Mehr als ein Fußballturnier

Der Afrika-Cup fasziniert auch jenseits des Kontinents / Kurioses von 65 Jahren Afrika-Cup / Kommender Afrika-Cup auf 2024 verschoben.

Von David Bieber

Ein kleines Dorf in der senegalesischen Savanne an einem Sonntagabend im Februar 2015. Vor einem der wenigen Fernsehapparate in Bambey Sérére versammeln sich etwa zwei Dutzend Menschen. Jung und Alt, bunt gemischt. Auf dem Programm steht das Finale des Afrika-Cups: Elfenbeinküste gegen Ghana. Beide Teams sind gespickt mit internationalen Stars wie Yaya Touré oder André Ayew. Das erste senegalesische Fernsehen, RTS, überträgt live. Es herrscht Finalstimmung. Einige Dorfbewohner tragen Fußball-Trikots. Andere haben Wetten abgeschlossen. Die Kinder von Bambey Sérére haben bereits das Finale vorab auf staubigen Sandboden gespielt. Der Senegal ist fußballverrückt. Obwohl die „Teranga-Löwen“ bereits früh aus dem Turnier ausgeschieden sind, verfolgen die Dorfbewohner gespannt jede Partie, die RTS überträgt. An jenem Abend fiebern viele für die ebenfalls frankophone Elfenbeinküste mit.

Der Abend zieht sich, mittlerweile ist es schon Mitternacht; es will einfach kein Tor fallen. Wie zuvor schon 1992, als sich die Ivorer knapp mit 11 zu 10 im Elfmeterschießen durchsetzten, und zum vierten Mal in einem Finale mit der Elfenbeinküste muss also das Elfermeterschießen entscheiden. Als alle Feldspieler geschossen haben, und immer noch kein Sieger feststeht, kommen die beiden Torhüter an die Reihe. Der ivorische Torwart Barry hält schließlich den Schuss seines ghanaischen Kollegen. Und wird wenige Augenblicke später endgültig zum Volkshelden, als er dann selbst seinen Elfermeter verwandelt. Die Elfenbeinküste ist zum zweiten Mal Afrikameister im Fußball. „Was für ein spannendes Endspiel“, so die einhellige Meinung der begeisterten Dorfbewohner.

Aber der Afrika-Cup – zweifelsfrei das wichtigste Fußballereignis Afrikas seit 65 Jahren – ist mehr als nur ein Fußballturnier. Es ist ein Volksfest. Wie in Europa findet „Public viewing“ statt. Mancherorts gibt es auch „Fanmeilen“. Menschen schauen in Kneipen und Restaurants friedlich zusammen, politische und ethnische Konflikte rücken für die Zeit des knapp einmonatigen Fußballturniers in den Hintergrund. Der in weiten Teilen Afrikas wegen der kolonialen Vergangenheit so diffizile Begriff der einheitlichen Nation erfährt eine neue Bedeutung. Länder sind stolz auf ihre Mannschaft, auf ihr Land. Es ist das beherrschende Thema von Mitte Januar bis Mitte Februar in Afrika.

„Von seiner Bedeutung für die einheimische Bevölkerung überstrahlt er sicherlich noch die Europameisterschaft. Insbesondere, weil afrikanische Teams bei Weltmeisterschaften selten herausragende Rollen spielen konnten, definieren sich die Fußballnationen hauptsächlich über das Abschneiden bei ihrem ‚African Cup of Nations‘“, schreibt der Journalist und Buchautor Olaf Jansen in seinem Buch über die Geschichte und Geschichten des Afrika-Cups.

Erstmalig 1957 im damaligen Sudan, das seit 2011 in einen nördlichen und südlichen Teil geteilt ist, ausgetragen ist der vom afrikanischen Fußballverband CAF organisierte Afrika-Cup sogar drei Jahre älter als die Europameisterschaft, die zum ersten Mal 1960 in Frankreich stattfand. Zu unterscheiden ist der Afrika-Cup ferner von der Afrikanischen Nationenmannschaft, einem Turnier in dem nur Spieler spielberechtigt sind, die in den nationalen Meisterschaften ihrer Heimatländer spielen.

Seit 1968 findet die Endrunde alle zwei Jahre statt. Im Jahr 2010 beschloss die CAF mit Wirkung ab 2013 den Afrika-Cup in ungeraden Jahren auszutragen, damit dieser nicht mit Welt- und Europameisterschaften in ein Jahr fällt.

Bei der ersten Austragung 1957 gab es mit dem späteren Sieger Ägypten, den Sudan und Äthiopien nur drei Teilnehmer; Südafrika wollte zwar teilnehmen, wurde jedoch wegen der Politik der Apartheid ausgeschlossen. In den darauffolgenden Jahren erlangten viele Staaten ihre Unabhängigkeit. Folglich wuchs das Turnier kontinuierlich, so dass eine Qualifikationsrunde notwendig wurde. Allerdings kam immer nur ein geringer Teil an Teams tatsächlich in die Endrunde, zum eigentlichen Afrika-Cup. 1966 waren es schon sechs Länder, 1968 acht Länder, die den Afrikameister unter sich ausspielten. Der Afrika-Cup wurde zunehmend zu einem international anerkannten Turnier, das vielen Jungstars eine Bühne bot und Karrieren maßgeblich beförderte. Man denke nur an die beiden bekanntesten Fußballer des Kameruners, Roger Milla und Samuel Eto’o, den Nigerianer Rashidi Yekini, den Ivorer und ehemaligen Chelsea London-Stürmer Didier Drogba oder aktuell an den Ägypter Mo Salah und den für den FC Bayern München spielenden Senegalesen Sadio Mané.

Durch geschicktes Marketing und Sponsoring wurde, besonders durch den Verkauf von Fernsehrechten in den vergangenen Jahrzehnten, viele Millionen Dollar in die Kassen des kontinentalen Fußballverbandes CAF gespült. Der Afrika-Cup wurde auch außerhalb Afrikas gerne gesehen, nicht nur von der Diaspora, da viele afrikanische Spieler in europäischen Top-Ligen spielten. Und zu Idolen der (weltweiten) Jugend avancierten.

Für Unmut sorgt bei vielen europäischen Klubs – seitdem viele Afrikaner in Europa unter Vertrag stehen –, dass sie ihre afrikanischen Spieler alle zwei Jahre im Januar und Februar an die Nationalmannschaft abstellen müssen, obwohl der nationale und teilweise auch der internationale Ligabetrieb da im vollen Gange ist. Nicht selten kommen Spieler auch verletzt zu ihren Klubs zurück.

Im Jahr 2019 kam es zu einer bedeutenden Erweiterung des Teilnehmerfeldes. Erstmals nahmen am Afrika-Cup 24 statt 16 Länder teil. Seitdem spielen die Teams eine Vorrunde in neuerdings sechs Gruppen mit jeweils vier Mannschaften. Die beiden besten Mannschaften jeder Gruppe und – das ist neu – die besten vier Gruppendritten erreichen das Achtelfinale.

Es gibt jede Menge kuriose Anekdoten sowie skurrile Details in den zurückliegenden 65 Jahren über die kontinentalen afrikanischen Meisterschaften zu erzählen, die es offiziell seit 1998 auch für Frauen gibt.

Oftmals taktisch geprägt und von überschaubarem technischen Niveau sind die Partie nicht immer ein Leckerbissen für Fußballfeinschmecker. Das liegt aber nicht selten auch an den oftmals nur unzureichend gepflegten Spielfeldern, die manchmal einem Acker gleichen. Vielmehr als das spielerische Niveau, das sich natürlich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte deutlich gesteigert hat, sind es vor allem die Dramatik der Spiele sowie die meist schillernden Außenseiter und die Geschichten rund um den Platz, die die Begeisterung für den Afrika-Cup ausmacht. Wissen europäische Zuschauer oftmals noch nicht einmal, wo manche Länder genau liegen, ist es doch gerade spannend, „Fußball-Exoten“ wie den Komoren, Burundi oder Mauretanien zuzuschauen. Es ist auch immer die Gelegenheit für „krisengebeutelte Staaten“ in der Öffentlichkeit anders, positiver, wahrgenommen zu werden. Das sportliche Abschneiden determiniert natürlich die Wahrnehmung.

Aber auch für handfeste Skandale ist der Afrika-Cup gut. Es kam schon vor, dass Ausrichtern das Turnier wieder entzogen worden ist. So wie 2015. Als Marokko wegen der damals grassierenden Ebola-Epidemie in Westafrika das Turnier nicht ausrichten wollte und die Meisterschaft spontan nach Äquatorialguinea verlegt worden war. Dort kam es während des Halbfinalspiels von den Gastgebern und Ghana zu einem Eklat. Äquatorialguineische Zuschauer warfen Flaschen und andere Gegenstände auf das Spielfeld und auf die ghanaische Nationalmannschaft, die führte und hoch überlegen war. Zur Halbzeitpause konnten die ghanaischen Spieler und Betreuer nur unter Polizeischutz vor den aufgebrachten äquatorialguineischen Zuschauern den Platz verlassen. Kurz vor Schluss unterbrach der Schiedsrichter das Spiel dann komplett. Mehrere Hubschrauber kreisten über dem Stadion, wobei ein Hubschrauber wenige Meter über der West-Tribüne flog, um die wütenden äquatorialguineischen Zuschauer zu verängstigen und die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Tränengas wurde eingesetzt. Das Spiel wurde nach 30 Minuten fortgesetzt. Ghana zog ins Finale ein.

Ebenso für heftige internationale Kritik sorgte die Vergabe des Afrika-Cup an das zentralafrikanische Kamerun vor etwa drei Jahren. Das Land, das seit 40 Jahren von dem mittlerweile 89-jährigen Paul Biya autokratisch geführt wird, befindet sich inmitten eines blutigen Bürgerkriegs. Die englischsprachige Minderheit der Bevölkerung aus dem westlichen Teil des Landes kämpft seit Jahren um Unabhängigkeit. Die separatistische Bewegung wird von der frankophilen Regierung mit brutaler Waffengewalt bekämpft. Ziel der anglophonen Minderheit ist es, einen autonomen Staat namens Ambazonia zu gründen. Der Konflikt hat schon mehr als 3000 Menschen getötet und fast eine Million zur Flucht gezwungen.

In der Stadt Limbe, das im aufständischen Westen liegt und das als Spielort des Afrika-Cups vorgesehen war, waren zwar Sicherheitsmaßnahmen organisiert worden. Die Polizei hatte an den Kreuzungen der Stadt bewaffnete Beamte postiert, an den Straßen, die in die Stadt führen, wurden Kontrollpunkte eingerichtet. Dennoch hatten die Separatisten in den Wochen vor den Spielen immer wieder Sprengstoffanschläge verübt.

Für positive Schlagzeilen beim diesjährigen Afrika-Cup in Kamerun, den erstmalig der Senegal gewann, sorgte hingegen Salima Mukansanga. Die Schiedsrichterin aus Ruanda war die erste Frau, die Teil des Schiedsrichterteams bei einem Spiel des Afrika-Cups war.

Ägypten ist mit bisher sieben Titeln die erfolgreichste Nation bei den bisherigen 33. Auflagen des Afrika-Cups. Kamerun mit fünf und Ghana mit vier Titeln folgen auf dem zweiten und dritten Platz. Rekordtorschütze ist Samuel Eto’o. Der bisher älteste Feldspieler beim Afrika-Cup ist Essam El-Hadary. Er war beim Finalspiel seiner Ägypter gegen Kamerun im Jahre 2017 sage und schreibe 44 Jahre und 21 Tage.

Kurios: Der Afrika-Cup wurde von allen Kontinentalmeisterschaften am häufigsten im Elfmeterschießen entschieden. Bei acht von 31 Turnieren gab es ein Endspiel mit Elfmeterschießen, davon die Hälfte mit der Elfenbeinküste. Werden nur die Turniere seit Einführung des Elfmeterschießens berücksichtigt, sind es gar acht von 23. Von den zurückliegenden zehn Turnieren wurden gleich fünf durch Elfmeterschießen entschieden.

Wegen der Coronavirus-Pandemie und vor allem wegen Bedenken der klimatischen Bedingungen in Kamerun ist der Zeitplan des wichtigsten Fußballturniers in Afrika durcheinandergekommen. Der für die Sommermonate, Juni und Juli, geplante Afrika-Cup 2021 in Kamerun wurde daher auf die üblichen regenärmeren Wintermonate in diesem Jahr verschoben. Wie das CAF-Präsidium damals erklärte, herrsche in Kamerun im Sommer starke Regenzeit. Man wolle das Risiko vermeiden, das Turnier in einer Sintflut abzuhalten. Imageschäden für den afrikanischen Fußball wurden befürchtet.

Aus dem gleichen Grund ist der nächste Afrika-Cup, der eigentlich vom 23. Juni bis 23. Juli 2023 in der Elfenbeinküste ausgetragen werden sollte, auf Anfang 2024 – eine Periode, in der in der Elfenbeinküste kaum Regen erwartet wird – verschoben worden. Ein weiterer Grund für die Verschiebung ist, dass somit der traditionelle Zwei-Jahres-Rhythmus beibehalten werden kann.


Titelbild: Mohamed Salah (Ägypten) im Jahr 2018, Foto: Анна Нэсси via Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

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