Die Ausdehnung des Westens nach dem Westen
Die jahrzehntelange Aushebelung einer auf Völkerrecht und multilateralen Verträgen basierenden Weltordnung und deren Ersetzung durch eine sogenannte „regelbasierte Ordnung“, eine Ordnung, in der einige wenige westliche Hegemone die Regeln vorgeben, die von den übrigen Staaten befolgt werden müssen, schlägt nun auf das westliche Zentrum selbst zurück. Dazu veröffentlichen wir einen Gastkommentar von Živadin Jovanović, ehemaliger jugoslawischer Diplomat, Außenminister der Bundesrepublik Jugoslawien und heute Präsident des „Belgrader Forums für eine Welt der Gleichen“.
Von Živadin Jovanović, Belgrad (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft I/2026)
Es mehren sich täglich die Anzeichen, dass die auf den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs basierende und durch die Charta der Vereinten Nationen geprägte Weltordnung zusammengebrochen ist, dass das Völkerrecht nicht respektiert wird, dass es nicht gilt, keine Hilfe bietet oder scheinbar gar nicht mehr existiert. Es gibt immer mehr Gründe für die Unzufriedenheit mit der Haltung bestimmter Großmächte und ihrer Integration in das System der UN-Charta, des Völkerrechts und den Beschlüssen der Vereinten Nationen. Das aktuelle Beispiel ist der US-amerikanische Angriff auf Venezuela am 3. Januar 2026 und die Entführung von Präsident Maduro und seiner Frau. Die Gründe zur Besorgnis sind umso größer, als dies die erste praktische Anwendung der neuen US-amerikanischen Sicherheitsstrategie „vor Ort“ ist und mit neuen Forderungen gleicher oder ähnlicher Art anderen gegenüber einhergeht. Als jüngster Schritt in eine ähnliche Richtung ist der Austritt oder angekündigte Austritt der USA aus dutzenden von internationalen Organisationen innerhalb des UN-Systems zu werten.
Die Gefahren solcher Entwicklungen und Prozesse werden von niemandem, der bei klarem Verstand ist, unterschätzt, zumal die globale Lage viele explosive Potenziale in sich birgt und besonders jenen, die als Ziele definiert sind, große Sorgen bereitet. Es wäre jedoch falsch, wenn Verstöße gegen das Völkerrecht, so arrogant und gefährlich sie auch sein mögen, zu Rückzug, Defätismus, Verzweiflung und einem Verlust der Perspektive für besser geordnete, gerechtere und demokratische Weltbeziehungen auf der Grundlage der souveränen Gleichheit von Staaten und Nationen führen würden.
Weder bewusst noch unbewusst sollten wir die Legitimierung des „Gesetzes des Dschungels“ fördern, das keineswegs für eine Zivilisation charakteristisch ist. Welchen Fortschritt des Lebensstandards, welchen Nutzen aus KI-, Quanten- und 6 G-Technologien können wir erhoffen, wenn all dies in Chaos, ohne Rechtsstaatlichkeit, ohne Prinzipien und globale demokratische Organisation ablaufen würde? Entwicklung, Achtung des Völkerrechts und eine inklusive globale Kooperation sind die grundlegenden Voraussetzungen für Frieden und Fortschritt.
Eine unipolare Weltordnung, die auf Dominanz und Hegemonie basiert, gehört jedoch der Vergangenheit an. Sie ist Geschichte. Jene Einschätzungen, die tektonischen Verschiebungen hin zu einer gerechteren und humaneren Welt könnten aufgehalten werden, sind ebenso illusorisch wie diejenigen über das „Ende der Geschichte“ oder über das Postfaktische.
Die überwiegende Mehrheit der Menschheit anerkennt nach wie vor sowohl das Völkerrecht als auch die Charta der Vereinten Nationen, respektiert sie und wendet sie auch an. Die Frage, wie wirksam diese Mehrheit in ihrem koordinierten Widerstand gegen Hegemonie und Dominanz sowie bei der Bekräftigung und dem Schutz individueller und kollektiver legitimer Interessen sein wird, ist eine Frage ihres Selbstvertrauens, ihres Zusammenhalts und ihrer Kreativität.
Sich auf die Seite der Opfer von Aggression und Plünderung ihrer natürlichen Ressourcen zu stellen, die Grundsätze der UN-Charta in einer Welt voller Turbulenzen und Unsicherheiten zu verteidigen, ist nicht ohne Risiko, insbesondere kurzfristig. Aber es ist der einzige zivilisierte, prinzipientreue und moralische Weg, um langfristig Bedrohungen der eigenen Interessen zu verhindern und ein Beweis für die Zugehörigkeit zur universellen internationalen Gemeinschaft. Die Geschichte zeigt, dass nachträgliche Einsicht und verspätete vermeintlich prinzipientreue Haltung nicht nur heuchlerisch und egoistisch, sondern auch sehr kostspielige Phänomene sind. Selbst oder gerade für die reichsten Länder und Völker!
Wir erleben daher derzeit einen starken Bumerang-Effekt gegen bestimmte Länder, die vor einem Vierteljahrhundert blind der Logik des Hegemonialismus und Expansionismus folgten und an der Schaffung eines Präzedenzfalls beteiligt waren, der illegalen NATO-Aggression gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im Jahr 1999 und der Anerkennung der sogenannten Republik Kosovo, einem Teil serbischen Staatsgebiets, das Serbien gestohlen wurde, als unabhängigen Staat. Einige von ihnen, die nun mit Bedrohungen ihrer eigenen Souveränität und territorialen Integrität konfrontiert werden, sind verwirrt: Warum um alles in der Welt greift ihr Führer auch sie an, seine treuen Anhänger im globalen Kreuzzug um die Ressourcen und Reichtümer anderer Völker? Sie erkennen nicht, wie sehr sie selbst durch ihre Vasallenschaft zu dem beigetragen haben, was sie jetzt erleben. Dänemark und Kanada zum Beispiel.
Einerseits zahlen solche Länder den Preis für ihre Kurzsichtigkeit, Vasallenschaft und Vergesslichkeit, andererseits für ihre Arroganz und ihr kastenbasiertes Verständnis von internationalen Beziehungen. Der Raum für eine Expansion nach Osten ist nicht mehr unverteidigt. Eine Phase, in der „sich der Westen nach innen ausdehnt“, die Mächtigeren in die Gebiete der weniger Mächtigen, zeichnet sich ab.
Es ist gut, dass sich die weniger mächtigen westlichen Länder bei ihrer Verteidigung nun zumindest auf das Völkerrecht und die UN-Charta berufen. Dies ist zwar verspätet, aber dennoch eine Anerkennung der Rolle und Bedeutung des Völkerrechts. Bis vor Kurzem wurde dieses Recht von den treuen Anhängern der früheren Bewohner des Weißen Hauses rücksichtslos mit Füßen getreten. Der derzeitige Präsident scheint immer weniger Respekt vor dem Erbe seiner Vorgänger zu haben.
Belgrad, 08.01.2026
Übersetzung und Überarbeitung: David Stockinger
Anmerkung der INTERNATIONAL-Redaktion: Wie im Impressum ausgeführt, müssen namentlich gezeichnete Artikel nicht der Meinung der Redaktion entsprechen. Im Gastkommentar wird etwa der Absatz, der sich mit dem Kosovo beschäftigt, vom Redaktionskollektiv sehr unterschiedlich beurteilt. Während ein Teil der Redaktion die Bewertung im Artikel vollständig teilt, beurteilt ein anderer den völkerrechtlichen Status des Kosovo anders. Es entspricht aber der Haltung der gesamten Redaktion und den Grundsätzen von INTERNATIONAL, unterschiedlichen Auffassungen Raum zu geben, zumal sie in den österreichischen Medien sonst kaum Platz finden.
Titelbild: Živadin Jovanović im Büro des „Belgrader Forums für eine Welt der Gleichen“ (Foto: David Stockinger)

