Bedarf an Nachhilfe in der COVID-19-Pandemie stark angestiegen

Die langen Monate des Distance-Learnings im letzten Schuljahr haben den Lerndruck in Familien massiv erhöht. Die aktuellsten Ergebnisse der AK-Schulkostenstudie zeigen nun deutlich, dass Familien versuchen, mittels privat finanzierter und organisierter Nachhilfe das Lernen außerhalb der Schule zu bewältigen und ihre Kinder vor möglichen Lernrückständen zu schützen.  Dabei stellt das Zurückgreifen auf private Nachhilfe viele Familien vor große finanzielle Belastungen.

Von Elke Larcher und Philipp Schnell (A&W-Blog)

Andere Familien hätten gerne auf diese Möglichkeit zurückgegriffen, konnten sich die bezahlte Nachhilfe aber schlichtweg nicht leisten. Zwar haben sich die Schulen oftmals bemüht, ihr Angebot an Gratisnachhilfe bzw. Förderunterricht auszubauen, der faktische Bedarf an Nachhilfe ließ sich damit allerdings nicht vollständig abdecken.

Schulkinder brauchen ihre Eltern für den Schulerfolg

Aufgrund der Struktur des österreichischen Schulsystems, mit seinem ausgeprägten Halbtagssystem, verbringen Kinder und Jugendliche in Österreich stets viel Lernzeit außerhalb der Schule. Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur den Schul- und Lernalltag der Kinder und Jugendlichen massiv eingeschränkt, sondern auch über diesen Zeitraum verstärkt in die „eigenen vier Wände“ transferiert. Die Herausforderung, Lernen zu Hause zu organisieren, hat dadurch nochmals zugenommen. So gut wie täglich lernt aktuell die Hälfte der Eltern mit ihren Kindern, und mehr als 80 Prozent der Väter und Mütter unterstützen ihre Kinder zumindest einmal pro Woche bei den Schularbeiten. Schulkinder brauchten zwar bereits vor den COVID-19-bedingten Schulschließungen die Hilfe ihrer Eltern beim Lernen, mit dem Distance-Learning wurde das gemeinsame Lernen im letzten Schuljahr allerdings endgültig zur Belastung des Familienalltags. Mütter oder Väter kontrollieren nach der Arbeit die Hausübungen, sie lernen mit ihren Kindern für Prüfungen und Schularbeiten und erklären Aufgabenstellungen.

Grafik: A&W-Blog

Doch nicht alle Eltern können ihren Kindern bei den Schulaufgaben helfen, denn vielen Eltern fehlt die Zeit oder das Wissen, um zu unterstützen. Das verstärkt familiär bedingte Ungleichheiten, gerade weil den Eltern eine besondere Unterstützungsleistung zukommt. Der Druck, gemeinsam zu Hause zu lernen, belastet fast alle Familien stark, weshalb nicht selten innerfamiliäre Konflikte zunehmen. Immer mehr Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern leiden unter den Auswirkungen auf ihre psychisch-emotionale Gesundheit.

Bedarf an Nachhilfe ist heuer deutlich gestiegen

Um dem Lerndruck nachzukommen, suchen viele Familien Unterstützung bei Nachhilfeangeboten. Im Schuljahr 2020/21 nahmen rund 367.000 Kinder (37 Prozent) Nachhilfe in Anspruch. Das entspricht einem Anstieg von 10 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr (siehe Grafik unten). Dabei ist auffällig, dass der Anteil an Kindern und Jugendlichen, die im Schuljahr bezahlte Nachhilfe bekamen, im Vergleich zu den Vorjahren mit rund 15 Prozent annähernd gleich geblieben ist. COVID-19-bedingt war Nachhilfe in etlichen Wochen des letzten Schuljahres kaum möglich. Daher sind die durchschnittlichen Ausgaben für diese bezahlte Nachhilfe im letzten Schuljahr gesunken. Im Durchschnitt gab eine Familie rund 361 Euro aus. Das sind fast 200 Euro weniger als im Schuljahr vor der Pandemie (2019: 570 Euro). Österreichweit sind die Gesamtausgaben der Eltern für Nachhilfe bis zum Ende des Schuljahres 2021 daher ebenfalls gesunken und belaufen sich auf rund 62 Millionen Euro.

Für vier von zehn Eltern stellen die Ausgaben für Nachhilfe eine sehr starke bis spürbare Belastung dar. Unter armutsgefährdeten Familien oder AlleinerzieherInnen liegt die finanzielle Belastung durch privat finanzierte Nachhilfe nochmals deutlich höher. Diese Familien können sich die Nachhilfe trotz Bedarfs oftmals nicht leisten.

Grafik: A&W-Blog

Die Zunahme an Nachhilfe im Schuljahr 2021 lässt sich vor allem auf das Engagement und Angebot von Schulen zurückführen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine schulische Gratisnachhilfe in Anspruch genommen haben, hat sich heuer im Vergleich zu den Vorjahren vervierfacht. Sie stieg von 4 Prozent (2019) auf 17 Prozent an. Die privat organisierte, unbezahlte Nachhilfe (egal ob online oder physisch) blieb hingegen konstant (12 Prozent). Die deutliche Zunahme an Kindern, die in diesem Schuljahr Nachhilfe bekamen, deutet bereits auf einen enorm angestiegenen Unterstützungsbedarf in den Familien hin. Das Gefühl der Notwendigkeit, die eigenen Kinder nach diesem „Corona-Schuljahr“ mit externer Hilfe beim Lernen unterstützen zu müssen, ist allerdings nochmals deutlich höher. Denn der Anteil an Kindern und Jugendlichen, die laut Angabe ihrer Eltern bezahlte Nachhilfe gebraucht hätten, aber keine bekamen, ist im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozentpunkte auf insgesamt 27 Prozent angestiegen (siehe Grafik).

Dieser enorme Anstieg an Nachhilfebedarf korrespondiert stark mit den Beobachtungen von Eltern, dass es im Verlauf des letzten Schuljahres durch die COVID-19-bedingten Schulschließungen und die langen Phasen des Distance-Learnings zu massiven Lernrückständen bei ihren Kindern gekommen ist. Seit Beginn der Pandemie haben immer mehr Eltern die Sorge, dass ihre Kinder zumindest in einzelnen Fächern Schwierigkeiten haben werden, mit dem Lernstoff im kommenden Halbjahr zurechtzukommen (Mathematik und Deutsch sind dabei die häufigsten Hauptnachhilfefächer). Darüber hinaus rechnen sie mit deutlich schlechteren Noten, und jede/r Zehnte erwartet eine Klassenwiederholung seines/ihres Kindes.

Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse, dass obwohl insbesondere Schulen mit Gratisnachhilfeangeboten bereits einen Teil des Bedarfs abdecken konnten, die Notwendigkeit der Lernunterstützung nach den langen Phasen des Distance-Learnings im letzten Schuljahr um ein Vielfaches höher liegen.

In die Zukunftschancen der Kinder und Jugendlichen investieren

Schulkinder sollen nicht auf die finanzielle Unterstützung und Zeit ihrer Eltern angewiesen sein, um die Lernziele zu erreichen. Es braucht deshalb ein besseres Betreuungsverhältnis an den Schulen, um individuelles Lernen in der Schule im nächsten Schuljahr zu ermöglichen. Das kommende Schuljahr wird nach den Monaten im Distance-Learning vielleicht das entscheidendste Schuljahr für SchülerInnen überhaupt. Dafür müssen kurzfristig besondere Lernumgebungen geschaffen werden, sodass jedes Kind seine Chance entwickeln kann. Konkret braucht es mehr Personalressourcen, damit Schulen zumindest in den Fächern Mathematik und Deutsch in den ersten fünf Schulstufen die Klassengröße halbieren können. Für höhere Schulstufen könnten Förderstunden schulautonom eingerichtet werden.

Die Schule muss Lernen und Üben verbinden – und nicht den Schulerfolg von Privatunterricht durch Nachhilfestunden und den Lernressourcen der Eltern abhängig machen. Schulen müssen so ausgestattet und organisiert werden, damit dieses Ziel erreicht wird. Eltern sollen nicht länger unfreiwillige LehrerInnen zu Hause sein. Die Schulfinanzierung soll daher auf den Schlüssel des Arbeiterkammer-Chancenindex umgestellt werden und der Ausbau von Ganztagsschulen in hoher Qualität ambitioniert vorangetrieben werden – nur dann sind Schulen für zukünftige Herausforderungen gewappnet.


Titelbild: Tima Miroshnichenko von Pexels

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