Von wegen naive Pazifist*innen 

Ein Kommentar von Markus Schwarz

Die Heftigkeit der Diskussionen in öffentlichen Medien, aber auch sozialen Netzwerken bezüglich der Maßnahmenpolitik der deutschen Regierung wurde einmal mehr entfacht durch den offenen Brief der knapp dreißig Kulturschaffenden an den deutschen Bundeskanzler Scholz. Wie man auch immer zu manchen Mitverfasser*innen dieses Briefes stehen mag, lässt sich die im Brief ausgedrückte Mahnung an Kanzler Scholz –  der sich für die Entsendung schwerer Waffen an die Ukraine aussprach – nicht leichtfertig abtun, nämlich durch zu umfangreiche Waffenlieferungen, vor allem von schwerem Gerät, eine weitere Eskalation zwischen der europäischen Union und Russland zu riskieren. Es besteht letztlich laut der Verfasser*innen des Briefs die berechtigte Sorge durch die intensivierten Waffenlieferungen nicht gänzlich unversehens auf einen nuklear ausgetragenen Krieg zwischen Russland und den westlichen Mächten zuzusteuern.

Neben diesen Hauptlinien der öffentlichen Diskussion werden Medien, auch Privatpersonen  nicht müde, die sich für Frieden aussprechenden Aktivist*innen als realitätsfern abzukanzeln, zu diskreditieren und deren Inhalte dadurch als unhaltbar abzustempeln. 

Diese Kampagnen gegen Vertreter*innen des politisch, sehr wohl differenziert vor- gebrachten Pazifismus beschneidet die öffentlichen Diskurse um einen wichtigen Beitrag. Der zivilgesellschaftlich, ob nun in privaten Kreisen oder im öffentlichen Raum geführte Meinungsaustausch führt nur dann kollektiv zu nachhaltig umsichtig ausgearbeiteten Erkenntnissen und daraus ableitbaren konstruktiven Handlungsansätzen, wenn multiperspektivisch die unterschiedlichen Standpunkte beleuchtet werden. 

Andernfalls ist die Gefahr der Einseitigkeit gegeben, die wiederum nur Lösungsansätze in Betracht zieht, die der harten, unreflektierten Kriegslogik: „Zahn um Zahn, Auge um Auge“ folgen. Diese in der praktischen Politik umgesetzte Sichtweise allein kann aber verheerende Folgen nach sich ziehen. Daher dürfen Pazifist*innen nicht müde werden, klar und prägnant mittels plausibler Argumentation ihre alles andere als blauäugige Weltsicht gegenzuhalten – zumindest wenn wir aus diesem Konflikt, der unseren Globus seit Monaten in Atem hält, nur mit einem blauen Auge davonkommen wollen. 

Ich plädiere vom ersten Moment an grundsätzlich für Mäßigung des aggressiven Tones, der all die gesellschaftlichen Diskurse bestimmt und in seiner Gesamtheit auch die politische Richtung beeinflusst, wie mit dem Konflikt als Drittparteien umzugehen sei. 

Wo hat uns die Taktik der zerstörten Regime – lasst uns ab 2011, dem Jahr des arabischen Frühlings schauen – hingeführt? Oft blieb in den zusammengebrochenen Staaten, allen voran Irak und Libyen nur Chaos, also instabile, vor allem für die Bevölkerung vor Ort untragbare Verhältnisse zurück. 

Was geschieht mit dem asiatischen Kontinent, auf dem ja nicht nur China, Türkei, Japan, Indien, Pakistan, nein, wie üblich auch die USA Machtansprüche stellen, wenn Russland im Falle, dessen es keinen Nuklearkrieg gibt, sondern Putin demontiert wird, durch ein Machtvakuum geschwächt ist? Von den Folgen eines tatsächlich durch gar zu eifrige Blindwütigkeit provozierten Nuklearkrieges gar nicht zu reden.

Menschen deren geistiger Tellerrand nicht einmal die Grenze jenseits ihres Gartenzauns übersteigt, hetzen für Schritte eines geopolitischen Ausmaßes, das zeitlich und räumlich so umfassend ist, als nicht einmal Historiker*innen mittels digitalen Software-Tools verbesserter Forschung befähigt sind die sich daraus aufwerfenden Konsequenzen irgend ermessen zu können. Die allgemeine Stimmungslage stiftet zwar nicht eins zu eins bestimmte weisungsbefugte Organe – Politiker*innen – an direkt Schritte zu setzen, kann diese öffentlichen Personen aber schon zu einer entweder reflektiert, besonnenen,  oder eben auch kurzsichtig, überhasteten Vorgehensweise motivieren. 

Von daher: Jegliches Hetzen, jegliche Forderungen nach breiten militärischen Interventionen zu unterlassen, wäre schon hilfreich. Dieser Appell hat nichts mit Naivität zu tun, er ist Ausdruck der Reflexion der Geschichte und den daraus gezogenen Lehren, deren eine z.B. lautet: Aggression schürt Unbesonnenheit. Für diese Erkenntnis muss man nicht mal Expert*in sein. 

In Bezug auf den Ukraine Konflikt geht es nämlich um unser aller globalen Zukunft und nicht nur um die Zweige meiner Sträucher, die in des Nachbarn Garten hinüberragen und wie damit zu verfahren sei.


Titelbild: Candice Seplow auf Unsplash

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