„Mich interessiert das Sichtbarwerden“
Der aus Chur stammenden Martina Caluori gelang ein Roman, der jeden sprachliebenden Menschen aufhorchen lässt. Im Gespräch mit Urs Heinz Aerni beantwortet sie Fragen zu ihrem ersten Roman „Schatten der Pinus“.
Aerni: Frau Caluori, in Ihrem Buch, das hier zur Sprache kommen soll, las ich den Satz: „Die Vergangenheit weiß, wie die Geschichte ausgehen wird, es beruhigt die alte Dame nicht.“ Ich mag solche Sätze, die viel offenlassen. Bis jetzt schrieben Sie Gedichte, nun liegt Ihr erster Roman vor. Hilft das Lyrische beim Schreiben von Prosa?
Martina Caluori: Ja, mir sehr. Sprache interessiert mich nicht zuerst als Mittel, um Handlung voranzutreiben. Mich beschäftigt, wie sie Wahrnehmung erzeugt, wie sie erinnert, verschweigt, rhythmisiert, trägt. Lyrik hat mich gelehrt, dass Bedeutung nicht dort beginnt, wo etwas erklärt wird, sondern oft vorher. Ich schreibe nicht über Zustände, ich schreibe aus ihnen heraus. Vielleicht ist das das Lyrische: die Genauigkeit des Unabgeschlossenen.
Aerni: Der Schauplatz ist ein Campingplatz am Meer. Eigentlich der perfekte Ort, an dem man Menschen so recht intim beobachten kann. Und irgendwie sind hier alle nicht zu Hause und doch scheinen sie sich einnisten zu wollen. Interpretiere ich da zu viel rein, in die Kulisse Ihres Romans?
Caluori: Nein, er ist keineswegs bloß Kulisse. Er ist ein Ort des Vorläufigen im präzisesten Sinn. Man kommt an, aber nicht endgültig. Man richtet sich ein, obwohl man weiß, dass man wieder gehen wird. Gerade diese Spannung interessiert mich: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit in einem Raum, der keine Dauer verspricht. Die Figuren befinden sich alle in solchen Übergängen zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen Verlust und Weiterleben, zwischen Sprachen, Generationen und Ländern. Der Campingplatz wird dadurch zu einem Resonanzraum. Er hält die Figuren, ohne sie festzulegen. Für mich ist das eine der schönsten Formen von Zugehörigkeit: etwas, das schützt, ohne abzuschließen; das Nähe erlaubt, ohne Identität zu verordnen.
Aerni: Sie beschreiben Menschen zwischen dem Kindsein und Altwerden. Was tut mehr weh, zu erinnern oder zu bangen auf das, was noch kommen wird?
Caluori: Vielleicht schmerzt weder die Vergangenheit allein noch die Zukunft. Was weh tut, ist die Erfahrung, dass beides nie ganz verfügbar ist. Erinnerung ist kein Archiv, in das man zurückkehrt und etwas Unversehrtes vorfindet. Sie ist Bewegung. Und Zukunft ist ebenso wenig Besitz. Sie ist Erwartung, Projektion, Angst, Möglichkeit – eine Form von Leere, die bereits affektiv besetzt ist. Die Figuren tragen genau diese Spannung in sich. Was mich dabei umtreibt, ist dieser Moment vor einer Entscheidung. Nicht als Suspense, sondern als ontologische Schwelle: Wie viel Gegenwart bleibt, wenn sie nie ganz beginnt? Wie lebt ein Mensch, wenn das, was war, nicht vergeht, und das, was kommen könnte, schon jetzt in ihn hineinwirkt?
Aerni: Der Campingplatz ist eine Art Zwischenort, weg von zu Hause und zeitlich begrenzt. Wie haben Sie es eigentlich mit dem Campieren?
Caluori: An Campingplätzen berührt mich diese eigentümliche Gleichzeitigkeit von Nähe und Vergänglichkeit. Man lebt Wand an Wand und doch nur für einen Augenblick. Man hört das Leben der anderen beinahe mit, ohne je ganz in es einzutreten. Vielleicht sind Campingplätze gerade deshalb kleine Modelle der Welt: provisorische Gemeinschaften, in denen sich Intimität und Fremdheit unaufhörlich berühren. Im Mittelpunkt steht für mich weniger das Idyll als die feine Unsicherheit der Koexistenz. Mich bewegt dabei, dass solche Orte die Illusion eines festen Lebens sanft unterlaufen. Sie zeigen, dass menschliche Existenz vielleicht grundsätzlich provisorischer ist, als wir uns eingestehen. Dass Wohnen immer auch ein Übergang ist. Und dass Gemeinschaft nicht unbedingt dort entsteht, wo alles gesichert ist, sondern dort, wo Fragilität geteilt wird.
Aerni: „Bo erkannte früh, dass Vater log. Seit jeher.“ Sätze, die in sich schon viel Stoff bergen. Wie dürfen wir Ihre Schreibarbeit optisch vorstellen?
Caluori: Ich versuche, so lange bei einer Szene, einer Bewegung oder einem Satz zu bleiben, bis er seine eigene Notwendigkeit entfaltet. Optisch ist das vielleicht weniger ein gerader Weg als ein Gewebe. Ich arbeite tastend, hörend, schichtend. Es geht mir weniger um rasches Fortschreiten als um die Präzision einer Wahrnehmung, die sich allmählich freilegt. Und vielleicht liegt genau dort der entscheidende Punkt: Schreiben heißt für mich nicht, der Sprache etwas aufzuzwingen, sondern ihr jene Form abzuringen, in der Erfahrung denkbar und fühlbar zugleich wird. Vielleicht deshalb arbeite ich mit Aussparungen, Rhythmus und Perspektivwechseln. Mich interessiert weniger das Ausstellen als das Sichtbarwerden.
Aerni: Sie erhielten von der Stadt Chur und dem Kanton Graubünden Werkbeiträge für diesen Roman, was bei Lyrik selten der Fall ist. Wie sehen Sie das?
Caluori: Ich verstehe sie als Vertrauen in eine Form von Arbeit, die sich nicht beschleunigen lässt. Literatur braucht Zeit. Nicht nur Schreibzeit, sondern auch Denkzeit, Zweifelzeit, Umwegzeit. Gerade ein Text, der mit Erinnerung, Mehrsprachigkeit und unterschiedlichen historischen Schichten arbeitet, braucht die Möglichkeit, nicht sofort wissen zu müssen, wohin er führt. Solche Unterstützung schafft keine banale Sicherheit, sondern die Bedingungen, unter denen literarische Sorgfalt überhaupt erst möglich wird. Und vielleicht ist genau das heute eine der kostbarsten Voraussetzungen von Literatur: dass sie nicht schon vor ihrer Entstehung in Effizienz übersetzt werden muss.
Aerni: Wo und wie könnten wir noch mehr Poesie in diese Welt bringen?
Caluori: Vielleicht, indem wir wieder lernen, Ambivalenzen auszuhalten. Poesie löst Widersprüche nicht auf. Sie erlaubt, dass mehrere Wahrheiten gleichzeitig existieren. In einer Zeit, in der vieles sofort erklärt, kategorisiert und verwertet werden soll, erscheint mir das beinahe als eine widerständige Form der Gegenwart. Poesie schafft Räume, in denen Bedeutung entstehen darf, bevor sie erklärt werden muss. Vielleicht brauchen wir solche Räume heute dringender denn je – nicht als Flucht aus der Welt, sondern als Möglichkeit, ihr erneut mit Wahrnehmung, Komplexität und Verantwortung zu begegnen.
Aerni: Wird Ihr Schaffen lyrisch bleiben, wissen Sie schon, wo es Sie literarisch hintreiben wird?
Caluori: Das Lyrische wird bleiben, weil es für mich nicht nur eine Form ist, sondern eine Art, die Welt wahrzunehmen. Geschlossene Formen haben mich nie besonders interessiert. Mich interessiert, was zwischen ihnen geschieht. Im Moment arbeite ich gleichzeitig an einem Bühnenstück, an einem neuen Roman und an einem Lyrikband. Der europäische Erinnerungsraum wird mich sicher weiter begleiten. Seine Brüche, seine Stimmen, seine Leerstellen. Aber in welcher Form diese Fragen als Nächstes erscheinen, weiß ich noch nicht.
Das Buch:
„Schatten der Pinus“,
Roman von Martina Caluori,
144 Seiten,
978-3-907709-27-6,
Lectorbooks
Martina Caluori wurde 1985 geboren und ist in Chur aufgewachsen. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband „Frag den Moment“, gefolgt 2022 von ihrem Kurzprosadebüt „Weisswein zum Frühstück“. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk „Ich weine am liebsten in Klos“. Ihr Roman wurde in die Auswahl von «New Books in German 2026» aufgenommen.
Urs Heinz Aerni ist freischaffender Journalist und wirkt an den Literaturtagen Zofingen (Schweiz) und an den Literaturtagen Sprachsalz in Kufstein (Österreich) mit. Von ihm erschien das Buch «Aves|Vögel – Charakterköpfe» zusammen mit Elke Heidenreich zu Fotos von Tom Krausz
Titelbild: Martina Caluori (Foto: Michel Gilgen)

