„Die Klimakrise muss mit politischen Maßnahmen gestoppt werden“

Die Politikwissenschaftler*innen Ulrich Brand und Alina Brad von der Universität Wien erinnern an den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ von vor 50 Jahren und halten fest: Grünes Wachstum ist ein Trugschluss, die Politik muss jetzt handeln, will sie die Klimakrise in den Griff bekommen.

Von Moritz Ettlinger

Genau 50 Jahre ist es her, als mit der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ ein Bericht veröffentlicht wurde, der dem Expert*innen-Gremium Club of Rome weltweite Aufmerksamkeit verschaffte. In einer Computersimulation, die Donella und Dennis Meadows und ihr Team vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Auftrag des Club of Rome durchführten, wurden verschiedene Szenarien präsentiert, wie sich die Weltbevölkerung, die Produktion von Industriegütern und Nahrungsmitteln, die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe und die Umweltzerstörung in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnten.

Das Ergebnis war so eindeutig wie beunruhigend: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht“, heißt es in der Schlussfolgerung des Berichts vom 2. März 1972.

Der Appell der Wissenschaftler*innen war klar: Immer weiteres Wachstum, das könne nicht funktionieren. Es brauche weitreichende Umweltpolitiken, Geburtenkontrolle und technologischen Innovationen genauso wie eine Begrenzung von Kapitalwachstum. Letzteres sei in der Diskussion seither oftmals vernachlässigt worden, so Dr. Alina Brad vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

„Es gibt noch zu viele fossile Rohstoffe“

Heute, am 2. März 2022, ist die Hälfte dieses Zeitraums vergangen. Doch „Die Grenzen des Wachstums“ hat wenig an Aktualität eingebüßt, wie Alina Brad gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand von der Universität Wien festhält. „Der Expansionsdrang der kapitalistischen Wirtschaft hat sich […] seither eher intensiviert“, sagt Brad. Viele Studien würden zeigen, dass die Vorstellungen einer Grünen Ökonomie und die Versöhnung von Umweltschutz und Wirtschaftswachstum nicht funktionieren könne.

In die gleiche Kerbe schlägt Ulrich Brand. Die Prognose des Expert*innengremiums von 1972 in Bezug auf knapper werdende Ressourcen oder ein Zusammenbrechen der globalen Industrie- und Nahrungsmittelproduktion hätten sich zwar nicht bewahrheitet, so der Politikwissenschaftler. Zu denken geben sollte uns aber etwas anderes: „Wir können nicht davon ausgehen, dass Ressourcenknappheit automatisch zu einem Umdenken führt. Das Problem heute ist nicht die Ressourcenknappheit, sondern dass es noch zu viele fossile Rohstoffe gibt, die verbrannt werden können. Die Klimakrise muss mit politischen Maßnahmen gestoppt werden, nämlich durch eine Begrenzung der Expansionsdynamik der Wirtschaft“, weist auch Brand die Erzählung vom Grünen Wachstum klar zurück.

Freiheit bedeutet nicht, alles tun zu können”

Brad und Brand zählen zu den führenden Expert*innen für internationale Umweltpolitik in Österreich. In ihrer gemeinsam mit 26 Autor*innen aus 13 Ländern im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie zum Thema „planetare Grenzen, gesellschaftliche Grenzen“ plädieren sie unter anderem für gesellschaftlich ausgehandelte und politisch abgesicherte „Obergrenzen“ für Konsum. Vor allem wohlhabende Menschen müssten deutlich weniger Ressourcen verbrauchen und Treibhausgase ausstoßen, folgert Brand. 

Allerdings gehe es dabei nicht um Verzicht von Individuen, sondern vielmehr um „gesellschaftliche Norm[en] und politische Regel[n] in Zeiten der Übernutzung des Planeten.“ Denn: „Ein Leben in Freiheit bedeutet eben nicht, immer und überall tun zu können, was man will und wenn man das nötige Geld dafür hat. Es müssen auch die Auswirkungen auf andere Menschen und auf die Natur berücksichtigt werden“, mahnt der Politikwissenschaftler.

Außerdem steht die Umgestaltung und der Um- bzw. Rückbau von umweltschädlichen Industrien wie der Flug- oder Autoindustrie im Fokus der Forscher*innen. „Wir sehen an den Auseinandersetzungen um den Lobautunnel und die Stadtautobahn, dass solche Formen der Selbstbegrenzung in harten Konflikten durchgefochten werden müssen. Die ökologische Krise führt eben nicht per se zu mehr Einsicht“, sagt Brand.

Unmut über gesellschaftliche Entwicklungen

Zurück zum Club of Rome und der Studie „Grenzen des Wachstums“. Dass diese so breite Aufmerksamkeit erlangte, lag laut Alina Brad weniger an den wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern viel mehr am „Unmut über gesellschaftliche Entwicklungen“ allgemein. Allerdings: „Die Gesellschaft entwickelt über solche Studien ein Verständnis ihrer Probleme und Krisen, aber auch über verschiedene Handlungsoptionen. Doch es wird an ihnen das komplette Versagen der Politik deutlich. Sie appelliert an die Individuen, ökologischer zu konsumieren, lässt aber die wirtschaftlich Mächtigen weitgehend unangetastet.“

Heute würden dafür die Berichte des Weltklimarates IPCC stehen, so Brad. Erst am Montag wurde dessen neuester Report veröffentlicht, der einmal mehr ein düsteres Bild der Zukunft malt. Zum ersten Mal beschrieb der IPCC den Klimawandel darin als eindeutige Gefahr für das Wohl von Menschheit und Planet Erde. Das Jahrzehnt, in dem wir uns jetzt befinden, sei entscheidend für die Richtung, in die es gehen soll.

Aktuell sei der Bericht des Club of Rome jedenfalls auch in anderer Hinsicht, meint Ulrich Brand, denn das Wirtschaftssystem mit seinem Wachstumszwang führe immer wieder zu Konflikten bis hin zu Kriegen. „Die ForscherInnen haben schon damals gemahnt, dass das Wettrüsten aufhören und die internationale Kooperation intensiviert werden müsste.“


Titelbild: Matt Palmer auf Unsplash

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