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Einsam in Japan, alleine überall

Milena Michiko Flašars Roman »Oben Erde, unten Himmel« entfaltet, obschon in Japan angesiedelt, das Bild einer globalen Gesellschaft, die Gefahr läuft, in Einsamkeit zu entgleiten.

“Sonntag ist Büchertag” von Christian Kaserer 

Buchcover
Milena Michiko Flašar – Oben Erde, unten Himmel (Verlag Klaus Wagenbach)

Ja, darf die das denn überhaupt? Inmitten der an allen Ecken brodelnden Debatten darüber, wie im weißen Westen andere Kulturen dargestellt werden sollten und wie nicht, erscheint mit Oben Erde, unten Himmel ein Buch, welches zum Bersten vollgepackt ist mit vermeintlich klischeehaften Darstellungen Japans. Diese stereotyp auf uns wirkenden Bilder gehen dabei über die weitgehend als bekannt angenommene Faszination der Japaner für die Kirschblüte oder Origami hinaus. Milena Michiko Flašar entfaltet in Oben Erde, unten Himmel das Panorama einer Gesellschaft, die gefangen ist zwischen Überhöhung der Tradition einerseits, sowie gleichwertiger Überhöhung spätkapitalistischer Gegenwart andererseits. Dabei nutzt sie uns allen bekannte Allgemeinplätze der japanischen Kultur, um ein weit über Japan hinausreichendes Bild der postmodernen Gesellschaft zu zeichnen. Die Geschichte ist simpel wie ansprechend. Suzu, eine 25jährige, proletarische Japanerin mit geringem Interesse am Sozialleben, ja eigentlich stark ausgeprägtem Desinteresse daran, verliert ihren Job als Kellnerin, da sie den Umgang mit Menschen einfach nicht beherrscht. Ihr Arbeitgeber geht beim Entlassungsgespräch gar so weit, ihr eine Form von Autismus zu unterstellen und empfiehlt ihr, intensiv an sich zu arbeiten. Die junge Frau, der man – der Fährte ihres Arbeitsgebers zumindest ein Stück weit folgend – am ehesten noch eine Schizoide Persönlichkeitsstörung unterstellen könnte, beginnt nicht nur langsam an sich zu arbeiten, sondern auch damit, nach einer neuen Lohnarbeit zu suchen. Ein seltsames, zunächst undurchsichtiges Angebot wird ihr Eintritt in eine völlig unbekannte sowie morbide, indes für sie bereichernde Welt: Sie wird Teil von Herr Sakais Putztrupp und kümmert sich um sogenannte Kodokushi-Schauplätze. Suzu reinigt also jene Orte, an welchen völlig vereinsamte Menschen ohne das Wissen von Bekannten und Freunden – jene gab es nämlich nicht – sowie gar ohne die Kenntnis der Nachbarn verstarben und manchmal Tage, hin und wieder auch Wochen ihrer Entdeckung harrten. Die Leichen mögen bei Arbeitsbeginn bereits abtransportiert sein, ihr Geruch verbleibt jedoch genauso wie ihre Hinterlassenschaften. Die Aufgabe von Herrn Sakais Putztrupp und damit auch von Suzu ist es also, diese Orte zu reinigen sowie zu entrümpeln. Das passiert nicht, wie in den Straßen Wiens immer wieder zu besehen, mit Müllcontainer und dem unablässigen Fluchen zweier, vielleicht auch dreier muskelbepackter Männer, sondern folgt einem ritualisierten Prozedere, das den Verstorbenen ein letztes Mal ehren soll. Suzu wird also mit den Folgen von Zurückgezogenheit und daraus häufig resultierender Einsamkeit konfrontiert und obschon es scheint, als wäre dieser Beruf gerade wegen seines verschwiegenen, an sozialen Interaktionen armen Charakters ideal für sie, ändert sich ihr Blick auf die Welt. Grund dafür sind nicht nur die ihr unmittelbar vor Augen geführten Folgen eines solchen Lebens, sondern auch Herr Sakai. Unablässig gibt er Suzu Ratschläge, versucht sie in soziale Gepflogenheiten, wie eben das Kirschblütenfest, einzubinden. Freilich nicht ohne Widerstände, aber letztlich mit Erfolg. Suzu erkennt, dass sie zwar gerne alleine ist, aber unter keinen Umständen einsam sein will. Eine wichtige Unterscheidung, für deren Erkenntnis sie gerade des Umgangs mit Menschen bedarf.

Flašars Geschichte scheint auf den ersten Blick hin eine typisch japanische Geschichte zu sein. Nicht nur die Namen der Protagonisten sowie die Lokalisierung in einer nicht näher benannten japanischen Stadt deuten darauf hin, sondern ebenso Elemente wie der bereits genannte einsame Tod, Kodokushi. Flašar bedient sich ob des Umfangs solcher Begrifflichkeiten gar eines Glossars, welches dem Leser nochmals die Möglichkeit bietet, sich der Bedeutung dieser Worte bewusst zu werden, sollten sie während des Lesens im Unklaren geblieben sein. Auf den zweiten Blick allerdings reicht Oben Erde, unten Himmel weit über Japan hinaus. Es ist die Geschichte des postmodernen, von der Gesellschaft völlig entfremdeten Individuums, das nur sich kennt, aber nicht den Gesamtzusammenhang. Japan, als Gesellschaft zwischen Tradition und Turbo-Kapitalismus, eignet sich dabei ganz besonders als Vorlage für eine solche Darstellung, treten hier doch aufgrund des zugespitzten gesellschaftlichen Widerspruchs solche Phänomene gehäufter, intensiver auf als im vermeintlich organisch gewachsenen europäischen Westen. Japan quasi als Chiffre für das Leben im Kapitalismus des 21. Jahrhundert. Indem sie sich allerdings nicht nur typischer japanischer Terminologie, sondern auch österreichischer, respektive klar aus Wien stammender Begriffe und Phrasen bedient, wenn beispielsweise klassische U-Bahn-Durchsagen zitiert oder der Begriff des Fräuleins verwendet wird, macht die Autorin deutlich, dass Oben Erde, unten Himmel überall sein könnte. Genau deswegen darf Flašar das auch. Sie packt harte Themen, große Probleme sanft an und ihre Analyse wird zur leichtfüßigen Kritik. Freilich ließe sich bemängeln, dass Dialoge ihre Sache nicht sind und es dem Buch am Spannungsbogen gebricht. Doch bedarf es eines solchen überhaupt? Vielleicht ist genau hier das Geheimnis zu finden, weshalb der Text seine Kritik so locker artikulieren kann, anstatt mit dem Hammer. Die Geschichte fließt dahin, mäandert hier und dort zögerlich und lässt den Leser langsam, mitten im Flow, folgen.


Milena Michiko Flašar: Oben Erde, unten Himmel
Verlag Klaus Wagenbach, 2023 – 304 Seiten, 26 Euro
ISBN: 978-3-8031-3353-3

Titelbild: Todd Trapani auf Unsplash

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