Die stille Krise der Psyche

Höchste Zeit, hinzusehen und für echte Verbesserungen zu sorgen.

Von Karin Leitner (A&W-Blog)

Über zwei Jahre leben wir nun im COVID-Ausnahmezustand: Distanz halten, Homeoffice, Homeschooling, Ansteckungsgefahr, gesperrte Sportvereine und Kultureinrichtungen, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, ein Lockdown nach dem anderen und die Unsicherheit, wie es wohl weitergeht – die COVID-19-Pandemie und die flankierenden Maßnahmen zu ihrer Eindämmung haben weltweit ihre Spuren in der Psyche der Menschen hinterlassen. Gleichzeitig reicht die Versorgung nicht: Betroffene klagen über lange Wartezeiten auf Psychotherapieplätze, es gibt nicht genug – weder im stationären noch im niedergelassenen Bereich.

Doch ist dieses Problem allein verursacht durch die Krise? Geht es „wieder weg“, wenn die Pandemie zu Ende ist (wann auch immer das ist), und kann damit alles bleiben, wie es ist? Diese Hoffnung ist unberechtigt – zum einen, weil bereits vor der Krise psychische Erkrankungen im Vormarsch waren und die Versorgung schon damals nicht ausgereicht hat. Zum anderen, weil viele psychische Risikofaktoren und Beschwerden nicht von selbst verschwinden: namhafte Investitionen in Versorgung und Prävention sind längst überfällig!

Psychische Belastungen in Zahlen

Psychische Probleme haben in der COVID-Krise eklatant zugenommen – sie betreffen sämtliche Altersgruppen weltweit, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. War laut Erhebungen des Departments für Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit Krems im Jahr 2014 ein Prozent der Bevölkerung von einer schweren depressiven Symptomatik betroffen, so litten nach Beginn der Pandemie 2020 acht Prozent darunter.

Besonders schlimm sind die Befunde bei Kindern und Jugendlichen. Eine Studie der Donau-Universität Krems hat rund 3.000 Schüler:innen zu ihrer psychischen Gesundheit befragt und stellte einen deutlichen Anstieg bei den depressiven Symptomen fest – im Schnitt leidet die Hälfte der Jugendlichen darunter. Auch Angst- und Schlafstörungen kommen häufig vor. Alarmierend ist, dass bereits 16 Prozent der Jugendlichen mehr als die Hälfte der Tage oder täglich Suizidgedanken haben. Auffällig ist, dass generell mehr Mädchen psychisch leiden als Burschen.

Psychische Belastung von Schüler:innen, Grafik
Grafik: A&W-Blog

Psychische Belastungen, ein Problem, das die COVID-19-Pandemie verursacht hat? Verschärft ja, verursacht nein – die steigende Anzahl an Krankenstandstagen wegen psychischer Probleme war bereits vor der COVID-Krise evident und hat nun noch zugenommenPsychotherapeut:innen warnen davor, dass der Höhepunkt der psychosozialen Belastungen erst nach Abklingen der Pandemie auf uns zukommt.

Forderung nach besseren Rahmenbedingungen werden von Politik ignoriert

Immer wieder machen die Menschen auf der Straße und online auf die krankmachenden Umstände in ihrer Lebensrealität aufmerksam – Schüler:innen ebenso wie Erwerbstätige:

  • Schüler:innen demonstrierten gegen die Durchführung einer mündlichen Matura – sie wollen, dass nach den schweren Zeiten von Distance-Learning und Homeschooling endlich auch Abstriche bei den Leistungserfordernissen gemacht werden. Doch sie bleiben von der Politik ungehört – kein Verständnis, weder für sie noch für jüngere Kinder – zu keinem Zeitpunkt gab es eine Order des Bildungsministers, dass es Abstriche beim Prüfen des Lehrstoffes geben dürfe. Keine Erleichterungen, stattdessen volle Härte bei der Leistungsüberprüfung in der größten Gesundheitskrise des Jahrhunderts. Eine Lehrerin bringt es auf den Punkt: „Zu all dem seelischen Leid gesellt sich noch der Leistungsdruck.“
  • „Gut und selbst?“ ist eine Phrase unseres täglichen Sprachgebrauchs und nun auch Titel einer neuen Initiative, die die schlechte psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen und die mangelnde Unterstützung in diesem Bereich thematisiert. Eine der Forderungen lautet: Mehr Schulsupportpersonal, das vor Ort schnell und niederschwellig hilft. Trotz wiederkehrender Alarmrufe der Psychotherapeut:innen, Krankenhäuser und Schulen sowie der Kinder- und Jugendvertreter:innen über die zu große Anzahl an Betroffenen fehlt es bis heute an einem Bewusstsein für diese Problematik und echten Lösungen.
  • Manche Gruppen, wie die Lehrlinge, die zusätzlich mit Herausforderungen wie Lehrplatzsuche und der Integration in ihre Betriebe zu kämpfen haben, wurden ebenfalls gänzlich ignoriert. Die Wirtschaft ruft nach qualifiziertem Personal – die Bedürfnisse der „Fachkräfte von morgen“ spielen aber kaum eine Rolle.
  • Angekommen in der Arbeitswelt sieht es nicht besser aus: Beinahe 40 Prozent der Erwerbstätigen leiden unter starkem Zeitdruck bzw. Arbeitsüberlastung. In personenbezogenen Dienstleistungberufen sind weit mehr als die Hälfte mehr als einem psychischen Risikofaktor ausgesetzt. Viele Arbeitnehmer:innen müssen sich zudem um Kinderbetreuung, Haushalt und/oder pflegebedürftige Angehörige kümmern – eine Mehrfachbelastung, die in der Pandemie durch Homeschooling, geschlossene Kinderbetreuungseinrichtungen und eingeschränkte mobile Dienste bei vielen bis an und über die Belastungsgrenzen geführt hat. Der Ruf nach einem guten Leben für alle durch Arbeitszeitverkürzung und bessere Arbeitsbedingungen wird immer lauter, bleibt aber ebenso ungehört wie die Forderungen der jungen Generation.
  • Jene Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, sind besonderen Belastungen ausgesetzt: Eine Sonderauswertung des Arbeitsklima-Index zeigt, dass viele Arbeitslose mit dem Arbeitslosengeld kaum auskommen und den gesellschaftlichen Anschluss verlieren. Während fünf Prozent der Erwerbstätigen von Depressivität stark belastet sind, trifft dies auf elf Prozent der Arbeitslosen zu. Bei den Langzeitarbeitslosen leiden erschreckende 17 Prozent darunter.

Die fehlende Zeit und kaum Gelegenheiten für soziale Interaktion mit unseren Mitmenschen führen zu einer neuen Volkskrankheit: der Einsamkeit. Kultur- und Sporteinrichtungen sowie Gastronomie waren über Monate geschlossen. Viele haben sich an das Leben in den eigenen vier Wänden so sehr gewöhnt, dass sie schwer wieder den Weg hinaus finden, hinaus zu anderen Menschen. Kontakt mit anderen findet vielfach nur noch über Social Media statt – leider kein vollwertiger, gesunder Ersatz für analoge Begegnungen.

Reaktion der Bundesregierung: mehr Druck

In der Folge sehen sich viele Menschen nicht mehr imstande, ihren Beruf bis zur Pension auszuüben, geben ihn folglich auf oder reduzieren Arbeitszeit, was wiederum auch negative Auswirkungen auf die Höhe ihrer Pension hat. Die während der Pandemie viel beklatschten systemrelevanten Berufe warten bis heute auf eine entsprechende monetäre Abgeltung und Aufwertung. Während progressive Kräfte endlich ein Zugehen auf die Arbeitnehmer:innen fordern, sprechen sich konservative Parteien für eine Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen und ein degressives Arbeitslosengeld aus – also noch mehr Druck. Auf viele bereits psychisch belastete Menschen soll also noch mehr Druck ausgeübt werden, um mehr von ihnen in Beschäftigung zu bringen. Bei so einer Herangehensweise ist zwangsweise mit einer weiteren Verschärfung der Situation zu rechnen.

Mehr Investitionen in die Versorgungsstrukturen sind dringend nötig!

Um das Problem der psychischen Erkrankungen zu lösen, braucht es einen breiten Blick auf die vielen Ursachen, die ihm zugrunde liegen. Eine große Baustelle ist mit Sicherheit die unzureichend ausgebaute Versorgungslandschaft in diesem Bereich.

Die Behandlung bei einem:r niedergelassenen Psychotherapeut:in kann nicht einfach über die E-Card abgerechnet werden. Möchte man, dass die Krankenkasse die Kosten dafür übernimmt, muss man sich um einen Platz aus dem kontingentierten Angebot bemühen. In Oberösterreich sorgt eine Clearingstelle für die Vergabe und Reihung nach Dringlichkeit bzw. berät, welche andere Anlaufstelle (zusätzlich) behilflich sein kann.

Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) hat kürzlich einen raschen Ausbau der Psychotherapieplätze um zusätzliche 300.000 Stunden beschlossen. Das bedeutet eine zusätzliche Versorgung für rund 20.000 Versicherte. Die Kontingentierung – also Einschränkung auf eine gewisse Anzahl von Bezieher:innen – bleibt demnach bestehen. Nicht jede:r wird Psychotherapie über die E-Card nutzen können. Nicht alle, die übrig bleiben, können sich eine:n Wahltherapeut:in leisten. Zudem bestehen aufgrund des großen Andrangs monatelange Wartezeiten auf kassenfinanzierte Plätze. Die Gesundheit Österreich GmbH empfiehlt daher eine Aufhebung der Kontingentierung und stattdessen ein Erhebung und Ausrichtung nach dem tatsächlich vorhandenem Bedarf.

Dramatische Lage in stationärer Psychotherapie

Dramatisch sieht es zudem im stationären Psychotherapiebereich aus – die Krankenhäuser schlugen während der Pandemie immer wieder Alarm, dass die Kapazitäten erschöpft sind und Hilfesuchende nach einer Notversorgung weggeschickt werden müssen. Doch bereits vor der Krise waren zu wenig Betten vorhanden: Ein Bericht der Statistik Austria zur „Stationären psychischen Akutversorgung in Österreich“ zeigt deutlich, dass der österreichweite Bedarf an Krankenhausbetten in psychiatrischen Abteilungen bereits in den Jahren vor 2019 das tatsächliche Angebot deutlich überstiegen hat (Bedarf: 4.719 Betten. Vorhanden: 4.465). Rund ein Fünftel des Fehlbestands entfiel auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie! Das wiegt umso schwerer, als der stationäre Versorgungsbedarf bei Betroffenen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren höher ist als in jeder anderen Altersgruppe. Negativer Spitzenreiter der Bundesländer ist Oberösterreich, das zwischen 2004 und 2019 mit im Schnitt mehr als 100 Prozent Auslastung die höchste Bettenbelagsquote in psychiatrischen Abteilungen von Akutkrankenanstalten verzeichnete. Konkret bedeutet das, dass hier 18 Prozent ungedeckter Bedarf festgestellt wurde.

Vor diesem Hintergrund mutet die Höhe des mit 13 Millionen Euro dotierten „Psychotherapie-Pakets“ der Bundesregierung geradezu grotesk an. Bei der Initiative „Gesund aus der Krise“ soll das Geld für die psychosoziale Versorgung von jungen Menschen und Frauen aufgewendet werden. Expert:innen bezeichnen das Projekt als „Tropfen auf den heißen Stein“ – es wird nur einem kleinen Teil der Betroffenen (geschätzten 7.500 Kindern) helfen.

Gesunde Rahmenbedingungen sind ebenso wichtig!

So wichtig der Ausbau der Versorgungsstrukturen ist, so sehr stellt sich zusätzlich die Frage, was zu tun ist, damit es gar nicht (mehr) so weit kommt. Bei einer so hohen Anzahl an Betroffenen müssen wir uns fragen, was im System falsch läuft. Oder wie es ein Demonstrant in Chile so treffend auf sein Schild schrieb: „It was not depression, it was capitalism“. Der Mensch und seine Bedürfnisse nach mehr und qualitätvoller Lebenszeit, Wertschätzung, guten Arbeitsbedingungen, Mitspracherecht und nicht zuletzt ausreichend hohem Lohn findet offensichtlich zu wenig Beachtung im politischen Diskurs. Immer öfter gewinnt man den Eindruck: „Denen da oben sind wir egal.“ Wie es den Menschen geht, spielt nur untergeordnet eine Rolle und auch erst dann, wenn wirtschaftliche Interessen tangiert werden.

Auch gesamtwirtschaftliche Kosten

Psychische Probleme sind nicht nur mit viel individuellem Leid verbunden, sie kosten die Volkswirtschaften schon jetzt viel Geld: In Österreich beliefen sich laut einem Bericht der OECD aus dem Jahr 2018 die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen bereits auf 4,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) – wir können davon ausgehen, dass sich dieser Wert seit der Pandemie massiv erhöht hat. Es verwundert, dass dies noch immer nicht zu einem Bewusstseinswandel und einer neuen Prioritätensetzung der politischen Entscheidungsträger:innen geführt hat – für eine gesunde Volkswirtschaft braucht es eben keine überförderten Unternehmen, sondern gesunde Arbeitnehmer:innen.

Kosten psychischer Erkrankungen in Europa
Grafik: A&W-Blog

Was es jetzt braucht: mehr Aufmerksamkeit für und Investitionen in die Menschen:

  • Die Bundes- und Landesregierungen müssen JETZT namhafte Summen in die stationäre und niedergelassene Versorgung sowie in Sozialarbeit investieren – kostenlos, vor Ort und niederschwellig. Für die letztlich gescheiterte Impflotterie wären eine Milliarde Euro bereitgestellt worden – beim Kampf gegen psychische Beschwerden wären sie jetzt gut angelegt!
  • Arbeit attraktiver machen, vor allem im Care-Bereich (Gesundheit, Pflege, Kinderbildung und -betreuung), der besonders unter Druck steht: Bund und Länder haben für bessere Rahmenbedingungen, Ausbildung und Arbeit zu sorgen. Die betroffenen Erwerbstätigen und ihre Gewerkschaften werden nicht müde, Missstände aufzuzeigen. Verbesserungen würden nicht nur den Beschäftigten, sondern auch den zu Betreuenden (sei es im Gesundheits-, Pflege- oder Kinderbetreuungsbereich) nützen und viel psychisches Leid nachhaltig verhindern.
  • Bildungspolitik: Schüler:innen brauchen ein echtes Mitspracherecht – Forderungen nach einem Schulrechtssenat und einem Schüler:innenparlament liegen schon lange am Tisch. Um den Leistungsdruck zu senken, braucht es jetzt eine Entscheidung des Bildungsministers zur Erleichterung bei Prüfungen, Tests und der Matura. Zudem sind eine Entstigmatisierung psychischer Beschwerden und eine breite Sensibilisierungsstrategie anzugehen sowie mehr präventive Angebote vor Ort anzubieten.
  • Ein neuer Mindset in der Arbeitsmarktpolitik: Oberstes (gesetzliches) Ziel sollte es sein, Menschen Mut zu machen und ihre Gesundheit zu erhalten sowie vor Armut zu schützen. Dazu gehören eine qualitätvolle Beratung und die Vermittlung guter Arbeit durch das Arbeitsmarktservice. Mehr Druck und Schikane waren noch nie motivierend, sie erzeugen im Gegenteil eine immer größere Not und Ablehnung.

Eine Arbeitszeitverkürzung nach dem Vorbild Islands würde den Menschen mehr qualitätvolle Lebenszeit und bessere Vereinbarkeit von Familie und Arbeit bringen.


Titelbild: Marcel Strauß auf Unsplash

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