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Warum Klimaschutz eine soziale Frage ist

Reiche verursachen sehr viel mehr klimaschädliche Emissionen – doch die Klimakrise trifft gerade ärmere Menschen mit voller Härte. Klimapolitik ohne soziale Verteilungsgerechtigkeit zu denken ist also eine Themenverfehlung. Und auch in der Debatte um Umwelt- und Klimaschutz braucht es ein Umdenken – um die soziale Spaltung nicht noch weiter voranzutreiben.

Von Brigitte Theißl, an.schläge/DieStandard (A&W-Blog)

Ende November veröffentlichte die NGO Oxfam einen Bericht zur Klimagerechtigkeit. „Climate Equality: A Planet for the 99 Percent“, so der Titel. Die Zahlen darin liefern ein drastisches Bild davon, wie groß die soziale Kluft hinter dem menschengemachten Klimawandel ist. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung verursachte 2019 so viel klimaschädliche Treibhausgase wie die ärmeren zwei Drittel. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung waren 2019 für rund die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Oxfam stützt sich dabei auf Zahlen des Stockholm Environment Institute.

„Die Superreichen plündern und verschmutzen den Planeten bis zur Zerstörung und lassen die Menschheit an extremer Hitze, Überschwemmungen und Dürre ersticken“, kommentiert das Amitabh Behar, ein Vertreter der NGO.

Krisen verschärfen bestehende Ungleichheiten

Climate Equality oder Climate Justice, also Klimagerechtigkeit, ist ein Begriff, den Klimaaktivist:innen immer stärker in die klimapolitische Debatte einbringen.

Klimagerechtigkeit nimmt in den Fokus, dass die Folgen des menschengemachten Klimawandels Bevölkerungsteile sehr ungleich treffen. Dürren und Überschwemmungen etwa treffen viele Länder des globalen Südens schon jetzt mit voller Härte, allerdings stoßen sie nur einen geringen Anteil der globalen Emissionen aus.

Die Klimakrise trifft auch Frauen besonders – sie können Folgen wie Naturkatastrophen schlechter verkraften, da sie über geringere Ressourcen verfügen. „Wie jede Krise verschärft auch die Klimakrise bestehende Ungerechtigkeiten zusätzlich“, bringen es die UN Women auf den Punkt.

Auch in Österreich verursachen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung mehr als viermal so viel Treibhausgase wie die ärmsten zehn Prozent. Dennoch kämpfen armutsbetroffene Menschen und Menschen mit geringen Einkommen stärker mit den Folgen der Klimakrise. Sie wohnen oft in schlecht isolierten Wohnungen und Häusern, sie leben in Gebieten mit mehr Verkehrsbelastung und haben weniger Möglichkeiten, sich etwa vor Hitzebelastung zu schützen.

Soziale Gerechtigkeit in den Blick nehmen

Ganz anders der Handlungsspielraum von reichen Menschen – und deren Konsumverhalten. Eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie zeigte, dass mit der Pandemie in Europa die Anzahl der Flüge in Privatjets deutlich gestiegen ist. Von 118.750 im Jahr 2020 auf 572.800 im Jahr 2022. Fast 3,4 Millionen Tonnen an CO2 wurden durch diese Privatflüge im vergangenen Jahr ausgestoßen. Greenpeace fordert deshalb ein Verbot von Privatflügen in der EU. „Klimaschädliche Privatjets sind die rücksichtsloseste Form der Mobilität“, formuliert es eine Sprecherin der Organisation.

Gerecht ist es also, die soziale Ungleichheit und den damit verbundenen ungleichen Beitrag zur Klimabilanz in Maßnahmen zum Klimaschutz zu berücksichtigen.

Klimapolitik muss immer auf ihre sozialen Effekte hin abgeklopft werden und das gute Leben für alle als Leitvision in sich tragen. Dafür plädieren auch die Autor:innen des Buchs „Klimasoziale Politik“, herausgegeben von Armutskonferenz, Attac und Beigewum, erschienen bei bahoe books. „Klimasoziale Politik strebt nach einer sozialen, inklusiven und politisch fortschrittlichen Gesellschaft, in der alle ein selbstbestimmtes Leben führen können, ohne dabei ihre eigene oder die Lebensgrundlage anderer zu gefährden“, ist in der Einleitung zu lesen.

Bio-Tomaten für alle

Klimasoziale Politik braucht aber auch eine Debatte, die auf sozialen Ausgleich setzt und sich gegen klassistische Zuschreibungen stellt, statt soziale Spaltung voranzutreiben. Viel zu oft wird der Kampf gegen die Klimakrise auf individuellen Konsum reduziert und moralisch aufgeladen. Sich für oder gegen nachhaltige Optionen zu entscheiden, diese Wahl haben Menschen mit geringen Ressourcen oft gar nicht. Und sie fühlen sich nicht abgeholt in der Debatte um regionale Bio-Tomaten und Bambus-Zahnbürsten, argumentiert auch die britische Wissenschafterin Karen Bell, Autorin des Buchs „Working-class Environmentalism“. Im Kampf gegen Klimakrise und Umweltverschmutzung würden oft nur akademisch geprägte Bewegungen wahrgenommen, dabei seien auch Gewerkschaften und Arbeiter:innen-Initiativen stets an vorderster Front gestanden, so Bell: etwa, wenn sie gegen den Einsatz von giftigen Chemikalien am Arbeitsplatz oder für eine ressourcenschonende, nachhaltige Landwirtschaft kämpfen.

Menschen, die um ihre unmittelbare Existenz kämpfen müssen, würden auch in ihrem Klimaaktivismus die unmittelbaren Lebensbedingungen stärker in den Blick nehmen. Wer mit vielen Privilegien ausgestattet ist, könne hingegen einfacher auf die Zukunft fokussieren.

 „Wir alle müssen unser Verhalten ändern“, so eine oft ausgegebene Losung in der Debatte. Im Kampf gegen die Klimakrise gilt es tatsächlich, alle ins Boot zu holen – aber jene, die im Privatjet unterwegs sind, werden am meisten zurückstecken müssen.


Brigitte Theißl ist Leitende Redakteurin beim feministischen Magazin an.schläge und Freie bei DieStandard. Von ihr zuletzt erschienen: „Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt“, gemeinsam mit Betina Aumair (ÖGB-Verlag) und „Solidarisch gegen Klassismus“, Hg. gemeinsam mit Francis Seeck (Unrast Verlag).

Der Beitrag wurde am 27.11.2023 auf dem Blog Arbeit & Wirtschaft unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den NutzerInnen eine freie Bearbeitung, Weiterverwendung, Vervielfältigung und Verbreitung der textlichen Inhalte unter Namensnennung der Urheberin/des Urhebers sowie unter gleichen Bedingungen.

Titelbild: Niklas Jonasson auf Unsplash

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