Vom Suchen und Finden: Aufstieg mit Absturzgefahr

Hainburger Au, Lobau – die Bedrohung naturbelassener Gebiete durch die Regierung ist ein regelmäßiges Thema im Kampf für eine klimagerechte Zukunft. Um die  historischen Dimensionen der Konflikte um die Donau-Auen zu verstehen und aus den Schlüssen von damals für heute zu lernen, lohnt es sich einen Blick auf die Dokumentationen jener Zeit zu werfen.

Eine Kolumne von Andreea Zelinka (Rotes Antiquariat Wien)

Dokumentation ist im Antiquariat ein ganz großes Thema, da die Bilder und Texte immer auch Teil eines Kontextes sind, den es zu begreifen gilt. Schließlich ist jede_r Autor_in in ihrer Individualität Teil eines größeren Zusammenhangs, kollektiver Gruppierungen, Bestrebungen oder einfach Denk- und Seinsweisen. Letzteres ist das, was Sozialwissenschaftler_innen als Phänomen bezeichnen oder Feuilletonist_innen als den Zeitgeist. Das, was sich als gemeinsame Einstellungen, Vorlieben oder Haltungen einer größeren Zahl von Menschen zusammenfassen lässt, dient als Grundlage dafür Strömungen und Entwicklungen nachvollziehen zu können.

Denn ist es nicht eine menschliche Angelegenheit, das Festhalten an der Gegenwart, das Nichtauslassen des Vergangenen? Wenn die Gegenwart zur Geschichte wird, die wir uns erzählen, eine Anekdote, ein Spielstück, eine literarische Konverse? Die soziale Aufführung unserer Verbundenheit hinterlässt Spuren, Artefakte, Müll. Die antiquarische Aufgabe ist es nun, Ordnung zu schaffen und das Erhaltenswerte vom Vernachlässigbaren zu trennen. Das hört sich jetzt etwas hart an, aber tatsächlich sind die Haufen groß, die die Menschen hinterlassen und tatsächlich ist vielleicht nicht alles davon gleichermaßen relevant für die archivarische oder antiquarische Aufbewahrung.

Warum mag das sein? Abseits der Emotionen lassen sich manche Zusammenhänge als Außenstehende nur noch schwer begreifen, daher verbindet sich kein emotionaler Wert mehr mit den Hinterlassenschaften, die der Antiquar oder die Antiquarin durchsieht. Das heißt natürlich nicht, dass an den Stücken nicht für eine andere Person weiterhin Emotionen hängen. Letztens verkaufte mir ein Mann die Bibliothek seines Großvaters, der einst überzeugter Sozialist und Wiener Bibliothekar war. Es waren nicht besonders viele Bücher, die sich im Kasten unterm Bett befanden, aber es waren einige sozialistische Klassiker zu finden. Dem Mann war schwer ums Herz, die 500 Bücher waren ihm eine Belastung, Ballast, den er abwerfen wollte.

Bei anderen Büchern ist relativ schnell klar, wie zum Beispiel Hitler-Reden oder ein Nietzsche im Nordpol Verlag, das muss weg. Oder zumindest in die letzte Ecke der Bücherregale. Denn wo es einerseits darum geht zu bewahren und sichtbar zu machen, geht es andererseits darum zu registrieren und aus dem Verkehr zu ziehen.

Doch zurück zu den erfreulichen Dingen. Eine gute Dokumentation ist wichtig für den politischen Kampf und um die radikale Kultur und ihre Traditionen zu pflegen. Auch die Genossen von Übertage meinen in einer Folge, dass es wichtig sei, dran zu bleiben und die eigene politische Arbeit kontinuierlich zu dokumentieren, damit sie was bringe. Aus eigener Erfahrung erzählen die zwei Dortmunder, dass politische Arbeit und Aktionen ganz schnell unters Radar fielen, wenn sie nicht gut dokumentiert und aufgearbeitet seien.

Ja, das gilt für die Gegenwart genauso wie für die Zukunft. In der Gegenwart kann die eigene mediale Berichterstattung und dokumentarische Begleitung der Ereignisse informieren, illustrieren und im besten Falle Wellen schlagen. Wellen, die uns weiter treiben, hin zu einer befreiten Gesellschaft. Für die Zukunft gilt, dass die Bilder einer radikalen Vergangenheit in uns hallen, dieses Echo eine Reihe von Erkenntnissen auslöst und uns unserer Verbundenheit mit den Menschen, die vor uns kamen und gingen, bewusst macht. Ein Bewusstsein für die Tradition, in der man steht, halte ich für eine radikale Praxis unerlässlich (egal ob es sich dabei um die letzten zwanzig oder zweihundert Jahre handelt, wobei es mich persönlich fasziniert wie tief und weitreichend die Wurzeln doch sind).

Dieses Bewusstsein ist auch deshalb wichtig, weil sich manche (wenn nicht alle) politischen Kämpfe in die Länge ziehen, „altern“ oder unversehens wieder auftauchen. So auch als mir letztens die im Eigenverlag erschienene Broschüre „nur tote fische schwimmen mit dem strom“ in die Hände fiel. Die von Michael Undorf zusammengetragenen „Aktionsimpressionen“, die Gedichte, Erfahrungsberichte, Kommentare und Fotografien zeigen Aktionen aus 1983/84 von Global 2000 und Greenpeace im Widerstand gegen die Kraftwerk-Bebauung des Hainburger Au bei Wien, die Repression, die die Aktivist_innen erfuhren, und wirft einen Blick hinter die Kulissen. 

Die Berichte erzählen, wie Einzelne überhaupt zur Sache Au gekommen sind, beschreiben den eigenen Weg zum Widerstand oder berichten detailliert, wie der Stephansdom zur späten Stunde bestiegen wurde, um am nächsten Morgen am höchsten Punkt des Südturms das Banner zu hissen. Es findet sich auch ein Kommentar eines Klerikers des Stephansdoms und es ist genau diktiert, wie die juristischen Kämpfe auf dem Papier mit den Behörden und der Regierung verliefen und welche absurden Spielchen mit der Öffentlichkeit gespielt wurden, um die Interessen der Industrie durchzusetzen.

Der Aufstieg mit Absturzgefahr und die blutigen Bilder der Repressionen zeigen einen politischen Kampf mit Leib und Seele, der die Hainburger Au gewann. Wenn man heute Hainburger Au googelt, erscheint zuoberst der Wikipedia-Eintrag „Besetzung der Hainburger Au“, weil das Wasserkraftwerk in den 80er nicht inmitten des Nationalparkgebiets gebaut wurde. Heute steht uns ein ähnlicher Kampf bevor, es geht wieder um die Donau-Auen, dieses Mal um die Lobau. 

Das Naherholungsgebiet im nordöstlichen Wien ist der westliche Beginn einer der letzten intakten Au-Landschaften Europas. Hier soll es trotz Gründen und öffentlichem Aufbegehren eine Autobahn und Stadtstraße geben. Den Streit gibt es bereits seit 20 Jahren und gerade spitzt er sich wieder zu. Anstatt mehr unberührte Natur und frische Luft, soll es mehr Straßen, Autos und Verkehr geben. Wen interessiert schon die Zerstörung der Natur und des Lebensraums etlicher Tierarten sowie die Luft- und Lärmbelästigung, die das Bauprojekt für die dortigen Anrainer_innen bedeuten würde? Es ist interessiert die Anrainer_innen, es interessiert die allgemeine Bevölkerung, die sich für eine Verkehrswende einsetzt, um die Klimakatastrophe zu verhindern, es interessiert dich und mich, weil wir alle gleichermaßen in den Seilen hängen.


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Titelbild: Andreea Zelinka

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