Eine andere Sprache der Frauen

Léonora Miano will in ihrem Buch „Sisterhood. Für einen anderen Dialog zwischen den Frauen der Welt“, das 2022 im Aufbau Verlag erschienen ist, mit kolonialen Kontinuitäten brechen und schlägt eine afrikazentrische Geschichtsschreibung vor, die allen Frauen weltweit zu Gute kommen kann. – Sonntag ist Büchertag

Von Andreea Zelinka

Buchcover
Léonora Miano – Sisterhood (Aufbau-Verlag)

Léonora Miano will die Frauen aus der Opferrolle des westlichen Feminismus herausholen. „Sisterhood. Für einen anderen Dialog zwischen den Frauen der Welt“ besteht hauptsächlich aus Beispielen von Mythen und historischen Geschichten von Frauen der Subsahara, die als Kriegerinnen, Königinnen, Mütter souverän und selbstbestimmt Macht ausgelebt haben (sollen). Ich mag das Buch wegen genau dieser nicht enden wollenden Fülle an oft detailliert erzählten Biographien aus den unterschiedlichsten Regionen Afrikas. Dabei lernt man auch viel über sozio-kulturelle Praktiken prä-kolonialer Gesellschaften und Völker sowie koloniale Geschichte allgemein. Miano will damit eine eigene Genealogie schaffen, für eine gestärkte Identität der Frauen der Subsahara, lokal und global. Es geht ihr darum an die Identität der Frauen der Subsahara zu erinnern und diese zu stärken, abseits westlicher Kategorien und Feminismen:

„Zu bedauern, dass die Frauen vor allem im privaten Bereich leben, entwertet die Aufgabe, die sie dort erfüllen, und verleiht den sogenannten männlichen Tätigkeiten größeres Ansehen. Die Frauen in Subsahara-Afrika waren außerdem nie auf Hausarbeiten beschränkt, sie bestellten die Felder, betrieben Medizin, Handel und Kunsthandwerk, kümmerten sich um spirituelle Angelegenheiten oder beteiligten sich am politischen Leben.“ (S. 31)

Porträts starker Frauen der Subsahara

Miano erzählt von Mkabayi, Labotsibeni, Tassi Hangbe, Aura Poku, Moremi Ajasaro, Ebla Awad oder Arraweelo, Yennenga, Amina aus Zaria, Sarraouinia Mangou und viele, viele mehr. Und sie tut das differenziert, ohne die portraitierten Frauen zu glorifizieren. Ganz im Gegenteil, es ist ihr ein Anliegen ehrlich im Umgang mit den überlieferten Personen zu sein und diese in all ihren Facetten darzustellen. Das gibt den Lesenden zwar nicht die Möglichkeit die Portraitierten als „bessere“ Menschen zu verehren, aber mit ehrlichem Blick zu verstehen wo wir herkommen (und hier kann von einem globalen wir die Rede sein, weil diese Frauen in gewisser Weise auch Urmütter des Menschengeschlechts waren) und unsere Schlüsse daraus zu ziehen. Schlüsse, die ich bei Miano allerdings vermisst habe. Denn ihr Buch besticht in erster Linie durch eine Annäherung an eine andere Geschichtsschreibung, lässt allerdings analytische Feststellungen eher vermissen.

Und ich wünschte, sie hätte in ihren Ausführungen nicht behauptet, dass nichts uns zwinge, die Kolonialgeschichte und Unterwerfung als solche hinzunehmen. Denn es handelt sich letztlich um reale, materielle Verhältnisse, die mit brutaler Gewalt installiert worden sind, d.h. unter Zwang. Gleichermaßen von Außen durch die Besetzung der Territorien, der Länder als auch des Denkens, durch die Kolonalisator:innen, wie von Innen durch die Übernahme und Internalisierung der kolonialen Ideen und Verhaltensweisen der Westler durch die Kolonialisierten. Miano will mit dem Buch der Autokolonialisierung etwas entgegen setzen und Bewusstsein über die eigene Herkunft zu erlangen ist sicherlich ein wichtiger Schritt, aber nicht ausreichend.

Kolonialgeschichte ohne materielle Grundlage?

Es reicht nicht aus, das eigene „Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich ein anderes Leben vorzustellen, eine Existenz, in der Entfaltung nicht dadurch geschieht, dass die Türen der männlichen Bastionen eingetreten werden“, anstatt „sich von früh bis spät über das Patriarchat zu beklagen“ (S. 228). Sicherlich ist es wenig hilfreich sich als Opfer zu stilisieren, aber wer tut das schon? Wer redet schon gerne über Gewalt, die sie erfährt, wenn nicht aus dem Grund, um etwas zu verändern? Meines Erachtens sind wir handlungsfähige Subjekte, indem wir in der Lage sind auf patriarchale Gewalt hinzuweisen und diese zu benennen. Patriarchale Gewalt, die uns zwingt auf eine bestimmte Weise oder ganz anders zu sein, als wir es uns wünschen.

Insgesamt mutet ihre politische Position liberal an, wenn sie sagt: „Jeder und jede ist auf sich selbst begrenzt, auf seine und ihre Rolle, seine und ihre symbolische Bedeutung in der Ordnung der Dinge.“ (S. 31) Vielleicht meint sie es auch nicht so, weil sie sich eigentlich der Dimension von Gewalt durch Kolonialität bewusst ist, aber eins ist klar: unsere Körper und was wir mit ihnen machen, haben nicht nur symbolische, sondern ganz konkrete Bedeutungen, die wir mit unserem Handeln und Wirken in der Welt erschaffen. Sicherlich können wir mit einem Umdenken beginnen anders zu handeln, aber dann muss das Miano auch viel expliziter zusammen denken.

Herrschen mit Gewalt

Darüber hinaus waren die portraitierten Frauen fast nie revolutionär, sondern immer mit den kulturellen Auf- und Abwertungen von Männlichkeit und Weiblichkeit verhaftet. Das heißt, sie selbst zeigten sich männlich, um bestimmte Ämter und Positionen in der Gesellschaft einnehmen zu können, entschieden sich für typisch weibliche Lebenswege (die Mutterschaft), obwohl sie ihnen verwehrt bleiben sollte. Wie Miano selbst anmerkt, erzählen die Geschichten nicht von gewöhnlichen Menschen, sondern von Herrschenden. Manche von ihnen haben ihre Völker verteidigt oder in Sicherheit gebracht, andere wollten ihre eigene Macht gegen die Kolonialmächte durchsetzen und sie von ihnen anerkennen lassen. Aber fast immer verwendeten sie dabei brutale Gewalt, gegen ihre Feinde und jene, die ihren angestammten Platz bedrohten, ließen Männer kastrieren oder nach dem Beischlaf ermorden.

Miano hat Recht damit darauf hinzuweisen, dass die Gewalt nicht erst mit den Kolonisator:innen nach Afrika kam und auch Frauen nicht auf bestimmte Bereiche zu beschränken, sondern sie in ihrer menschlichen Ganzheit anzuerkennen. Aber reicht es, festzustellen, dass „die Frauen, an die wir uns bisher erinnert haben, einfach ihr Schicksal in die Hand [nahmen], die Hilfsmittel [nutzten], die verfügbar waren, sich auf ihre Kultur [stützten] und nach ihrem Weltverständnis [handelten]“ (S. 207)?

Gegen Ende fordert Miano eine „zivilisationelle Solidarität“, ohne näher darauf einzugehen, was damit gemeint sein könnte und ausgerechnet unter der Verwendung des Begriffs „Zivilisation“, die doch die kolonialste aller Vokabeln ist?

Schwesterschaft unter den Frauen der Subsahara

Letztlich lese ich es so, dass es ihr mehr um die Sisterhood unter den Frauen der Subsahara geht, als zwischen „Nord“ und „Süd“, auch wenn es der Titel anders ankündigt. Dass die Frauen der Subsahara sich an ihrer eigenen Geschichte orientieren sollen, anstatt an den Frauen des Westens. Das zeigt sich auch im allerletzten Bild, das sie bemüht, bei dem sie sich beim Anblick einer Frau im Morgengrauen, die in traditioneller Kleidung, so als ob sie aus einem Vodoo-Tempel oder einem heiligen Wald käme, die Straße entlang geht, fragt, ob diese wohl wisse, dass Nachfahrinnen deportierter oder ausgewanderter Frauen aus der Subsahara ihre Bekleidung als minderwertig erachten? Und feststellt, dass es darauf nicht ankäme, weil dieser Frau keine Autorität überlegen sei. Demnach stelle ich fest, dass es bei Mianos Buch darum geht, die Anerkennung dessen wiederherzustellen, was afrikanisch ist und der Macht der Frauen der Subsahara.

Alles in allem folge ich Miano in ihrer Kritik eines westlichen Universalismus, auch eines feministischen. Was nutzt es eine Ideologie zu übernehmen, die für den eigenen lokalen Kontext nutzlos ist? Wenn ein Begriff den Blick verklärt, anstatt zu klären? Mit ihrer Ablehnung den Feminismus im afrikanischen Kontext anzuwenden, will sie koloniale Kontinuitäten brechen. Ich mag auch den konkreten Vorschlag einer afrikazentrischen Geschichtsschreibung, die allen Frauen weltweit zu Gute kommt. Auch wenn ich nicht immer einverstanden bin, macht es für mich die Frage auf, wie wir überhaupt anders über Geschlechterverhältnisse sprechen und von Geschlechtern, und zwar nicht nur den binären, erzählen können. Und schließlich ist es das, worauf sie mit dem Buch abzielt, nämlich „eine andere Sprache der Frauen“ – der eigentliche Untertitel dieses Buchs.


Léonora Miano – Sisterhood. Für einen anderen Dialog zwischen den Frauen der Welt
Aufbau Verlag, 2022 – 251 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-351-03993-6

Titelbild: Buchcover / Collage: Andreea Zelinka

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