Wir lieben unsre Schule und wir brauchen sie sehr!

Der Schulschluss in Wien war heuer für viele Lehrer_innen, Eltern und Kinder extra-anstrengend. Nicht nur, dass eineinhalb Jahre Corona-Schule sehr an unseren Kräften zehrten, haben die Bildungsdirektion* Wien (Bildungsdirektor Himmer, SPÖ) und Bildungsstadtrat* Wiederkehr (NEOS) Anfang Juni ein neues System der Lehrer_innen-Stunden-Vergabe vorgestellt, das für uns ein großes Sparpaket darstellt und unsere bisherige Arbeit verunmöglicht.

Ein Gastbeitrag von Eva Neureiter, Pädagogin in einer Mehrstufenklasse* mit Integration

Ein Glossar mit Erklärungen zu allen mit * markierten Begriffen findet sich am Ende des Artikels.

Rund 2000 Kinder, Eltern und Lehrer*innen versammelten sich am Montag, den 28.6.2021 beim Rathaus, um gegen die neue Vergabe von Lehrer*innen-Stunden zu demonstrieren. Der Protest richtete sich gegen Stadtrat Wiederkehr und die Bildungsdirektion Wien, die unter den Schlagwörtern „Reform“ und „Transparenz“ ein großes Sparpaket umsetzen. Die neue Vergabe von Lehrer_innenstunden erfolgte so knapp, dass an Schulen nicht einmal die stundenplanmäßigen Unterrichtsstunden abgedeckt werden können. Förderstunden werden gestrichen, Projekte wie die Mehrstufenklassen drohen aufgelöst zu werden, Integrationsklassen* wird die Arbeit erschwert, künftig sollen bis zu 20 Kinder in einer Deutschförderklasse* sitzen. Weder der Bildungsdirektor Himmer noch der Stadtrat Wiederkehr wollten mit den jungen Demonstrant*innen sprechen. (Radio Orange, WiderstandsChronologie vom 3.7.2021)

Was war da los in diesen letzten 3 Schulwochen am Ende eines besonders anstrengenden Schuljahres?

Am 2.6.2021 erfuhren die Direktor_innen, dass es ein neues, transparentes Vergabeverfahren der Lehrerinnenstunden (Kontingente) geben wird. Jede Schule bekommt ein Grundkontingent* und kann zusätzliche Stunden für Projekte beantragen (bis 8.6.2021). Davor war die neue Kontingentvergabe weder für die Direktor_innen, die Lehrer_innen oder die Personalvertretung ein Thema. Bis zum 14.6.2021 sollten Rückmeldungen kommen, die sich allerdings bis 17.6.2021 verzögerten.

Dann begannen wir die Proteste: Schon am selben Abend informierten wir die Elternvertreter_innen*, ein Offener Brief „Zenneraufschrei“ wurde geschrieben (auf den folgte prompt die Rüge an die Fr. Direktorin, sie hätte ihre „Lehrerinnen nicht im Griff!“), ein größeres Elterntreffen mit über 50 Eltern – teilweise auch aus anderen Schulen – beschloss 4 Tage später eine Bildungsdemonstration, Medienvertreter*innen wurden kontaktiert, Mails und Protestbriefe geschrieben, etc.                                          

Im Offenen Brief und unseren Protesten ging es um folgende Inhalte: Alle 2.0-Förderstunden* wurden gestrichen, bis zu 20 Kinder werden in der Deutschförderklasse sitzen, Höchstzahl von 25 Kindern wird zur Mindestzahl (damit stundenplanmäßiger Unterricht besetzt werden kann), den Mehrstufenklassen mit Integration wurden alle Teamstunden gestrichen, unsere Schule bekommt 20% weniger Stunden bei mehr Klassen und Schüler_innen, der Zeitpunkt der Information war schlecht gewählt.

Die Demo war für alle Beteiligten ein wichtiges Zeichen und für so manche Schüler_in die erste ihrer Art!

 

Was ist die neue Kontingentvergabe?

Die neue Kontingentvergabe berechnet nur mehr 55% der bisherigen Stunden als „Basiskontingent“*.

Gerechnet wurde in der Bildungsdirektion mit alten Schüler_innen-Zahlen, da Wien eine wachsende Stadt ist, haben viele Schulen im kommenden Schuljahr MEHR Schüler*innen als in vergangenen Jahren. Außerdem wird das Kontingent mit Klassen von 25 Schüler_innen berechnet – also, nur eine Klasse mit 25 Kindern bekommt genügend Stunden, damit alle 21 oder 22 Unterrichtsstunden (Volksschule) mit einer Lehrerin stattfinden können.

Unsere Schule bekam nicht ausreichend Stunden zur Besetzung des stundenplanmäßigen Unterrichts, da wir eine Klasse mehr eröffnen und einige Integrationsklassen derzeit „nur“ 21 oder 22 Schüler_innen haben.

Wir wurden zum Spielball der Politik

Eine der ersten Antworten auf unseren offenen Brief war ein Anruf aus dem Ministerium (ÖVP). Das Ministerium ließ ausrichten, dass die Kontingente, die das Ministerium an Wien vergeben hat, im Vergleich zum Vorjahr gleich geblieben sind.

Die Bildungsdirektion Wien (überwiegend SPÖ) und Bildungsdirektion Himmer redeten sich auf den Bund (das Ministerium = ÖVP) raus (quasi: „Die geben uns nicht mehr!“). Dazu sei angemerkt, dass die Stadt Wien die zusätzlichen Förderstunden (Förderung 2.0) gestrichen hat.

Die NEOS stellen in Wien den Bildungsstadtrat, Bildung war ihnen im Wahlkampf ein wichtiges Thema, „Transparenz“ ein wichtiges Schlagwort. Nun „verkauft“ der neue Stadtrat Wiederkehr eine Reform. Hat er wirklich Ahnung, was er hier tut?

Die GRÜNEN haben hier nichts zu verlieren und interessieren sich für die Anliegen der Eltern und Pädagog_innen. Aber wird uns das etwas bringen?

Die FPÖ brauchte gar nicht in Erscheinung zu treten, denn die anderen arbeiten in ihre bildungspolitische Richtung:

– mehr Kinder in der Deutschförderklasse bedeutet weniger Integration dieser Kinder, da sie weniger Deutsch lernen können;

– die Förderung für sozial benachteiligte Kinder ist gestrichen,

– Integration von Kindern mit Behinderung in der VS* und NMS* wird erschwert,

– reformpädagogische* Projekte werden beendet (Mehrstufenklassen)

Die Demo am 28.6.2021
Die Demo am 28.6.2021 (Foto: Benedikt Hageneder)

Wer profitiert jetzt von der „neuen, transparenten“ Vergabe?

Das konnten wir in diesen drei Wochen nicht herausfinden.

Eine Zeit lang konnten die Politiker_innen den Schein wahren, dass „Brennpunktschulen“* mehr Stunden bekommen würden. Doch dann meldeten sich Direktor_innen des 10. Bezirks, denen 1.400 Stunden „fehlen“ (VS und NMS).

Unsere Schule (VS, 14 Klassen im kommende Jahr) verliert 20% der Pädagog_innen, das sind 5 Lehrer_innen (einige Stunden konnten bis Schulschluss „nachgebessert“ werden, somit kann die neue 1. Klasse besetzt werden und zwei Junglehrer konnten am Standort gehalten werden – es gehen „nur“ drei). Unsere Klassenlehrerinnen* rechnen damit, im kommenden Schuljahr ohne Teamlehrerinnen* ständig alleine in den Klassen mit 25 Kindern zu arbeiten.

Stadtrat Wiederkehr versprach noch vor der Demonstration 2.200 zusätzliche Lehrer_innenstunden* für ganz Wien, bei 450 Pflichtschulen* ein Tropfen auf den heißen Stein (und wie schon erwähnt fehlen alleine an den „Brennpunktschulen“ in Favoriten 1.400 Stunden). Außerdem schmückt sich die Stadt Wien mit 200 zusätzlichen Freizeitpädagog_innen, die nicht statt Lehrer_innen eingesetzt werden können, weil ihre Arbeit die Freizeitpädagogik am Nachmittag ist und an neu eröffneten Schulen stattfinden wird.

Auch bei den mobilen Lehrer_innen wurde „gespart“: Es wird bedeutend weniger Stunden für Sprachheilpädagog_innen*, Stützlehrer_innen* und Beratungslehrer_innen* (Lehrer_in mit psychologischer Zusatzausbildung, arbeitet einzeln mit Kindern) geben. An manchen Schulen mit bilingualem Schwerpunkt wurden die Nativ-Speaker* gestrichen.

Mehrstufenklassen (1. – 4. Schulstufe in einer Klasse) stehen zwar im Paper der Bildungsdirektion unter „zusätzliche Projekte“ und erhalten damit Teamstunden, dies gilt aber nur für Mehrstufenklassen ohne Integration (von Kindern mit besonderen Bedürfnissen). Denn laut einer Beamtin in der Bildungsdirektion sind „in der Integrationsklasse schon 2 Lehrerinnen“ (1 Volksschullehrerin, 1 Sonderpädagogin). Dass die Sonderpädagogin auch einen anderen Arbeitsbereich hat als mit Volksschulkindern Unterricht zu machen, dürfte sich nicht bis in die Bildungsdirektion herumgesprochen haben.

Immer wieder wird von der Bildungsdirektion betont, dass kein_e Lehrer_in ihre Arbeit verliert. Ja, auch mein Arbeitsplatz ist nicht gefährdet – es geht darum wie ich arbeiten werde. Aber es geht auch um 21 Kinder (teilweise mit schweren Beeinträchtigungen*), ihre über 40 Eltern und ihre Familien. Diesen Kindern und Familien hätte zu Schulschluss zugesagt werden können, in welche Klasse sie im Herbst kommen werden. In ganz Wien gibt es viele Klassen (und Eltern und Familien), die jetzt im Unklaren sind.                          

Wir haben es also mit einer „Reform mit Transparenz“ zu tun: Alle bekommen weniger, viele zu wenig und keine_r kann den Durchblick behalten. Interessant ist, dass unter Führung der NEOS und der SPÖ gut funktionierende Systeme für besseres Marketing zerschlagen werden. Ob das „unseren Kindern Flügel“ verleihen wird, wie die NEOS es plakatiert haben?


Glossar (alphabetisch):

* 2.0-Förderstunden: 2 Förderstunden pro Klasse, die von der Stadt Wien bezahlt wurden                                                          

* Beeinträchtigung: Schwierigkeiten, Schwächen oder auch Behinderungen, die ein Mensch hat

* Beratungslehrer_in: Lehrer_in mit psychologischer Zusatzausbildung, arbeitet einzeln mit Kindern

* Bildungsdirektion: in einem Bundesland zuständige Verwaltungsbehörde, in Wien früher „Stadtschulrat“,

* Bildungsstadtrat: seit der Wien-Wahl 2020 stellen die NEOS den Stadtrat für Bildung, Jugend, Integration und Transparenz   

* „Brennpunktschule“: nicht klar definiert, Schule mit besonderen Herausforderungen, z. B. viele Kinder mit unterschiedlichen Erstsprachen  

* Deutschförderklasse: Seit zwei Jahren sitzen Kinder mit wenigen bis keinen Deutschkenntnissen die meiste Zeit ihrer Schulwoche in einer Extraklasse, dort lernen sie vermehrt Deutsch; Integration dieser Kinder in ihrer eigentlichen Klasse wird erschwert.

* Elternvertreter_in: Die Eltern jeder Klasse wählen 2 Elternvertreter_innen, diese vertreten die Eltern in Schulangelegenheiten (Eltern + Schule = Schulpartnerschaft)

* Grundkontingent/Basiskontingent: wird berechnet aus der gesamten Schüler_innenzahl der Schule : 25 = Anzahl der Klassen; das Basiskontingent ist die Stundenzuteilung an eine Schule, es kommen danach noch Stunden für Projekte dazu

* Integrationsklasse: eine Klasse, in der Kinder mit Beeinträchtigungen zusammen mit VS/NMS- Schüler_innen unterrichtet werden

* Klassenlehrerin: in der Volksschule Lehrerin der Klasse                                                                                        

* Lehrer_innenstunden: Stunden, die eine Lehrer_in in der Woche unterrichtet (VS: 22 Stunden, NMS: 21 Stunden)

* Mehrstufenklasse: Klasse in der Kinder unterschiedlichsten Alters (6-11 Jahre) zusammen arbeiten, in Wien bei Eltern, Kindern und Pädagog_innen beliebtes Modell; häufig mit reformpädagogischem Schwerpunkt

* Nativ-Speaker: Sprachen-Lehrer_in, die stundenweise in die Klasse kommt (Englisch, Ungarisch, Spanisch, …)

* NMS: Neue Mittelschule, Schule der 10-14-Jährigen, früher Hauptschule       

* Pflichtschule: Volksschule, Neue Mittelschule, Sonderschule und Polytechnische Schule; in Österreich sind die Bundesländer für die Pflichtschulen zuständig (im Gegensatz zu Bundesschulen, die der Bund verwaltet; AHS, BHS, …)    

* Reformpädagogik: Pädagogische Richtung, in der Schule sich am Kind orientiert, z.B.: Freinet-,  Montessori- , Walddorfpädagogik

* Sprachheilpädagog_in: Lehrer_in, der_die Kinder in ihrer Sprachentwicklung unterstützt

* Stützlehrer_in: arbeitet zusätzlich mit Kindern, die voraussichtlich das Klassenziel nicht erreichen werden

* Teamlehrer_in: kommt stundenweise zur Klassenlehrerin dazu, Teamteaching und kleinere Lerngruppen werden ermöglicht                                                                                                                                       

* VS: Volksschule, Schule der 6-10-Jährigen


Titelbild: Benedikt Hageneder

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