Warum gehören Tierversuche noch nicht der Vergangenheit an?
In Deutschland stirbt alle zehn Sekunden ein Tier bei einem Tierversuch. Unsere Redakteurin Sandra Czadul wollte verstehen, ob es Tierversuche noch braucht, wie effizient sie sind und welche Alternativen es gibt. Deshalb hat sie Dr. Dilyana Filipova vom Verein Ärzte gegen Tierversuche, ein paar Fragen gestellt.
1.) Kann man von artgerechter Tierhaltung bei Versuchstieren sprechen?
Dr. Dilyana Filipova: Nein. Die Tiere, die für Versuche benutzt werden, verbringen ihr ganzes Leben in sehr engen, kahlen Käfigen und in einer komplett künstlichen Umgebung, die keineswegs als „artgerecht“ bezeichnet werden kann. Alles wird standardisiert und einheitlich gehalten – die künstliche Beleuchtung, die Lüftung und der Tag-Nacht-Rhythmus.
Die Tiere bekommen jeden Tag genau das gleiche Futter und Wasser. Vor allem bei Nagetieren teilen sich mehrere Tiere einen engen Käfig, was häufig Aggression und Verletzungen unter den Tieren verursacht. Manchmal werden soziale Tiere wie Hunde, Kaninchen und Mäuse alleine gehalten, was zu deutlichen psychischen und geistlichen Störungen führt.
Bei Mäusen und Ratten, welche die am meisten benutzten „Versuchstiere“ sind, sind die Käfige so eng, dass die Ausführung einiger natürlichen Bewegungen, wie graben und buddeln, nicht möglich ist. Selbst wenn man z. B. eine Maus oder eine Ratte als Haustier hat, ist es undenkbar die Tiere unter denselben Bedingungen zu halten, die in den Versuchstierhaltungen üblich sind.
2.) Warum sind Alternative Methoden wie Zell-Chips noch nicht die Regel, sondern die Ausnahme?
Ein wichtiger Grund dafür ist, dass leider die tierversuchsfreie Forschung seit Jahren kaum finanziert wird. In Deutschland werden jährlich über 4 Mrd. Euro der öffentlichen Fördergelder für biomedizinische Zwecke für die Durchführung von Tierversuchen verwendet. Im Gegensatz dazu, nur 20-25 Mio. Euro für die tierversuchsfreie Forschung. Prozentual entspricht das einem Anteil von über 99% für Tierversuche vs. weniger als 1% für die tierversuchsfreie Forschung.
Weltweit sind diese Zahlen leider vergleichbar. Eine Studie zeigte, dass die Förderung der tierversuchsfreien Methoden in den einzelnen EU-Ländern, zwischen 0 und 0.036% des Forschungsbudgets, des jeweiligen Landes entspricht. Diese mangelhafte Förderung verlangsamt die Entwicklung und Umsetzung dieser Methoden und zwingt teilweise die Forscher, Tierversuche für ihre geplanten Projekte zu beantragen, um besser gefördert zu werden.
Noch ein wi…


Forschung ohne Tierversuche!
Tierversuche verursachen extremes Leid und den Tod von Tieren, gefährden und schädigen die Gesundheit und töten sogar Menschen, da ihre Ergebnisse unsinnigerweise auf den Menschen übertragen werden.
Glücklicherweise sind viele Forschungsergebnisse von Tieren auf den Menschen übertragbar. Das ist ja auch kein Zufall, sondern kommt von der evolutionären Nähe von Wirbeltieren und noch mehr von Säugetieren zum Menschen. Diese genetischen, physiologischen und anatomischen Ähnlichkeiten sind der Grund für die gute (aber nicht perfekte) Übertragbarkeit der Erkenntnisse.
Praktisch alle medizinischen Durchbrüche der letzten hundert Jahre beruhen zumindest teilweise auf Tierversuchen, fast immer in Kombination mit anderen Methoden.
Verantwortungsbewusste Tierversuche sind für den medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt unverzichtbar. Das ist ein weltweiter Konsens in der Forschung und Gesetzgebung. Praktisch alle medizinischen Durchbrüche gehen auf Tierversuche zurück, auch modernste Therapien gegen Krebs, Herzversagen oder HIV. Auch die aktuelle Coronavirus-Ausbreitung können wir nur unter Beteiligung von Tierversuchen in den Griff bekommen! Dabei kommen meistens Mäuse zum Einsatz, aber auch Studien an Affen sind dafür unumgänglich. Natürlich nutzt die Forschung auch alle verfügbaren tierversuchsfreien Methoden – aber weder mit einer Petrischale, noch einem Organ-on-a-chip oder Computermodell alleine werden wir komplexe Viruserkrankungen, Krebs oder Alzheimer besiegen können.