Wie viele Kraniche müssen wir noch falten?
Zum 71. Todestag von Sadako Sasaki am 25. Oktober
Von Nina Maron

Sadako Sasaki war zwei Jahre alt, als am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde. Sie überlebte die Explosion. Zehn Jahre später starb sie an Leukämie. Sadako wurde nur zwölf Jahre alt.
Während ihrer Zeit im Krankenhaus begann sie Origami-Kraniche zu falten. Nach einer japanischen Überlieferung soll demjenigen, der tausend Kraniche faltet, ein Wunsch erfüllt werden. Sadako faltete aus Geschenkpapier, Medikamentenverpackungen und allem, was sich auftreiben ließ. Am 25. Oktober 1955 starb sie. Ihre Geschichte endete damit nicht. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sammelten Geld für ein Denkmal für die Kinder, die durch die Atombombe und ihre Folgen ums Leben gekommen waren. 1958 wurde im Friedenspark von Hiroshima das Children’s Peace Monument errichtet. Bis heute werden dort Millionen Papierkraniche aus aller Welt niedergelegt.
Aber Sadakos Geschichte ist keine Geschichte über ein Mädchen, das Papier faltete. Sie erzählt davon, was Krieg mit Menschen macht – und davon, dass seine Opfer noch sterben, wenn die Politiker den Krieg längst für beendet erklärt haben. Und Hiroshima blieb nicht das letzte Beispiel.
Vom Kranich zum „Body Count“

Nur 23 Jahre nach Hiroshima, am 16. März 1968, töteten US-Soldaten im südvietnamesischen Mỹ Lai Hunderte unbewaffnete Zivilistinnen und Zivilisten. Laut Untersuchungen der US-Armee kamen 347 Menschen ums Leben. Unter den Ermordeten waren Frauen und Kinder. Der Vietnamkrieg brachte auch einen Begriff hervor, der zeigt, wie schnell Menschen im Krieg zu Zahlen werden können: Body Count. Getötete Gegner wurden gezählt und diese Zahlen als Maßstab militärischen Erfolgs verwendet. Gerade diese Logik wurde später auch von Vietnam-Veteranen scharf kritisiert.
In Mỹ Lai zeigte sich, wohin die Entmenschlichung führen kann: Menschen wurden nicht mehr als Mütter, Kinder, Großeltern oder Nachbarinnen wahrgenommen. Sie wurden Teil einer Statistik. Und zunächst wurde versucht, das Geschehen zu vertuschen. Erst Soldaten, die nicht schweigen wollten, Journalisten und schließlich Fotografien brachten das Massaker an die Öffentlichkeit. Die Bilder von Ronald Haeberle und die Berichterstattung über Mỹ Lai verstärkten die Ablehnung des Vietnamkriegs in den USA. Und dann kam ein weiteres Bild.
Am 8. Juni 1972 rannte die neunjährige Phan Thị Kim Phúc eine Straße bei Trảng Bàng entlang. Ihre Kleidung hatte nach einem Napalmangriff Feuer gefangen, sie hatte sie sich vom Körper gerissen. Ihr Rücken und große Teile ihres Körpers waren schwer verbrannt. Das Foto des nackten, schreienden Mädchens wurde zu einem der bekanntesten Bilder des Vietnamkriegs. Es machte sichtbar, was hinter militärischen Begriffen wie „Angriff“, „Ziel“ oder „Kollateralschaden“ steht: ein Kind mit verbrannter Haut. Mỹ Lai und das Bild von Kim Phúc wurden Teil jener Bilder und Berichte, die den Widerstand gegen den Vietnamkrieg verstärkten. Menschen gingen auf die Straße, Soldaten und Veteranen stellten den Krieg öffentlich infrage, und die Antikriegsbewegung gewann an Kraft.
Und wer wurde für Mỹ Lai verantwortlich gemacht? Genau hier wird die Geschichte besonders bitter. Zahlreiche Militärangehörige wurden untersucht oder angeklagt. Verurteilt wurde am Ende nur einer: Leutnant William Calley.
1971 wurde er wegen wegen Mordes an 22 Zivilisten schuldig gesprochen und zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt. Präsident Richard Nixon griff jedoch ein; Calley kam in Hausarrest, seine Strafe wurde mehrfach reduziert und 1975 war er wieder frei. Hunderte Tote. Frauen. Kinder. Und am Ende eine einzige Verurteilung. Auch das gehört zur Geschichte von Mỹ Lai.
Wie viele Kraniche müssen wir heute falten?

Und damit sind wir wieder bei Sadako. Wie viele Kraniche brauchen wir heute? Für die Kinder in der Ukraine? Für die Kinder in Gaza? Für jene, die in Kriegen sterben, über die bei uns kaum noch berichtet wird? Wie viele für Kinder, die das Geräusch einer Drohne erkennen, bevor sie richtig lesen können?
Von Hiroshima über Mỹ Lai bis in unsere Gegenwart zieht sich eine erschreckend einfache Erkenntnis:
Im Krieg sterben nicht Zahlen. Menschen sterben. Der „Body Count“ hat Namen. Er hat Gesichter.
Manchmal ist es ein zwölfjähriges Mädchen, das Kraniche faltet. Manchmal sind es 504 Menschen in einem vietnamesischen Dorf. Manchmal ist es ein neunjähriges Mädchen, das mit verbranntem Rücken eine Straße entlangläuft.
Und heute sehen wir wieder Bilder von verletzten, hungernden und getöteten Kindern. Deshalb dürfen Sadakos Papierkraniche nicht zu einer hübschen Friedensdekoration werden.
Ein Kranich beendet keinen Krieg. Aber er kann uns daran erinnern, dass Frieden mehr bedeutet als nur das Wort ‚Frieden‘ auf eine Fahne zu schreiben.
Frieden bedeutet, Menschen nicht zu Zahlen zu machen.
Frieden bedeutet, Kriegsverbrechen aufzuklären und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.
Und Frieden bedeutet auch, rechtzeitig Nein zu sagen – bevor wir wieder beginnen, Tote zu zählen.
Wie viele Kraniche müssen wir noch falten?
Vielleicht so lange, bis wir endlich verstanden haben, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht – und dass jedes Kind ein Recht darauf hat, erwachsen zu werden.
Titelbild: Unsere Zeitung/KI-generiert

