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Hass muss sich wieder lohnen

Alle sind „gegen den Hass“, doch sollten wir dieses widerwärtige Gefühl rehabilitieren? – Sonntag ist Büchertag

Von Andrea Wierich (kritisch-lesen.de)

Buchcover
Seyda Kurt – Hass (HarperCollins)

Es ist eine Art Ehrenrettung des Hasses, an der Şeyda Kurt sich hier versucht. Wie bereits in ihrem ersten Buch „Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist“ (Rezension in Ausgabe #65) nimmt sie sich damit ein Gefühl vor und analysiert es mit klarem politischem Anspruch. Das passt ganz gut in die Debatten der letzten Jahre, in denen Emotionen auch vom akademischen Teil der Linken (wieder-)entdeckt wurden. Lange eher von oben herab belächelt, scheinen Gefühle inzwischen wieder einen legitimen Platz in den Kämpfen und Diskursen zu haben und das ist insgesamt ein Fortschritt. Denn Emotionen sind nicht nur eine Realität, die berücksichtigt werden muss, sondern sie haben offensichtlich eine beachtliche Macht, die durchaus strategisch genutzt werden kann. Genau da setzt Kurts Argumentation an.

Gehasst wird nur von unten, von oben wird verachtet

13Sie erklärt, mit vielen historischen Beispielen und Verweisen, von Aristoteles bis nach Rojava, dass und warum der Hass in der bürgerlichen Gesellschaft ein so schlechtes Image hat: Er hat keinen Platz im gesellschaftlichen Selbstbild, das sich auf Vernunft, Zivilisation und das „christliche Abendland“ beruft. Hass ist etwas, das vor allem rassifizierten Menschen, beispielsweise versklavten Schwarzen Menschen und Kolonisierten, zugeschrieben wird, um sie als besonders gefährlich darzustellen und so ihre Unterdrückung zu legitimieren. Im Selbstbild der herrschenden Schicht hingegen kommt Hass nicht vor: Gehasst wird nur von unten, von oben wird verachtet. Kurt bezieht sich hier auf die Philosophin Hilge Landweer, die argumentiert, dass die Verachtung aus einer überlegenen Position heraus entstehe, als eine Art gleichgültiges Naserümpfen über „die da unten“, die noch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe verharrten. Somit stecke in dieser verächtlichen Abwendung eine Entmenschlichung. Hass hingegen komme aus einer unterlegenen Position, von „Menschen, die ausgebeutet, vernichtet wurden und werden“ (S. 16). Er sei gerade keine Abwendung, keine Gleichgültigkeit, und somit wohnten ihm Potenziale zur Veränderung inne.

Doch in den Diskursen der bürgerlichen Gesellschaft werden Bücher mit Titeln wie „Gegen den Hass“ geschrieben und Slogans wie „Hass ist krass, Liebe ist krasser“ skandiert. Zwar würde marginalisierten Gruppen zugeschrieben, hassende Wesen zu sein, aber: „Ihr Hass soll nicht existieren, weil er der selbsternannten Zivilisation gefährlich werden könnte.“ (S. 16) Der Hass ist also ein aus ideologischen Gründen verpöntes Gefühl.

Aufgrund der Verinnerlichung dieser Zuschreibung entstehe bei Marginalisierten außerdem Selbsthass. Und dann gebe es auch noch den Hass, der von den Herrschenden nach dem Prinzip „Divide et impera“ gesät werde. Als vierten Modus des Hasses bezeichnet Kurt verdrängten Hass, also Hass, der nicht sein darf, weil er das Überleben verunmöglichen würde. Dieser Teil des Buches ist besonders interessant. Die Autorin geht hier unter anderem auf das Konzept von „dirty care“ ein. Damit ist gemeint, dass Marginalisierte durch Selbstschutz, Self- und Community-Care dafür sorgen müssen, dass ihnen nichts passiert oder dass sie von irgendwoher wieder Kraft schöpfen. Beispielhaft dafür seien etwa bestimmte präventive Verhaltensweisen von Frauen, um das Risiko sexualisierter Gewalt zu verringern. Dafür müssen sie ein Stück weit das Verhalten der Täter kennen und vorhersehen, sich in sie einfühlen, anstatt sie einfach nur abzulehnen, zu hassen, was emotional wohl gesünder wäre.

Kurt argumentiert außerdem, dass offenbar nur als schützenswert oder vulnerabel gilt, wer nicht hasst, nicht aggressiv ist. Um als Opfer anerkannt zu werden, muss man demnach verzeihen, statt um sich zu schlagen oder gar einen Racheakt zu planen. So wird etwa nur als Opfer von Polizeigewalt anerkannt, wer keinen nennenswerten Widerstand geleistet hat. Holocaust-Opfer werden überwiegend als passiv und hilflos Leidende dargestellt, wodurch der vielfältige Widerstand, den sie geleistet haben, unsichtbar gemacht wird; ebenso wie Racheakte nach dem Zweiten Weltkrieg – als ob sie dann keine Opfer mehr wären.

Hass als Strategie und Instrument der Unterdrückten

All diesen Formen des Hasses setzt die Autorin ihr Konzept des strategischen, empowernden Hasses entgegen, der die Unterdrückten dazu befähigt, die Verhältnisse zu zerstören, in denen sie Unterdrückte sind. Ein solcher Hass richtet sich nicht gegen Individuen, sondern gegen Herrschaftssysteme, gegen Strukturen, und wie es sich für Hass gehört, beißt er sich fest und lässt nicht nach. Er bringt Menschen dazu, nicht aufzugeben, Risiken einzugehen, zu kämpfen. Beispiele wären etwa Aufstände versklavter Menschen oder die Proteste iranischer Frauen. Es gibt offensichtlich historische und gegenwärtige Situationen, in denen Hass als eine gesunde, eine nahezu unvermeidbare Reaktion gilt und gleichzeitig als das Einzige, das eine Veränderung herbeiführen kann. Und vermutlich kommt diese Form von legitimem, ermächtigendem Hass nicht ohne Grund in den Diskursen der bürgerlich-liberalen Gesellschaft nicht vor, denn er würde ihre Grundfesten in Frage stellen.

Das Konzept hat viel für sich. Aber es stellt sich die Frage, ob das so funktioniert. Lässt sich Hass strategisch einsetzen, instrumentalisieren? Beim Nachdenken landet man recht schnell in einer terminologischen Endlosschleife – ist das dann wirklich Hass, ist es nicht eher Wut, Zorn, Empörung oder noch was anderes, was sind da eigentlich die Unterschiede und so weiter und so fort, und bleibt darin stecken. Auf all diese Fragen geht die Autorin zwar ein, aber diese Gedanken ließen sich sicher noch fortführen. Man kann sich auch fragen, ob das Risiko nicht zu groß ist, wenn man zu Hass ermutigt. Wobei Kurt unmissverständlich klarmacht, dass Hass auf Menschen immer die „letzte Option“ (S. 146) bleiben muss.

Insgesamt ist dieses sehr assoziativ und persönlich geschriebene Buch ein wertvoller Beitrag zu einer Neubetrachtung von Emotionen und den bürgerlichen Narrativen darüber. Die politische Positionierung ist geradezu wohltuend, wenn die Autorin Versuche, den Hass von links mit dem von rechts gleichzusetzen, als „Hufeisentheorie des Hasses“ (S. 47) bezeichnet. Hoffentlich wird dieses Buch den Anstoß geben zu weiterem Nachdenken und Diskutieren, so dass auf die gestellten Fragen noch weitere und unterschiedliche Antworten gefunden werden.


Şeyda Kurt 2023: Hass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls.
Harper Collins, Hamburg.
208 Seiten. 18,00 Euro.
ISBN: 9783365001585.

Dieser Beitrag wurde am 12.04.2024 auf kritisch-lesen.deKooperationspartner von Unsere Zeitung, unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den Nutzer*innen eine Weiterverwendung, Vervielfältigung und Verbreitung der textlichen Inhalte unter Namensnennung der Urheberin/des Urhebers sowie unter gleichen Bedingungen zu nicht kommerziellen Zwecken.

Titelbild: Jennifer Uppendahl auf Unsplash

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