Filmschmankerl: Starke weibliche Protagonist*innen

Männliche Personen stehen im Fokus, dürfen die Welt retten, Frauen erobern und das Geschehen dominieren. Weiblichen Figuren in Filmen waren lange Zeit nur die Nebenrollen als Love Interests oder Stichwortgeber*innen vorbehalten. Leider ist Diversität immer noch nicht im Mainstream der Filmwelt angekommen.

Dennoch gab und gibt es sie: Filme, die starke weibliche Protagonist*innen ganz nach vorne stellen und teilweise bekannte Erzählmuster aus einer neuen Sicht beleuchten, teilweise aber auch neue Erzählformen finden. Einige Beispiele mit Prädikat sehenswert aus dieser Kategorie wollen wir euch in dieser Ausgabe unserer Filmschmankerl vorstellen. Die Filme verstehen wir dabei nicht als Paradebeispiele für eine nicht-stereotype und feministische Darstellung von Frauenbildern (davon gibt es viel zu wenig!) und sind nach wie vor kritisch und mit ihren Ambivalenzen zu sehen. Sie versuchen aber, das haben alle vier Filmschmankerl gemeinsam, Frauenrollen im jeweiligen (zeitlichen und räumlichen) Entstehungskontext neu zu inzensieren.

Von Bernhard Landkammer und Hannah Wahl

Lady Snowblood [jap. Original: Shuriayuki-hime] (Japan, 1973)

Die 1970er-Jahre brachten eine gewisse Camp- und Pulp-Ästhetik in den Vordergrund. Der Einfluss von Comics und Popkultur sorgte für die Etablierung einer B-Movie-Ästhetik. Direkt zu Beginn des Klassikers „Lady Snowblood“ zeigt sich, dass die Mangaverfilmung eindeutig die größte Inspiration für Quentin Tarantinos „Kill Bill“ darstellt. Neben der fast schon märchenhaft überzeichneten Inszenierung, dem Einsatz moderner Musik und dem Szenenbild, gilt das vor allem für die Handlung und die starke, von Rache getriebene Yuki Kashima. Gezeugt wurde sie im Gefängnis, für den einzigen Zweck, Rache an vier Verbrecherinnen zu nehmen, die Schuld am Tod ihrer Mutter und deren Mann sind. Im Setting des Japan des mittleren 19. Jahrhunderts tritt die Protagonistin zart auf, nur um Sekunden später in wüsten Splatterorgien das Schwert zu schwingen. Eine starke Frau, die keine Männer braucht, um ihr Ziel zu erfüllen.

 

Der geteilte Himmel (DDR, 1964)

Alleine der imposante komponierte Filmbeginn ist es wert, Konrad Wolfs Verfilmung einer Erzählung von Christa Wolf zu sehen. In nur wenigen Minuten entfaltet der DEFA-Streifen durch das gekonnte Zusammenspiel aus technischer Inszenierung und Erzählung seine Wirkmacht, die einen nicht mehr loslässt. Der Film, der vor dem Hintergrund des Mauerbaues spielt, wird oft für seinen offenen Umgang mit den gesellschaftlichen und ökonomischen Problemen des jungen Staates gelobt. Dennoch verteidigt er vehement sozialistische Werte und ist keinesfalls als Systemkritik zu verstehen. Erzählt wird die Geschichte der jungen Studentin Rita Seidel, die sich in den zehn Jahre älteren Chemiker Manfred verliebt. Doch mit der Zeit entfremden sich die beiden: Während sich Rita als sozialistisch-politisierte Frau entfaltet, will der von beruflichen Rückschlägen enttäuschte Manfred nichts mehr von der DDR wissen und geht in den Westen. Zu „Der geteilte Himmel“ gibt es viele zutreffende kritische feministische Analysen. Zum einen ist Rita eine Frau, die sich auch gegen den Willen ihres Partners für einen Job entscheidet und ihn offen kritisiert, die sich für andere, denen Ungerechtigkeit widerfährt einsetzt. Zum anderen ist da eine emotionale, auch toxische Abhängigkeit zu Manfred. Generell sucht Rita in schwierigen Situationen vor allem Männer auf, denn an emanzipierten Frauenrollen mangelt es dann doch. Empfehlenswerter Film, der im historischen Entstehungskontext, aber deswegen nicht weniger kritisch gesehen werden muss.

 

Suffragette (Vereinigtes Königreich, 2015)

Das Historiendrama „Suffragette“, das in der deutschen Fassung den Zusatz „Taten statt Worte“ trägt, wurde in feministischen Kreisen viel besprochen. Wenig verwunderlich behandelt der Film den Kampf der britischen Suffragetten um das Wahlrecht für Frauen in seiner heißen Phase. Im Zentrum der Geschichte steht keine berühmte historische Figur, sondern die junge Maud Watts, verkörpert durch Carey Mulligan. Die verheiratete Wäscherin wird durch eine Arbeitskollegin auf die Aktivitäten des militanten Flügels der Women‘s Social and Political Union aufmerksam. Im Laufe des Filmes radikalisiert sie sich zunehmend und wird dafür am Arbeitsplatz wie in ihrer Ehe abgestraft. „Suffragette“ baut eine intensive Nähe zu seiner Protagonistin, einer einfachen Arbeiterin, auf und ist keinesfalls eine bloße Aufzählung von historischen Abläufen. Zurecht wurde jedoch kritisiert, dass Women of Color und Frauen mit migrantischem Hintergrund komplett ausgeklammert wurden, ebenso wie auch offen rassistische Äußerungen aus der bürgerlichen Frauenbewegung. Sehenswerter Blockbuster, der völlig zurecht kritisch besprochen wird.

 

Spring Breakers (USA, 2012)

Auf den ersten Blick ist „Spring Breakers“ von Harmony Korine eher das Gegenteil eines feministischen Films: Vier junge Frauen, gespielt von ehemaligen Disney-Schauspielerinnen, wollen zum Spring Break, um sich einige Tage voller Drogen, Sex und Party zu gönnen. Das nötige Geld organisieren sie durch einen Überfall in einem Diner und treffen in Miami den Kleinganoven Alien, genial gespielt von James Franco. Dabei geraten sie immer tiefer in den Strudel des Verbrechens – allerdings aus eigener Energie und stets bestimmt. Bunte Neonfarben, laute Popmusik und bewusst überzeichnete Charaktere bieten den Rahmen für die Emanzipation und Selbstbestimmung von vier Frauen, die die Männerwelt im wahrsten Sinne des Wortes überwinden. Bezeichnend hierfür ist die Kombination aus dem brutalen letzten Akt und einer Szene am Pool, mit James Franco am Flügel, der Britney Spears spielt, gerahmt von den vier Protagonistinnen mit pinken Hasskappen über dem Kopf und Maschinengewehren in der Hand – definitiv eine Sternstunde der Popkultur.

 


Titelbildcollage: Unsere Zeitung (Bilder von Unsplash/Pexels/Pixabay)

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