arbeitsbedingungen auch der Gesundheit dienen und eine sauberere Umwelt mit sich bringen.

Schutz der Lebensräume ist unverzichtbar

Wie der Umweltverband WWF in einem kürzlich veröffentlichten Bericht aufzeigt, sind neue Anbauflächen von Soja für die Futtermittelproduktion und die Erweiterung von Weideland für die Rindfleischproduktion die Hauptgründe für die Zerstörung von Tropenwäldern. Die EU-Staaten haben dabei einen wesentlichen Anteil: 16 Prozent der globalen Regenwaldabholzung gehen auf ihre Importe von Agrargütern zurück. Dafür wurden seit 2009 insgesamt 3,5 Millionen Hektar tropischer Regenwald gerodet. Rasches Handeln ist gefordert, um diese wertvollen Naturräume für nachfolgende Generationen, als CO2-Senken, aber auch für unsere Gesundheit zu erhalten. Denn es sieht alles danach aus, als wäre der Mensch mit seinem Hunger nach Rohstoffen nicht frei von Verantwortung für die Corona-Pandemie. Aus Sicht der Wissenschaft gilt eine Übertragung des COVID-19-Virus von Wildtieren auf den Menschen als wahrscheinlich – begünstigt durch die Zerstörung von deren Lebensräumen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass derzeit schätzungsweise 1,7 Millionen unentdeckte Viren in Säugetier- und Vogelwirten existieren, wovon vermutlich rund ein Drittel auf den Menschen übertragen werden kann. Der Weltbiodiversitätsrat weist in einem Sonderbericht darauf hin, dass Störungen des ökologischen Gleichgewichts und nicht nachhaltiger Konsum das Pandemierisiko tendenziell verstärken. Vor allem die Rodung von Wäldern, intensive Landwirtschaft und Wildtierhandel werden dabei als Treiber ausgemacht. Auch die Klimakrise wird dadurch zusätzlich befeuert. Pandemie- und Klimarisiko könnten schon durch eine Reduktion des Fleischkonsums deutlich gesenkt werden, sind sich die ExpertInnen einig. Werden also die vom Menschen verursachten globalen Umweltveränderungen durch strengere Umweltgesetze und nachhaltigeren Konsum reduziert, würde das auch die Gesundheit von uns allen verbessern und das Risiko neuer Pandemien verringern.

Was für mehr Gesundheit und Umwelt zu tun ist:

  • Gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltverstöße entlang der globalen Lieferketten vorgehen: Kinderarbeit, Gesundheitsgefährdung von ArbeitnehmerInnen sowie Umweltzerstörung stehen bei der Produktion vieler Güter des täglichen Lebens immer noch auf der Tagesordnung. Es braucht daher verbindliche Sorgfaltspflichten für Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette.
  • Weil eine ungesunde Umwelt sozial Schwächere tendenziell stärker trifft: Neben empirischer Evidenz zu umweltbezogener Ungleichheit bedarf es auch einer politischen Diskussion zu Umweltgerechtigkeit in Europa. Vermeidbare Ungleichheiten im Gesundheitszustand müssen durch geeignete Maßnahmen reduziert werden.
  • Effektivität statt Symbolpolitik: Maßnahmen müssen sich am Verursacherprinzip orientieren – wie bei der Zulassung von Chemikalien und Pestiziden oder bei Lärmgrenzwerten. Nur Transparenz und Kontrolle ermöglichen eine wirksame gesundheitsorientierte Umweltpolitik. Die öffentliche Hand muss Umweltvorschriften tatsächlich durchsetzen können und der Wirtschaft wieder auf Augenhöhe gegenübertreten.
  • Umweltpolitik ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Wohlbefinden und Gesundheit: Die Pandemie zeigt, wie wichtig der Zugang zu Grünflächen und zur Natur ist. Ein Grundrecht auf einen besseren Zugang zur Natur muss in Österreich endlich gut verankert werden.

Mehr zu Umwelt und Gesundheit in der Zeitschrift Wirtschaft und Umwelt 1/2021, die sich in ihrer aktuellen Ausgabe diesem Thema widmet.

Titelbild: Min An von Pexels

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