Armut blieb in Lateinamerika weiter Dauergast

Armutsverhältnisse sollten im rohstoffreichen Teil im Süden des amerikanischen Kontinents ein Widerspruch in sich sein. Erklärbar ist die menschenunwürdige Lage vor allem aus der kolonialen Vergangenheit und den nachfolgenden kapitalistischen Verhältnissen.

Von Günter Buhlke (pressenza)

Die Messung der Armut erfolgt in Amerika, ähnlich wie in Europa, als rechnerische Größe im Bezug zum Durchschnitt des Einkommens des Landes. Komplizierte Bemessungsverfahren lenken vom gesellschaftlichen Problem ab, was als arm gilt. Ein akademischer Streit zwischen Politikern aus den oberen Etagen befindet über die Armut. Dass Kinder an Unterernährung oder am Mangel der Gesundheitsbetreuung sterben, tritt mit den Debatten in den Hintergrund. (J. Ziegler, ex Sonderbeauftragter der UNO für das Menschenrecht auf Nahrung). Hinzu kommt, dass der akademische Armutsstreit die Arbeitslosigkeit als Folge des Kapitalismus unberührt lässt. Der Mensch im heutigen Kapitalismus wird zu einer Kostenstelle der Unternehmen reduziert. Er wird bei Bedarf aus der Kalkulation gestrichen. Die Zahlen der Arbeitslosigkeit auf beiden Teilen des Kontinents sind traurige Realitäten.

Die Armut in Nord- und Südamerika erfordert unterschiedliche Bewertungen.

Drei Erklärungsansätze helfen, die Ursachen der auf unterschiedlichen Niveaustufen verharrenden Armut zu erkennen:

Erstens: In Süd- und Mittelamerika ist es die erzwungene Beibehaltung der internationalen Arbeitsteilung. Die ehemaligen Kolonien liefern weiterhin ihre Rohstoffe zu niedrigen Preisen und sie importieren die Industriegüter, möglichst ohne Zollbelastung. Das Management der Rohstoffgewinnung des Exports liegt weiterhin in ausländischen Händen, wie auch der Überseetransport, sowie die Versicherungs- und Bankdienstleistungen. Die erdölreichen Länder Mexiko und Venezuela besitzen auch in der Gegenwart keine eigene nennenswerten Tankerflotte. Ausländische Versicherungen decken ab den Verschiffungshäfen das Transportrisiko.

Den Reichtum bringen Rohstoffe erst durch ihre Verarbeitung. Jede Stufe bringt Lohnsteuern und Mehrwert/Umsatzsteuer beim Weiterverkauf für den Staatshaushalt der Industrieländer. Erdöl hat bis zum Endverbrauch multiple, in die Hunderte gehenden Verarbeitungsstufen über Treibstoffe bis zur Kleidung, zum Haushaltsgerät aus Kunststoff, Kosmetika, Düngemittel etc. Der europäische Industriestaat generiert so finanzielle Mittel für seine Aufgaben im Bildungs- und Gesundheitswesen, in Straßen- und Eisenbahnbauten, für Ausgaben in der Forschung und Förderung der Wirtschaft. Solche finanziellen Einnahmen fehlen den Ländern Lateinamerikas. Sie werden gezwungen, für ihre Staatsaufgaben Kredite bei den Banken der Industrieländer aufzunehmen. Die Banken haben zur Aushandlung der Kreditbedingungen den Internationalen Währungsfonds beauftragt (Pariser Klub). Die Auslandsverschuldung wurde Strategie der weiteren Aufrechterhaltung der Abhängigkeit und bremst damit die Industrialisierung der Entwicklungsländer. Auslandsverschuldungen wurden zum modernen Geschäftsmodell im 20. Jahrhundert. Die Verarmung der Bewohner setzte sich fort, schrieb der Direktor der venezolanischen Zentralbank Maza Zavala, in seinem Buch „Mechanismen der Abhängigkeiten“, Fondo editorial). Er verweist auf die kriminologische Praxis neben überhöhten Zinsen (z.B. 17 % Argentinien), zu den üblichen Preisen, auch noch Patent- und Technologiegebühren für den Gebrauch der Maschinen und Anlagen zur Gewinnung der Rohstoffe zu fordern. Nachweise liefern die Dienstleistungsbilanzen der Länder Lateinamerikas. Das wird nicht ohne Widerspruch von Lateinamerika hingenommen.

Ein Vorschlag human gesinnter Lateinamerikaner im Rahmen der UNO eine „Neue Internationale Wirtschaftsordnung“ zu errichten, kam 1974 nicht über den Stand von Resolutionen hinaus. Er scheiterte am massiven Widerstand der westlichen Industrieländer. Die Armut blieb in Lateinamerika weiter Dauergast bei den Familien der unteren Schichten und des Mittelstandes.

Ein Indikator u.a. zur Messung der Armut ist der Human Development Index der UNO (HDI). Die Zahlen des Jahres 2020 führt die latein- und mittelamerikanischen Länder auf Plätzen ab 50 bis 132. Kuba und Venezuela nahmen bisher vordere Plätze ein, rutschten aber nach den Sanktionen der USA, bedenklich nach hinten ab.

Es sind traurige Entwicklungsergebnisse nach etwa 200 Jahren politischer Unabhängigkeit und fortgesetzten wirtschaftlichen Abhängigkeiten von transnationalen Konzernen und Banken der westlichen Industrieländer.

Armutsursachen in Nordamerika haben gleichfalls ihre Wurzeln im marktradikalen System des Kapitalismus.

Die zweite große Armutsursache hängt mit der ursprünglichen Akkumulation und dem nachfolgenden mangelnden Akkumulationsvermögen der lateinamerikanischen Länder zusammen.

In den Kolonialzeiten musste ein Teil der Steuereinnahmen an die Könige in Madrid, Lissabon, London abgeführt werden. Der Aufbau einer sich selbst tragenden Staats- und Wirtschaftsstruktur war nach der politischen Unabhängigkeit kaum möglich. Wissenschaft, Bildungs- und Gesundheitswesen, sowie der Ausbau der Verkehrsnetze hatten in den ehemals kolonialen Ländern unzureichende Startbedingungen. Anders in den USA und Kanada. Die Erlöse aus dem Verkauf der geraubten landwirtschaftlichen Flächen der Ureinwohner und der Bodenschätze (Erdöl, Erze, Kohle u.a.) kamen dem Ausbau der Volkswirtschaft zugute. Noch 1975 wurden vom Innenministerium der USA 54,5 Tausend Hektar Land im Pine-Ridge Reservat beschlagnahmt, um Uranerz zu gewinnen (Steve Talbot, „Indianer in den USA“).

Die Ureinwohner im Norden des Kontinents wurden zwangsweise in Reservaten zusammengehalten, ohne Rechte an Land und Bodenschätze, ohne ausreichende eigene Lebensgrundlagen. In der nordamerikanischen Bundesrepublik USA erhielten sie erst 1926 die volle Anerkennung als Staatsbürger. Kanada steckte die Kinder in staatliche oder kircheneigene Internate zur Umerziehung. Die im April 2021 entdeckten 200 Kinderskelette klagen das System an. Die Regierungen der EU schlagen dazu keinen Alarm oder fordern Sanktionen gegen Kanada.

Das profitgetriebenbe System in den USA brachte die Armut und die Verletzung der Menschenrechte in die Reservate. Was kann schlimmer sein, als den Müttern der kanadischen Ureinwohner die Kinder zu entziehen.

Als dritte Hauptursache der Armut in der kapitalistischen Marktwirtschaft ist die Arbeitslosigkeit in allen Ländern. Der Mensch ist in der Gegenwart zu einer Kostenstelle im Unternehmen geworden, der bei negativer Gewinnprognose entlassen wird. Der kapitalistische Rechtsstaat anerkennt eine solche Verfahrensweise in Deutschland und regelt Einschränkungen durch die Geschäftsleitung nach dem Prinzip der Freiwilligkeit. Kein heutiges Unternehmen muss einen zumutbaren Ersatzplatz organisieren, falls Umstellungen aus diversen Gründen einen Wegfall des Platzes erfordert (Einführung neuer rohstoff- oder energiesparender Verfahren, Digitalisierung u.ä. Gründe). Der Druck, den die Arbeitslosigkeit ausübt, führt zur Annahme von Leih- und Billiglohn Arbeitsplätzen. Die USA sind das Musterland dafür, dass Arbeitnehmer nur mit mehreren Arbeitsstellen ihr Überlebensniveau aufrecht erhalten können.

Unterschiedliche Massen streben nach einem Ausgleich, lehren physikalische Gesetze. Die Arbeitslosen Lateinamerikas suchen Arbeitsplätze in den USA, aus gleichen Motiven, wie die Bauarbeiter, Fleischzerleger, Erntehelfer und Hilfskräfte aller Art in Europa. Wie groß ist Armut und Not, um von den Familien für Monate getrennt zu leben.

Ob die Ureinwohner Amerikas vor der Ankunft der europäischen Eroberer in Armutsverhältnissen nach dem Muster der Industrieländer lebten, ist von den Historikern nicht überliefert. Wohl aber, dass sie nach eigenen Prinzipien des „Buen vivir“ (auskömmliches Leben) ihren Alltag gestalteten. Alte, Invalide und Kinder erhielten den Schutz der Gemeinschaft. Das Land, die Weiden und Wälder, Seen standen im Eigentum der Gemeinschaft. Mit Mais, Kartoffeln, Tomatenarten u.v. mehr hatten sie bereits hohe züchterische Leistungen vollbracht. Sie hatten Schriftsysteme entwickelt und mit der Zahl Null konnten sie große rechnerische Leistungen vollbringen. Produktives Privateigentum war als wirtschaftlich prägendes Element in Lateinamerika nicht vorhanden.

Der Kolonialismus hat eine mögliche Lebensgestaltung in Amerika ohne Armut unwiderruflich zerstört. Eingeschleppte Krankheiten haben mitgeholfen. Als Folge der Kolonialherrschaft verringerte sich die Zahl der Bevölkerung in Amerika um 60 bis 70 Prozent. Die neuen Eigentümer von Land und Boden Nordamerikas kauften sich Sklaven aus Afrika, um ihre Geschäfte gewinnbringend weiterhin zu organisieren. Das aber ist ein eigenes trauriges Thema und mit tiefster Armut verbunden.

Zwei ergänzende Anmerkungen: Große Teile der englischen und irischen Siedler sind nach Nordamerika als Wirtschafts- und Glaubensflüchtlinge gekommen und lösten sich militärisch von der monarchistischen englischen Regierung. Zweitens, die US-Regierung gab erst 1924 mit dem Snyder-Erlass den indianischen Ureinwohnern die volle Staatsbürgerschaft.

Die Menschheit ist mit Hilfe der Wissenschaft gegenwärtig im Begriff den Weltraum für sich zu erobern. Sie zerstört zur gleichen Zeit ihre eigenen Lebensgrundlagen, entgegen wissenschaftlichen Mahnungen. Die Gleichheit war bereits 1789 eine der drei Grundforderungen der bürgerlichen Revolution in Frankreich. Das danach einsetzende System der Profitlogik ist nicht in der Lage, die Verhältnisse in menschenwürdigen Formen zu gestalten.


Günter Buhlke, geb. 1934. Verh. Studium an der Humboldtuniversität und der Hochschule für Ökonomie Berlin. Dipl. Volkswirtschaftler. Internationale Arbeit als Handelsrat in Mexiko und Venezuela. Koordinator für die Wirtschaftsbeziehungen der DDR zu Lateinamerika. Wirtschaftserfahrungen als  langjrähriger Leiter des Schweizerischen Instituts für Betriebswirtschaft in Berlin, Vorstand einer Wohnungsgenossenschaft und Referent im Haushaltsausschuss der Volkskammer und des Bundestages. Gegenwärtig ehrenamtliche Tätigkeiten.


Dieser Beitrag erschien auf pressenza.comKooperationspartner von Unsere Zeitung.

Titelbild: Lorendiz Gonzalez auf Pixabay 

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Ein Gedanke zu „Armut blieb in Lateinamerika weiter Dauergast

  • 20. Juli 2021 um 17:10
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Buhlke,
    lieber Günter,
    Der Satz
    „Armutsverhältnisse sollten im rohstoffreichen Teil im Süden des amerikanischen Kontinents ein Widerspruch in sich sein.“
    hat mich gestört. Tagein tagaus wird in der Presse dieser angeblich Widerspruch gewälzt – aber immer nur bezogen auf sogenannte „rohstoffreiche Staaten“ – früher mal Entwicklungsländer genannt.
    Die Armut in Deutschland fällt niemandem in den Redaktionen als Widerspruch zum Reichtum an Produktion(sstätten) oder zum Billionen-Euro-Export auf.
    .
    Auch der Satz
    „Als dritte Hauptursache der Armut in der kapitalistischen Marktwirtschaft ist die Arbeitslosigkeit in allen Ländern. “
    fasst die Sache meines Erachtens nicht richtig.
    Die Armut ist doch schon die Voraussetzung, wenn jemand eine Arbeit sucht, mit der er den Reichtum anderer vermehrt, nur um seinen Lebensunterhalt mehr oder weniger dürftig bestreiten zu können. Dass alle Lohnabhängigen von Lohn abhängig sind, weil sie keine andere Existenzmöglichkeit haben, heißt doch: Die ham nix. Das wird in der Coronazeit durch die bescheidene Lage derer klar, die mit Kurzarbeitergeld über die Runden kommen müssen. Das ist (bei Kurzarbeit Null) gut die Hälfte des bisherigen Nettolohns und da ist dann … die Armut auch in extremer Form schnell mal zu Gast bei den Familien der Kurzarbeiter.
    Ich würd mich gern dazu austauschen: oederland@nord-com.net

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