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Trumps Krieg gegen Venezuela und Kuba

Zu Jahresbeginn unternahmen die USA einen Militärangriff auf Venezuela und entführten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores. Seither würgt Washington die sozialistische Insel Kuba mit einer totalen Ölblockade ab. Zwei Staaten, eine Strategie: Wer sich der US-Hegemonie widersetzt, zahlt den Preis.

Von Michael Wögerer, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft I/2026)

„Wir werden das Land regieren“, verkündete US-Präsident Donald Trump nach der völkerrechtswidrigen Militäraktion gegen die Bolivarische Republik Venezuela am 3. Jänner 2026, bei der rund 80 Menschen ums Leben kamen, darunter 32 kubanische Leibwächter des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro.

Er und seine Frau Cilia Flores wurden in der Nacht-und-Nebel-Aktion in die USA entführt und stehen seither vor dem Bundesgericht für den südlichen Distrikt von New York (SDNY) wegen „Narkoterrorismus“ vor Gericht. Ein Vorwurf, der in Washington seit Jahren als geopolitisches Werkzeug dient. Laut Medienberichten könnte es mehr als ein Jahr dauern, bis ein Geschworenenprozess stattfindet.

„Heute ist es Venezuela, morgen kann es jeder andere Staat sein“, kritisierte Chiles Präsident Gabriel Boric das Vorgehen der USA. Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Uruguay verurteilten den Angriff als Bruch des Völkerrechts. Anders Argentiniens Javier Milei, der jubelte: „Die Freiheit schreitet voran.“

Die wahren Interessen: Öl und Monroe-Doktrin

Was Trump als Drogenbekämpfung vermarktet, ist klassische Ressourcenpolitik. Venezuela besitzt die größten Erdölreserven der Welt. Noch am Angriffstag stiegen die Börsenkurse von Chevron, Exxon und Occidental. Auf Druck der USA reformierte das venezolanische Parlament das Erdölgesetz: Private Investitionen sind nun möglich, Abgaben wurden gesenkt.

Die Frau, die nach Maduros Entführung Venezuela de facto regiert, steht unter einem Druck, der seinesgleichen sucht. Delcy Rodríguez – langjährige Vizepräsidentin, von Maduro einst „Die Tigerin“ genannt – balanciert auf einem diplomatischen Hochseil zwischen zwei unvereinbaren Anforderungen.

Sie bezeichnet die USA als „Invasoren“, nennt Maduro weiterhin den „rechtmäßigen Präsidenten“ und rief Ende Jänner öffentlich aus: „Es reicht mit den Befehlen aus Washington!“ Hinter den Kulissen empfängt sie CIA-Chef John Ratcliffe, US-Energieminister Chris Wright und den Kommandeur des US-Südkommandos – und liefert wieder Öl in die USA.

Der Druck aus Washington ist existenziell: Trump drohte ihr persönlich, sie werde „einen höheren Preis als Maduro“ zahlen, falls sie nicht spure.

Der venezolanische Soziologe und internationale Analyst Álvaro Verzi Rangel bezeichnete das US-Vorgehen auf amerika21 als einen „kolonialen Drei-Phasen-Plan“: Erdöl sichern, Märkte öffnen, kontrollierten „Übergang“ inszenieren.

Trump beruft sich dabei auf die Monroe-Doktrin von 1823, die Lateinamerika zur US-Einflusszone erklärte. Aus dem „Hinterhof“ sei nun ein „Vorgarten“ geworden, kommentierte Ralf Höller für die Tageszeitung Neues Deutschland trocken.

Kuba: Der Würgegriff zieht sich zu

Kaum waren die Bomben auf Caracas gefallen, richtete Washington seinen Blick auf Kuba. Die rote Insel hatte Venezuela mit kubanischen Ärzt:innen versorgt – im Gegenzug für vergünstigtes Öl. Dieses Arrangement ist nun Geschichte. Mexiko stoppte Lieferungen nach US-Drohungen mit Strafzöllen. Eine Energieblockade ohne historisches Beispiel trifft die Bevölkerung mit voller Wucht.

In Havanna fällt täglich bis zu zwölf Stunden der Strom aus, berichtet der ehemalige BBC-Korrespondent Fernando Ravsberg. Von 106 Müllwagen fahren noch 44. Ein Liter Benzin kostet auf dem Schwarzmarkt sechs US-Dollar. Ein Solaringenieur, anonym in Havanna tätig, schildert gegenüber Telepolis: „Vor allem für Kranke und Menschen mit Medikamentenbedarf ist das sehr gefährlich.“

Trumps erklärtes Ziel klingt wie ein Echo aus dem Jahr 1960 – damals gaben US-Strategen offen zu, durch „Not, Elend und Verzweiflung“ einen Systemwechsel erzwingen zu wollen. Am 27. Februar 2026 ließ Trump öffentlich die Idee einer „freundlichen Übernahme“ Kubas anklingen.

Widerstand – und seine Grenzen

Das Lateinamerika-Nachrichtenportal npla bringt es auf den Punkt: Trumps Vorgehen sei „nicht partnerschaftliche Kooperation, sondern Durchsetzung strategischer Interessen.“ Seit 1992 fordern UN-Abstimmungen das Ende der Sanktionspolitik, zuletzt im Oktober 2025 hatten 165 von 193 UN-Staaten gegen die US-Blockade gestimmt – ohne Wirkung.

Der Widerstand wächst dennoch. Mexiko lieferte bereits 800 Tonnen Hilfsgüter nach Havanna – Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente. Präsidentin Claudia Sheinbaum kündigte weitere 1.500 Tonnen an. Chile, Spanien und Uruguay schlossen sich an. China schickte 60.000 Tonnen Reis und versprach 80 Millionen US-Dollar Soforthilfe. Russland sicherte Öllieferungen zu – doch ein russischer Tanker, die „Sea Horse“ mit 200.000 Barrel Diesel an Bord, drehte auf halbem Weg nach Kuba um, nachdem die USA Druck gemacht hatten. Bereits neun Schiffe hat Washington in der Karibik gekapert. Völkerrechtler:innen sprechen von Piraterie.

Die vielleicht symbolträchtigste Antwort auf die Blockade kommt von der Zivilgesellschaft: Eine internationale Koalition aus sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und NGOs rüstet die Flotilla „Nuestra América“ aus – sie soll im März in Havanna einlaufen und Lebensmittel sowie Medikamente an Bord haben. Unterstützt wird die Aktion u. a. von Ex-Labour-Chef Jeremy Corbyn, der US-Abgeordneten Rashida Tlaib und der früheren Bürgermeisterin Barcelonas Ada Colau. Aktivist:innen wie Greta Thunberg haben die Initiative öffentlich aufgegriffen. Das Modell folgt dem Vorbild der Gaza-Solidaritätsflotilla.

Zwei Länder, eine Lehre

Venezuela und Kuba stehen für unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe – beide mit Fehlern, beide in den Augen Washingtons inakzeptabel.

Die USA intervenierten im 20. Jahrhundert häufig in Lateinamerika, um linke Regierungen zu stürzen. Wichtige Beispiele sind der CIA-Putsch in Guatemala (1954), und die Unterstützung des Pinochet-Putsches in Chile (1973).

Öl, Monroe-Doktrin, Straflosigkeit: Die Logik hinter dem, was gerade in Lateinamerika passiert, ist nicht neu. Neu sind die Offenheit und Dreistigkeit, mit der sie durchgesetzt wird.


Michael Wögerer ist freier Journalist, Gründer und Mitherausgeber des Online-Projekts „Unsere Zeitung – DIE DEMOKRATISCHE.“ sowie leitender Redakteur der Zeitschrift INTERNATIONAL


Titelbild: Unsere Zeitung/KI-generiert

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