Der Hass beginnt dort, wo das Wir zum Feind des Anderen wird
Ein Kommentar von Nina Maron, unter Bezugnahme auf Käthe Kratz’ Buch „Schwindelfrei“
Warum beginnen Menschen, andere Menschen zu hassen? Warum brauchen sie Feindbilder? Und warum scheint es manchmal leichter zu sein, gemeinsam gegen jemanden zu sein, als gemeinsam für etwas einzustehen?
In ihrem Buch „Schwindelfrei“ beschäftigt sich Käthe Kratz mit diesen Fragen, ohne einfache Antworten zu liefern. Sie versucht zu begreifen, wie aus einem Menschen ein Antisemit werden konnte, wie aus Neid Verachtung entsteht und wie tief der Wunsch nach Zugehörigkeit mit der Ablehnung anderer verbunden sein kann.
Besonders beschäftigt mich dabei ein Gedanke: Der Vater beneidet jüdische Menschen um ihren Zusammenhalt. Um ein soziales Netz, das ihnen trotz Ausgrenzung ein Gefühl von Gemeinschaft und Heimat gibt. Ausgerechnet das, wonach er sich möglicherweise selbst sehnt, wird zum Gegenstand seines Hasses.
Ist es also manchmal der Mangel an Zugehörigkeit, der Menschen dazu bringt, anderen ihre Zugehörigkeit zu missgönnen? Der Wunsch, dazuzugehören, ist menschlich. Der Hass auf jene, die nicht dazugehören sollen, ist es nicht zwangsläufig.
Wir alle wollen Teil von etwas sein. Einer Familie, einer Freundschaft, einer Gesellschaft. Wir wollen gesehen, verstanden und angenommen werden. Wir wollen Menschen um uns haben, die uns auffangen, wenn wir fallen. Die uns das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Doch wann wird aus diesem verständlichen Bedürfnis nach Gemeinschaft eine gefährliche Abgrenzung?
Vielleicht dann, wenn das eigene Selbstwertgefühl nicht mehr daran hängt, wer wir sind, sondern daraus, wer wir angeblich nicht sind. Wenn wir uns nur noch dadurch überlegen fühlen können, dass wir andere für minderwertig erklären. Aus einem „Wir gehören zusammen“ wird ein „Die gehören nicht dazu“.
Und plötzlich reicht es nicht mehr, Gemeinsamkeiten zu haben. Man braucht einen gemeinsamen Feind. Das ist einer der gefährlichsten Mechanismen des Nationalismus, des Rassismus, des Antisemitismus und des Faschismus. Menschen wird eingeredet, ihre Unsicherheit, ihre Armut, ihre gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit hätten einen klar benennbaren Schuldigen. Nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht die Verteilung von Reichtum und Macht, sondern andere Menschen.
Dabei ist Hass keine unausweichliche Folge von Einsamkeit, Kränkung oder sozialer Benachteiligung. Er wird gelernt, geschürt und politisch organisiert. Und er kann bewusst zurückgewiesen werden. Es ist leichter, einen Sündenbock zu finden, als die Verhältnisse zu hinterfragen.
Was mich an Käthe Kratz’ Überlegungen besonders erschüttert, ist die Erkenntnis, dass selbst das Wissen um die Verbrechen des Nationalsozialismus den Hass des Vaters nicht ins Wanken bringen konnte. Wie tief muss eine Überzeugung sitzen, wenn selbst das unermessliche Leid der Opfer sie nicht verändert?
Vielleicht liegt darin eine weitere erschreckende Wahrheit: Hass ist nicht immer eine Frage mangelnden Wissens. Manchmal ist er längst Teil der eigenen Identität geworden. Wer ihn aufgibt, müsste auch sein Selbstbild infrage stellen. Und dazu sind nicht alle bereit.
Auch heute erleben wir, wie politische Bewegungen dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit ausnutzen. Sie versprechen Gemeinschaft, Stärke und Sicherheit. Aber ihre Gemeinschaft ist keine, die alle einschließt. Sie funktioniert über Ausgrenzung. Gegen Geflüchtete, gegen Menschen anderer Religionen, gegen Minderheiten, gegen alle, die angeblich nicht dazugehören.
Dabei wird gerne von Freiheit gesprochen. Von der Freiheit des eigenen Volkes, der eigenen Kultur, der eigenen Lebensweise. Gemeint ist jedoch allzu oft die Freiheit, anderen ihre Rechte abzusprechen. Und ich frage mich: Was ist eine Gemeinschaft wert, die nur funktioniert, solange sie jemanden ausschließen kann?
Vielleicht müssen wir viel früher beginnen, diese Mechanismen zu hinterfragen. Schon dort, wo Kinder lernen, dass sie dazugehören dürfen, ohne sich anpassen zu müssen. Wo Anderssein nicht als Bedrohung, sondern als Selbstverständlichkeit begriffen wird. Wo Solidarität nicht bedeutet, dass alle gleich denken, gleich aussehen oder gleich leben müssen. Denn eine solidarische Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass wir unsere Unterschiede beseitigen, sondern dadurch, dass wir lernen, mit ihnen zu leben.
Natürlich ist es schön, einer Gruppe anzugehören. Auch ich kenne dieses Bedürfnis. Das Gefühl, mit anderen etwas zu teilen, gemeinsam für etwas zu kämpfen, verstanden zu werden. Aber ich möchte keiner Gemeinschaft angehören, deren Zusammenhalt darauf beruht, andere Menschen zu verachten. Gerade in politischen Bewegungen sollten wir uns immer wieder fragen, ob uns gemeinsame Überzeugungen verbinden oder nur gemeinsame Feindbilder.
Käthe Kratz stellt in ihrem Buch die Frage, ob das Einzelkämpfertum des Vaters eine Notlösung gewesen sein könnte. Ob hinter seiner Fixierung auf körperlicher Stärke, Gesundheit und Tüchtigkeit nicht auch die Angst steckte, selbst unzulänglich zu sein. Das ist ein bemerkenswerter Gedanke. Denn eine Gesellschaft, die Menschen ständig nach Leistung, Stärke, Schönheit und Erfolg bewertet, schafft auch jene Kategorien, mit denen Menschen andere abwerten können. Wer Schwäche verachtet, hat möglicherweise selbst große Angst davor, schwach zu sein. Doch das erklärt Hass allenfalls. Es entschuldigt ihn nicht.
Am Ende bleibt für mich eine Frage, die weit über dieses Buch hinausgeht: Warum gelingt es uns als Gesellschaft so viel leichter, Menschen gegen andere zu mobilisieren, als sie füreinander zu gewinnen?
Vielleicht, weil Solidarität anstrengender ist als Hass. Weil sie verlangt, zuzuhören, Widersprüche auszuhalten, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen und manchmal auch auf persönliche Vorteile zu verzichten.
Hass dagegen bietet einfache Antworten. Und vor allem bietet er das trügerische Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Ich möchte trotzdem daran glauben, dass unser Bedürfnis nach Gemeinschaft stärker sein kann als unser Bedürfnis nach Abgrenzung. Dass wir nicht jemanden unter uns brauchen, um uns selbst größer zu fühlen. Und dass ein wirkliches Wir erst dort beginnt, wo wir nicht mehr nach etwas Anderem suchen, das wir ausschließen können. Denn Zusammenhalt, der auf Hass beruht, ist keine Solidarität. Er ist nur gemeinsam organisierte Verachtung.
Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

