Senegal: 20 Jahre nach dem Untergang setzen die Opfer der Joola den Kampf fort

Der Untergang der Joola bleibt eine der größten zivilen Seekatastrophen: 1.863 Tote und Vermisste laut offiziellem Bericht, mehr als 2.000 laut Opferverbänden, die weiter gegen das Vergessen kämpfen.

Von David Bieber

Dakar. Am 26. September 2002 bestiegen fast 2000 Menschen die Joola, die Fähre, die Ziguinchor im Süden Senegals mit der Hauptstadt Dakar verbindet. Ein paar Stunden später kenterte das Boot. Es ist eine der größten bekannten zivilen Seekatastrophen: 1.863 Tote und Vermisste laut offiziellem Bericht, mehr als 2.000 nach Opferverbänden. Ein Albtraum.

Gerade einmal 65 Menschen überlebten das Unglück, an das der Senegal am vergangenen Montag landesweit gedachte. Es soll eine Schweigeminute in Schulen und Universitäten gegeben haben. Die Überlebenden dieser nationalen Katastrophe sprechen von einer Horrornacht, einer apokalyptischen Stimmung an Bord.

Überlebende von damals schildern in einem Bericht des Magazins „Jeune Afrique“: „Zuerst die Freudenszenen auf dem Boot. Eine Gruppe, die Belote spielt, Gelächter, Wiedersehen mit Bekannten, die Musik des Orchesters. Bald frischt der Wind auf, es wird Nacht und es begann, heftig zu regnen. Die Passagiere schließen die Bullaugen. Plötzlich kippt das Boot gefährlich…“ Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Wasser drang ins Innere des Schiffs ein, die Lichter gingen abrupt aus. Menschen schrien vor Panik.

Einige retten sich, weil sie instinktiv einen Ausweg aus dem sinkenden Schiff finden. Sie schwimmen einfach weg vom Unglücksort, im kalten und dunklen Atlantik. Geleitet von Stimmen schließen sie sich im Dunkeln zu kleinen Gruppe zusammen. Schwimmende Objekte aller Art dienen als temporäre Rettungsinseln. Kleine Inseln im unendlich erscheinen Ozean. Diejenigen, die sich von der Joola retten können, bleiben tatsächlich bis in den früheren Morgen im Atlantik, völlig entkräftet und traumatisiert. Nach vielen Stunden der Ungewissheit werden sie dort am frühen Morgen auf die ersten Fischerpirogen treffen, sehnsüchtig erwartet. Gleichbedeutend mit Lebensrettung.

Hinter diesen zerbrochenen Schicksalen verbergen sich so viele offene Fragen, angefangen bei den Ursachen des Unfalls, die bis dato nie aufgeklärt wurden. Eine weitere nationale Katastrophe für den Senegal. Motorschaden, schlechtes Wetter, Kapitänsfehler, Überlastung? An diesem Tag beförderte das Schiff nach offiziellen Angaben 1.928 Personen, während die Kapazität auf 536 Passagiere begrenzt gewesen sein soll, heißt es in dem Bericht von „Jeune Afrique“.

Nur ein Jahr später, im Jahr 2003, schlossen die senegalesischen Gerichte den Fall ohne weitere Maßnahmen und kamen zu dem Schluss, dass der Kapitän, der im Untergang verschwand, allein verantwortlich war. Ein Bauernopfer?

Zwei Jahrzehnte später setzen Opferverbände ihren erbitterten Kampf gegen das Vergessen fort. Sie fordern die Bergung des Wracks, in dessen Inneren viele Leichen eingeschlossen gewesen sein dürften. Die Opferverbände werfen Regierung und Staat Untätigkeit vor, weil die Tragödie nie richtig und umfassend aufgearbeitet worden ist. Zwar hat die Regierung von Präsident Sall die Hinterbliebenen finanziell entschädigt, manche sagen aber, nicht angemessen.

Der andere Kampf der Hinterbliebenen und Opferverbände, die kaum finanziell Unterstützung vom Staat erhalten, ist die Errichtung eines Denkmals. In Ziguinchor, der Hauptstadt der südlichen Casamance, aus der die meisten Opfer stammten, sollte das Denkmal am vergangenen Montag zum 20. Jahrestag fertig sein, aber die Stätte ist noch lange nicht fertig.


Titelbild: Yaamboo via Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

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