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Eine Frau, eine Tochter und ein Mädchen

Sonntag ist Büchertag: „Schwindelfrei“ von Käthe Kratz Rezension von Nina Maron

Ich habe Käthe Kratz als kleines Mädchen kennengelernt und durfte später in ihrem Film Lebenslinien mitspielen. Ich hatte darin eine Szene, in der es darum ging, dass ich mir einen Hampelmann wünschte, ihn mir aber nicht leisten konnte. Der Protagonist schenkte ihn mir schließlich. Ich erzähle diese kleine Anekdote, weil ihr neues Buch Schwindelfrei für mich eine Seite von Käthe offenbart, die tragischer, künstlerischer, lebensbejahender und sozialer kaum sein könnte.
 
„Schwindelfrei“ von Käthe Kratz (Verlag Elster & Salis)

Schwindelfrei ist ein autobiografischer Roman, der auf ungewöhnliche Weise erzählt wird. Es werden keine Namen genannt. Da sind das Mädchen, die Schwester, der Bruder, der Vater und die Mutter. Später wird aus dem Mädchen die Tochter und schließlich die Frau. Die Erzählperspektive bleibt auffallend nüchtern und beinahe unbeteiligt. Gerade dadurch entsteht eine eigentümliche Nähe.

 
Auch die zeitliche Struktur des Romans ist ungewöhnlich. Kindheit und Erwachsenenleben wechseln sich thematisch ab. Die Erzählung bewegt sich nicht einfach chronologisch von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Vielmehr begegnen wir immer wieder dem Mädchen und dann der erwachsenen Frau. Die Vergangenheit und die Gegenwart stehen miteinander in Verbindung. Was das Mädchen damals erlebt, bekommt aus der Perspektive der erwachsenen Frau eine andere Bedeutung. Und umgekehrt scheint die erwachsene Frau immer wieder auf das Mädchen zurückzublicken, das sie einmal war.
So entsteht kein klassischer Lebenslauf, sondern ein Erinnerungsraum. Die Kindheit ist nicht vorbei, nur weil das Mädchen erwachsen geworden ist. Sie bleibt in ihr erhalten – in ihren Beziehungen, in ihrem Körper, in ihren Ängsten, in ihrer Fürsorge und in ihrem Bedürfnis nach Wärme.
 
Käthe wächst in armen Verhältnissen auf. Es gibt kein fließendes Wasser, die Winter sind bitterkalt, bis zu minus 25 Grad. Kälte ist dabei nicht nur eine körperliche Erfahrung. Auch das Elternhaus ist kalt – häuslich wie emotional. Der Vater ist Nazi, und seine Haltung ist Teil jener Welt, in der die Kinder aufwachsen. Wärme, Geborgenheit und Sicherheit sind keine Selbstverständlichkeiten.
Und es gibt nicht nur ein Mädchen. Es gibt zwei: Käthe und ihre Schwester. Beide müssen früh in Rollen hineinwachsen, die ihnen als Mädchen und zukünftigen Frauen zugeschrieben werden. Schon die Weihnachtsszene macht diese Rollenverteilung deutlich: Der Baum ist geschmückt, die Geschenke sind vorbereitet, doch während Vater und Kinder bereits in Festtagskleidung sind, kniet die Mutter in der Küche und schrubbt den Boden. Die Mädchen sollen helfen. Als sie es nicht tun, schreit der Vater sie an.
Wenig später ist die Mutter erschöpft, der Vater wütend und die Kinder erschrocken. Und dann verteilt der Vater an jedes Kind einen Kuss, der sich für das Mädchen „wie ein Schlag ins Gesicht“ anfühlt. In wenigen Sätzen wird ein ganzes Familienmodell sichtbar: Die Mutter sorgt für alle, putzt und funktioniert. Die Mädchen lernen früh, dass auch von ihnen diese Arbeit erwartet wird. Der Vater bestimmt die Stimmung und die Regeln. Die beiden Mädchen müssen schon früh das übernehmen, was ihnen als zukünftigen Frauen zugedacht ist. Sie sollen helfen, sich kümmern, funktionieren. Kindsein und Frauwerden liegen dadurch schon sehr früh übereinander.
 
Besonders berührend ist die Beziehung zum kleinen Bruder. Er kommt als Frühgeburt zur Welt und braucht besondere Fürsorge. Das Mädchen übernimmt Verantwortung, die eigentlich nicht die eines Kindes sein sollte. Sie kümmert sich um ihn, begleitet ihn und hilft ihm durch ihre Nähe und Fürsorge in seiner Entwicklung. Ausgerechnet in einer Kindheit, in der sie selbst so wenig Sicherheit erfährt, wird sie für ihren Bruder zu einer wichtigen Bezugsperson.
 
Darin liegt eine große Ambivalenz dieses Buches: Die Kinder bekommen Rollen zugewiesen, aber Käthe übernimmt darin auch eine eigene Verantwortung. Sie ist nicht nur das Kind, dem etwas widerfährt. Sie wird früh zur Beobachterin, zur Handelnden, zur Fürsorgenden.
 
Und dann wird aus diesem Mädchen eine Frau, die sich ihren eigenen Weg sucht. Als erste Frau im Studienfach Regie tritt Käthe in eine Filmwelt ein, die stark von Männern geprägt ist. Sie muss sich durchschlagen, sich behaupten und sich ihren Platz erarbeiten. Aus dem Mädchen, dem früh beigebracht wird, welche Rolle eine Frau einzunehmen hat, wird eine Frau, die selbst bestimmt, welche Rolle sie spielen will.
 
Vielleicht beginnt hier die eigentliche Emanzipation dieser Lebensgeschichte: Sie führt nicht mehr nur Regie für andere, sondern übernimmt zunehmend die Regie über ihr eigenes Leben. Die Kälte der Kindheit bleibt dabei nicht einfach Vergangenheit. Sie scheint sich in den Körper einzuschreiben. Käthe friert später immer wieder. Und so bekommt auch das Häuschen in Kroatien eine besondere Bedeutung. Die Reise nach Dalmatien, die Insel Šolta, die Wärme und das Meer wirken wie ein Gegenbild zu den Wintern der Kindheit. Die erwachsene Frau sucht sich einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen kann – einen Ort, an dem sie nicht mehr frieren muss.
 
In einer der Passagen über Šolta wird die Insel zunächst als „Perle der Adria“ beschrieben. Doch auch hier bleibt der Blick der Frau eigenwillig und unromantisch. Die Geschichte der Insel – die Erzählungen von Pest, Tod und Angst vor den Menschen – steht neben der Schönheit des Ortes. Das Schöne und das Dunkle existieren gleichzeitig.
 
Überhaupt sind es diese Gleichzeitigkeiten, die Schwindelfrei so besonders machen. Während die großen historischen Ereignisse stattfinden, geschieht im Kleinen das eigentliche Leben: Ein Mädchen friert in einem Haus ohne fließendes Wasser. Eine Mutter kniet auf dem Boden und schrubbt. Ein Vater schreit. Zwei Schwestern lernen früh, was von Frauen erwartet wird. Ein Frühchen braucht die Fürsorge seiner Schwester.
 
Die große und die kleine persönliche Geschichte laufen nebeneinander her. Die historischen Ereignisse werden nicht zum Mittelpunkt gemacht. Sie bilden den Hintergrund für eine sehr private Geschichte, die gerade dadurch ihre gesellschaftliche Dimension erhält.
 
Bemerkenswert ist, dass diese persönliche Geschichte trotzdem unpersönlich erzählt wird: Aus „ich“ wird „das Mädchen“, aus „mein Vater“ wird „der Vater“, aus „meine Mutter“ wird „die Mutter“. Dadurch entsteht eine beinahe dokumentarische Distanz.
 
Und genau hier bekommt auch der Titel „Schwindelfrei“ seine besondere Bedeutung. Schwindel bedeutet nicht nur, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Schwindel kann auch Täuschung, Lüge oder Selbsttäuschung bedeuten. Kratz erzählt ihre Geschichte, ohne sie zu beschönigen. Sie macht keine große Abrechnung daraus, sie erklärt nicht ständig, wer schuld ist, und sie wertet nicht nachträglich. Sie schafft durch die Erzählform einen Abstand zu ihrer eigenen Geschichte. Das Mädchen erlebt – die Frau erinnert sich. Dazwischen liegt die Autorin, die daraus Literatur macht. Schwindelfrei bedeutet deshalb vielleicht auch: frei vom Schwindeln. Nichts wird schöner gemacht, als es war. Aber auch nichts künstlich dramatisiert. Das Erlebte darf stehen bleiben.
 
Gerade diese Nüchternheit macht manche Szenen umso schmerzhafter. Wir lesen vieles zunächst mit den Augen des Kindes. Erst als Erwachsene verstehen wir, was hinter bestimmten Situationen steckt. Das Mädchen weiß nicht unbedingt, dass etwas ungerecht ist. Für sie ist es zunächst einfach das Leben.
Vielleicht ist das auch die große Stärke dieses Buches: Es urteilt nicht über die Menschen, sondern zeigt, wie Menschen werden.
 
Meine kleine Erinnerung an den Hampelmann bekommt beim Lesen eine andere Bedeutung. Damals war es eine Filmszene: ein Kind, das sich etwas wünscht und es sich selbst nicht leisten kann, und ein anderer Mensch, der ihm diesen Wunsch erfüllt. Im Buch begegnet mir nun eine Kindheit, in der vieles nicht selbstverständlich war: Wärme, Wasser, Geborgenheit, kindliche Freiheit.
 
Und doch ist Schwindelfrei kein Buch, das nur von Kälte handelt. Es handelt auch von der Fähigkeit, Wärme weiterzugeben. Das Mädchen erfährt selbst wenig davon und gibt sie dennoch an ihren Bruder weiter. Die Frau sucht sie später an anderen Orten. Vielleicht findet sie die Wärme in der Kunst, in der Arbeit, in Beziehungen, im Süden, in ihrem Häuschen in Kroatien?
 
So wird aus einer persönlichen Lebensgeschichte keine bloße Abrechnung mit der Vergangenheit. Es ist vielmehr die Geschichte eines Menschen, der sich aus den Umständen seiner Kindheit herausarbeitet, ohne seine Herkunft verleugnen zu müssen.
 
Am Ende bleibt für mich kein Urteil, sondern ein Bild: zwei Mädchen, die früh lernen, was von Frauen erwartet wird. Ein Mädchen, das für seinen kleinen Bruder Verantwortung übernimmt. Eine Tochter, die ihre Herkunft mit sich trägt. Eine junge Frau, die sich in einer männlich dominierten Filmwelt ihren Platz erkämpft. Und eine Frau, die sich später einen Ort sucht, an dem sie Wärme findet.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bewegung dieses Buches: vom Frieren zur Wärme, von der zugeschriebenen Rolle zur Selbstbestimmung, vom Mädchen zur Frau – und immer wieder zurück zu dem Kind, das in all dem weiterlebt.

Käthe Kratz
Schwindelfrei
Verlag Elster & Salis, 2026
ca. 453 Seiten, 25,70 €
ISBN 978-3-9505960-0-7


Käthe Kratz, 1947 in Salzburg geboren, ist eine österreichische Filmemacherin und Autorin. Sie studierte als erste Frau Regie an der Filmakademie Wien und war die erste weibliche TV-Spielfilmregisseurin Österreichs. Mit ihrer Arbeit legte sie einen Grundstein für das zeitgenössische feministische Filmschaffen in Österreich. Zu ihren Werken gehören u.a. die historische Spielfilm-Reihe „Lebenslinien“, sowie die Kinofilme „Atemnot“ und „Das 10. Jahr“. Im Oktober wird ihr das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen.


Titelbild: Vom Frieren zur Wärme, vom Winter der Kindheit zum Häuschen auf Šolta. (KI-generiert mit Seedream 5.0 Pro.

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