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In Namibia fordern immer mehr queere Menschen ihre Rechte ein – auch, um ein Gesetz abzuschaffen, das Sex zwischen Männern verbietet.

Von Steven Meyer (fluter.)

Die Richtung, da scheinen sich viele einig zu sein, stimmt in Namibia. Das westafrikanische Land hat sich in den vergangenen Jahren gesellschaftlich geöffnet; im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern. Und Namibia wurde dafür belohnt: Vor der Pandemie kamen immer mehr Tourist:innen ins Land – auch queere Reisende. Durch die Hauptstadt Windhuk ziehen seit einigen Jahren Pride-Paraden, vorbei an queeren Bars und Drag-Shows und einem LGBT-Gesundheitszentrum. In Umfragen berichten junge Namibier:innen, dass ihnen das Coming-out immer leichter falle.

Die Situation für queere Menschen hat sich verbessert, und zwar so rasant und öffentlichkeitswirksam, dass man vergessen könnte, dass es abseits von touristischen Hotspots wie Windhuk anders aussehen kann. In den ländlichen Regionen des Landes leben sexuelle Minderheiten oft weniger frei, berichten Menschenrechtsorganisationen und LGBT-Vertreter:innen. In diesen Regionen hat die afrikanisch-nationalistische Regierungspartei South West African People’s Organisation (SWAPO) den größten Rückhalt.

Sex zwischen Männern ist in Namibia illegal – die Regierung sah bislang keinen Grund, das zu ändern

Die SWAPO übernahm die Regierung als Namibia vor mehr als 30 Jahren unabhängig wurde, und hat sie seitdem nicht abgegeben. In der Frage, ob die Rechte queerer Menschen gestärkt werden sollten, ist die Partei gespalten. Die Führung vermeidet Bekenntnisse für oder gegen die Minderheiten, einzelne Parteiflügel, darunter auch die Jugendorganisation und der Ältestenrat, erklären ihre rechtliche Gleichstellung öffentlich für falsch. Immer wieder behaupten SWAPO-Vertreter:innen, Homosexualität sei illegal, krank, satanisch.

Mit solchen Aussagen kann die Regierungspartei bei vielen Menschen punkten: Das Land hat schwer mit der HIV-Epidemie zu tun. Die HIV-Rate in Namibia ist eine der höchsten weltweit, 8,3 Prozent der Bevölkerung leben mit dem Virus. Die Prävention ist in vielen Teilen des dünn besiedelten Landes nicht einfach, in anderen aber auch nicht konsequent. Das zeigt ein Ort besonders: Seit Jahren weigern sich die Behörden, Kondome an Männer in Gefängnissen zu verteilen. Die gelten als HIV-Hotspots. Man wolle aber, so die namibischen Behörden, gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Insassen nicht fördern. Der ist in Namibia noch immer illegal.

Das sogenannte Sodomiegesetz kriminalisiert Männer, die Sex mit anderen Männern haben (der früher abwertend „Sodomie“ genannt wurde, Anm. d. Red.). Grundsätzlich ist Homosexualität nicht verboten, Analsex aber schon. In der namibischen Strafprozessordnung ist schwuler Sex ein ähnlich schweres Vergehen wie Mord, Vergewaltigung oder Landesverrat. Deshalb dürfen Polizist:innen sogar töten, wenn sie zwei Männer festnehmen, die vermutlich Sex miteinander hatten, auch ohne Haftbefehl.

Aktivist:innen wehren sich gegen das Gesetz und kritisieren es als homofeindlich. Die SWAPO aber sah bislang keinen Anlass, das Verbot abzuschaffen. Politiker:innen behaupten, das Gesetz werde heute kaum noch angewendet – obwohl zwischen 2003 und 2019 64 Festnahmen im Zusammenhang mit dem „Sodomiegesetz“ gemeldet wurden und das Gesetz leicht missbraucht werden kann, um schwule Männer zu erpressen.

Die Diskussion um das „Sodomiegesetz“ fällt in eine Zeit, in der immer mehr queere Menschen gegen ihre Ungleichbehandlung juristisch vorgehen. Und es damit bis vor die höchsten Gerichte des Landes schaffen. So auch mehrere Fälle des Namibiers Phillip Lühl und des Mexikaners Guillermo Delgado.

Die beiden sind verheiratet und haben mittlerweile drei Kinder, die von einer Leihmutter in Südafrika ausgetragen wurden. Anders als bei heterosexuellen Paaren verweigerten die Behörden ihren Kindern jedoch die namibische Staatsbürgerschaft – und den Zwillingen Maya und Paula Delgado-Lühl nach der Geburt sogar für Monate die Einreise nach Namibia. Die Behörden verlangten einen Beweis, dass Phillip der leibliche Vater der Zwillinge sei. Dabei definiert weder das namibische Gesetz noch die Verfassung Abstammung durch genetische Verbindung.

Phillip und Guillermo fühlen sich vom Staat diskriminiert, weil sie ein gleichgeschlechtliches Paar sind, das Kinder hat. „Wir wollten Namibia verlassen, als wir unsere Kinder nicht nach Hause bringen durften“, sagt Phillip. Stattdessen hing das Paar für Monate in Gerichtsprozessen fest.

„Die Gesetze dieses Landes verletzen mein persönliches Recht, in Namibia zu existieren“, sagt Omar van Reenen. Van Reenen ist 25, Mitglied des Namibia Equal Rights Movement, und gehört zu einer neuen jungen Generation Namibier:innen, die offen zu ihrer sexuellen Orientierung stehen. „Trotzdem ist ein Coming-out für viele queere Menschen in Namibia eine traumatische Erfahrung.“ Van Reenen hat sich mit Anfang 20 geoutet, während des Studiums in New York. „Es ist schwer, in Namibia queer zu sein, weil wir in einer traumatisierten Gesellschaft leben, die sich nie mit dem Schrecken der Apartheid auseinandergesetzt hat.“

Die Geschichte Namibias ist auch eine Geschichte der Fremdbestimmung. 1884 wurde das Gebiet zur deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika erklärt. 20 Jahre später schlugen die Kolonialtruppen den Widerstand der Herero und Nama nieder: Der erste deutsche Genozid kostete schätzungsweise 50.000 bis zu 100.000 Menschen das Leben. Sie verdursteten in der Omaheke-Wüste, starben im Kampf oder in Konzentrationslagern.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das heutige Namibia Südafrika zugeteilt und konnte erst 1990 – nach mehr als 100 Jahren Fremdbestimmung – seine Unabhängigkeit erklären. Das „Sodomiegesetz“ ist eine Hinterlassenschaft dieser Geschichte. Als Namibia 1990 unabhängig wurde, übernahm es die politischen Rahmenbedingungen Südafrikas; also auch dessen „Sodomiegesetz“, das auf die niederländischen und britischen Kolonialherren zurückgeht. So kommt es, dass ein 100 Jahre altes Gesetz noch heute für Debatten sorgt. Nicht nur Aktivist:innen wehren sich. Auch ein Komitee der namibischen Regierung empfahl kürzlich, Gesetze, die auf die Kolonialzeit zurückgehen, endgültig abzuschaffen. Unter anderem auch, weil die nicht von demokratisch gewählten Repräsentant:innen Namibias erlassen wurden.

Seit Sommer liegt der Nationalversammlung ein Gesetzentwurf vor: Das Sodomiegesetz soll fallen 

Die Geschichte von Maya und Paula Delgado-Lühl verbreitete sich über die Nachrichten. Omar van Reenen organisierte Demonstrationen. Plötzlich liefen wildfremde Menschen mit Schildern durch Windhuk, auf denen „Bring Paula and Maya home“ stand. Im Mai durften die Kinder schließlich per Notfallreisedokument einreisen. Im Oktober entschied der Oberste Gerichtshof, dass auch der erste Sohn der beiden, Yona Delgado-Lühl, der ebenfalls durch eine Leihmutter in Südafrika zur Welt kam, namibischer Staatsbürger werden darf. Das namibische Innenministerium hat dagegen Berufung eingelegt, das Urteil steht aus. Trotzdem wird Yona Delgado-Lühl von der queeren Community als Präzedenzfall gefeiert.

Die wartet jetzt auf die Abschaffung des „Sodomiegesetzes“. Auf die anscheinend auch Justizministerin Yvonne Dausab hinarbeitet. Dausab, ebenfalls Mitglied der SWAPO, legte im vergangenen Sommer einen Gesetzentwurf vor. Der braucht jetzt die Zustimmung des Kabinetts und der namibischen Nationalversammlung. Wann sie entscheiden wird, ist unklar.

Dausab sieht derweil schon in den Gerichtsverfahren der Familie Delgado-Lühl einen Wendepunkt für Namibia: Menschen wie Phillip Lühl ziehen für ihre Rechte vor die höchsten Gerichte des Landes, Aktivist:innen wie Omar van Reenen protestieren für ihre Gleichstellung. Von der sind queere Menschen im Land immer noch weit entfernt, rechtlich und gesellschaftlich. Aber mittlerweile verdient die LGBT-Bewegung in Namibia ihren Namen. Sie kommt voran.


Dieser Text wurde am 28.02.2022 auf fluter.de unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den Nutzer*innen eine nicht-kommerzielle Weiterverwendung unter Namensnennung des*der Urheber*in sowie ohne Bearbeitung. 

Titelbild: Markus Spiske von Pexels

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