Fußball: Die Chancen der afrikanischen Teams bei der WM in Katar

Der afrikanische Fußball hat sich weiterentwickelt, ist reifer und selbstbewusster geworden. Wie stehen die Chancen, dass es 2022 zum ersten Mal einen Weltmeister aus Afrika gibt?

Von David Bieber

Der Schock war riesig in Senegal, als sich Sadio Mané in der vergangenen Woche verletzte. Zwei Wochen vor Beginn der umstrittenen Weltmeisterschaft in Katar drohte der Starspieler, der seit diesem Sommer in Diensten des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München steht, komplett auszufallen. Der 30 Jahre alte Stürmer zog sich im vorletzten Bundesligaspiel des Jahres eine Verletzung am rechten Wadenbeinköpfchen zu.

Der ganze Senegal, eine fußballverrückte Nation, war in den Tagen danach in Aufruhr. Dass sein Kapitän ausfallen könnte, unvorstellbar auch für Trainer Aliou Cissé. Selbst Staatspräsident Macky Sall schaltete sich ein. Er wünschte Mané, der im vergangenen Februar mit dem Senegal erstmals Afrikameister wurde, via Twitter alles Gute und baldige Genesung.

Mittlerweile ist es aber Gewissheit: Am Donnerstag gab der senegalesische Verband bekannt, dass Sadio Mané für das gesamte Turnier ausfallen wird. Am selben Abend wurde Mané dann in Innsbruck erfolgreich operiert, er wird wohl mehrere Monate aussetzen müssen. Als “dunklen Tag für den Senegal” bezeichnete Teamkollege Papa Gueye den Ausfall des Kapitäns gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

“Weltmeister? Warum denn nicht”

Doch auch ohne Mané hat der Senegal durchaus das Potenzial, die Gruppenphase zu überstehen. Denn nach dem grandiosen Sieg beim diesjährigen Afrika-Cup war sich Cissé sicher: Die Zeit könnte nun reif sein, für ein afrikanisches Wunder bei der 22. WM. „Einen afrikanischen Weltmeister? Warum denn nicht“, fragte damals ein ausgelassener Cissé voller Emotionen und Siegesfreude. 

Selbstredend, dass auch ein hohes Maß an Wunschdenken dabei gewesen war. Denn bislang hat es noch kein einziges Team vom afrikanischen Kontinent unter die besten Vier einer WM-Endrunde geschafft. Dennoch ist sein Team seit Monaten in brillanter Verfassung und hat neben Mané auch andere internationale Stars in seinen Reihen. Wenn es ein Team aus Afrika schaffen könnte, die Vorrunde zu überstehen, dann der Senegal. Bei seiner ersten WM-Teilnahme 2002 in Japan und Südkorea hat der Senegal bereits eindrucksvoll beweisen, dass mit den Löwen zu rechnen ist. Sie besiegten die einstige Kolonialmacht und den damaligen Titelverteidiger Frankreich. Letztlich endete die Reise erst im Viertelfinale.

Dennoch werden – für gewöhnlich – den afrikanischen Mannschaften eher Außenseiterchancen eingeräumt bei großen Turnieren. Zu stark ist die Konkurrenz aus Europa und Südamerika. Zu unstrukturiert und spielerisch zu schwach waren oftmals die Teams aus Afrika, obwohl viele Spieler in Europa spielen und ausgebildet worden sind. Der Vorwurf: gute Einzelakteure, aber kein intaktes Mannschaftsgebilde und funktionierender Teamgeist. Zudem immer gut für Eskapaden und Skandale.

Reifer und selbstbewusster

Und dieses Jahr? Der afrikanische Fußball hat sich nochmals weiterentwickelt, ist reifer und selbstbewusster geworden – auch dank Weltstars wie Mané oder seinem ehemaligen Mitspieler aus Liverpool, Mo Salah, der mit Ägypten denkbar knapp gegen Senegal in der WM-Qualifikation gescheitert ist.

Bei der WM sind mit Ghana, Kamerun, Marokko, Senegal und Tunesien fünf Teams aus Afrika qualifiziert, wobei der Senegal die mit Abstand leichteste Gruppe aller afrikanischen Teams hat.

Deutlich diffiziler wird es für Manés Sturmpartner bei Bayern München Eric Maxim Choupo-Moting. Der in Hamburg geborene Stürmer spielt für Kamerun seine bereits dritte WM. Der 33-Jährige traf zuletzt in der Bundesliga und Champions-League wie er wollte. Ein Wunder, dass er nicht immer in der kamerunischen Nationalmannschaft gesetzt ist. Beim Afrika-Cup Anfang dieses Jahres wurde Kamerun Dritter, „Choupo“ spielte aber kaum. 

Bei der WM wird Trainer Rigobert Song, ein alter Bekannter aus der Bundesliga (1. FC Köln), „Choupo“ sicher nicht auf der Bank schmoren lassen. Obwohl Choupo-Moting und Kapitän Vincent Aboubakar in bestechender Form sind, wird es schwer werden für Kamerun, den Erfolg von 1990 zu wiederholen. Damals zog Kamerun als erstes afrikanisches Team überhaupt mit der Legende Roger Milla ins Viertelfinale ein. In einer Gruppe mit Mitfavorit Brasilien, Serbien und der Schweiz scheint ein Weiterkommen dieses Mal nicht möglich zu sein.

Schwere Lose

Ähnliches gilt für Ghana, das den Erfolg von der WM-Endrunde 2010 in Südafrika wohl nicht wiederholen kann. Vor zwölf Jahren schieden die „Black Stars“ letztlich im Elfmeterschießen unglücklich gegen Uruguay aus und verpassten hauchdünn den historischen Einzug ins WM-Halbfinale. Dieses Mal trifft Ghana wieder auf Uruguay. Die Revanchegelüste sind groß in Accra und bei Kapitän André Ayew, der damals schon dabei war. Zu groß dürfte hingegen Gruppenfavorit Portugal sein. Einzig gegen das Team aus Südkorea können sich die Kicker von Nationalcoach Otto Addo, der zugleich auch einer der Co-Trainer von Borussia Dortmund ist, etwas ausrechen.

Marokko und Tunesien sind nach 2018 wieder dabei, haben aber kaum Chancen aufs Weiterkommen. Marokko mit Top-Abwehrspielern wie Noussair Mazraoui vom FC Bayern oder Achraf Hakimi von Paris Saint-Germain trifft auf Belgien, Kanada und Kroatien. Tunesien, das sich anders als alle anderen vier Nationen noch nie für ein Achtelfinale qualifizieren konnte, bekommt es bei seiner sechsten WM-Teilnahme mit Australien, den EM-Halbfinalisten von 2021 Dänemark und Fußballweltmeister Frankreich zu tun. Sollten sich die beiden maghrebinischen Teams dennoch qualifizieren, wäre dies eine Sensation.

Mit Bakary Gassama aus Gambia ist auch wieder ein afrikanischer Schiedsrichter dabei – wie zuletzt 2014 und 2018. Salima Mukansanga aus Ruanda wird die erste Schiedsrichterin aus Afrika sein, die zum Schiedsrichter-Aufgebot einer Männer-WM gehören wird.


Titelbild: Rhett Lewis auf Unsplash | History Of Soccer

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