AktuellEuropaFeminismusÖsterreichStandpunkteUnsere Zeitung

(Neben)Widersprüche #1: Immer bei der Arbeit

Barbara Eder

Feminismus gilt vielen als selbstverständlich, und gerade deshalb wird er oft verkürzt, verspottet oder neu verhandelt. Von rechts wird gegen ihn eine vermeintlich »natürliche« Geschlechterordnung in Stellung gebracht, von links wird über die richtige Haltung gestritten, bis kaum noch Gemeinsamkeiten übrig bleiben. 
In ihrer neuen Kolumne (Neben)Widersprüche stellt sich die feministische Autorin Barbara Eder der Frage, was es heute bedeutet, Feministin zu sein. Sie verteidigt feministische Positionen gegen den gegenwärtigen Antifeminismus und nimmt zugleich die Konflikte und Widersprüche ernst, die innerhalb feministischer Debatten auftauchen.

Immer bei der Arbeit

Von Barbara Eder

Am 24. Oktober streikten Tausende Frauen auf roten Decken vor dem österreichischen Parlament – durch vermeintliches Nichtstun. Das Programm war so voll wie ihre Arbeitstage: Petra Unger erinnerte in ihrer Rede an die Wiener Textilarbeiterin Amalie Seidel, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur gegen miserable Löhne und Dreizehnstundenschichten wehrte, sondern auch gegen die patriarchalen Zumutungen im Zuhause. Währenddessen bespielte Julia Starsky die Fassade des Regierungsgebäudes mit Lichtprojektionen und Yasmo rappte an gegen die »Teilzeitlüge«. Denn die Arbeitstage von Frauen enden nicht nach dem Büro; danach beginnt die zweite, unbezahlte Schicht.

Im isländischen Frauenstreik, dem Kvennafrídagurinn, hatte die Aktion ihr historisches Vorbild. Am 24. Oktober 1975, dem »Frauenfreitag«, legten nahezu alle Isländerinnen ihre Arbeit nieder. Die Welt stand still, weil ihr kollektiv gestärkter Arm es wollte. In Pamela Hogans Dokumentarfilm »The Day Iceland Stood Still« von 2024 macht sich der Ausstand vor allem als Unterbrechung bemerkbar: Berge ungewaschener Wäsche, Väter mit quengelnden Kindern am Arbeitsplatz und Betriebe, die nicht mehr produzieren. Bilder wie diese erzählen keine Geschichten, die zur Heroisierung taugen. Ihre Geschichtsmächtigkeit entfalten sie durch etwas, das nicht (mehr) geschieht: Niemand holt die Kinder vom Kindergarten ab, kocht, putzt oder besucht die Eltern im Pflegeheim. Niemand geht für dich zum Supermarkt, zur Apotheke oder zum Finanzamt – und stellt dir am Ende des Tages noch einen Schnaps auf den Tisch.

In Österreich tut man sich schwer mit Aktionen wie diesen. Was keine (entlohnte) Arbeit ist, könne demnach auch nicht bestreikt werden. Bekräftigt hat dies zuletzt ÖVP-Kanzler Christian Stocker, der im August dieses Jahres erklärte, dass Kinderbetreuung »keine Arbeit« sei. Nachdem ihm die öffentliche Empörung um die Ohren flog, entschuldigte er sich; an den materiellen Verhältnissen verändert hat dies freilich nichts: Alles, was der Reproduktion dient – darunter die überwiegend von Frauen geleistete Haus-, Erziehungs- und Sorgearbeit –, wollen sich die Handlanger des Kapitals möglichst wenig kosten lassen. »Reproduktive Arbeit« ist dafür nur eine unzureichende Bezeichnung. Marx wusste um die gesellschaftliche Notwendigkeit dieser Arbeit – eine unabdingbare Voraussetzung für alles, was im Kapitalismus privat angeeigneten Mehrwert bringt.

Anders als die unsichtbare Hand des Marktes stemmt der starke Arm der Frauen nach wie vor die schwersten Lasten. Während die Karrierefrau auf Titelseiten posiert, zieht sich die 24-Stunden-Pflegekraft ihren Kittel aus und macht sich auf zum Zweitjob. Arbeitet sie zusätzlich zur Scheinselbständigkeit zwanzig Stunden im Supermarkt, gilt sie als Teilzeitkraft. Steht sie deshalb später mit einer Pension da, die kaum zum Leben reicht, hat sie sich die Armut selbst eingebrockt. »Hätte sie eben mehr gearbeitet!« brüllt das feministische Karrierekommando aus rosaroten Gazetten. Dort polemisiert Standard-Kolumnistin Beate Hausbichler regelmäßig gegen die »Herdprämie« – als folgte jede Frau, die unbezahlte Sorgearbeit leistet, auch schon einem konservativen Familienbild à la Stocker und Söder. Warum soll ausgerechnet mehr Lohnarbeit Frauen aus ihrer ökonomischen Abhängigkeit befreien – und nicht endlich die Bezahlung jener Arbeit, die sie längst verrichten?

Man wird nicht als Karrierefrau geboren, sondern dazu gemacht – indem man Lohnarbeit auf hochdotierten Posten verrichtet. Wer dafür nicht die richtigen Netzwerke mitbringt, ist selbst schuld daran. Und wer deshalb dann zur Reservearmee eines höchst exklusiven Arbeitsmarkts gehört, die sich das Kapital in Krisenzeiten vorbehält, war am Ende nicht feministisch genug. Forderungen nach der Bezahlung reproduktiver Arbeit oder nach einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle Geschlechter stellt man im blassrosa Publikationsorgan für Karrierefrauen besser nicht – aus gutem Grund: neben vielen bunten Inseraten wirkt im Hintergrund eine hauseigene Aktiengesellschaft als Kapitalgeber.

Das Kapital beutet nicht nur jene aus, die es bezahlt, sondern profitiert auch von der Arbeit jener, die es nicht bezahlt. Für Frauen bleibt oft beides bestehen: am Arbeitsplatz und zu Hause. Zuerst wird ihnen die Bezahlung dafür vorenthalten, dann die soziale Absicherung im Alter. Doppelt beraubt – und am Ende selbst schuld! Bereits in den siebziger Jahren haben Mariarosa Dalla Costa und Silvia Federici diese neoliberale Rechnung infrage gestellt. Ihre Kampagne »Lohn für Hausarbeit« begriff unbezahlte Arbeit mit nahezu unhinterfragter Selbstverständlichkeit als Bestandteil kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse. Die Forderungen, die daraus erwuchsen, zielten nicht nur darauf ab, das Bild der Hausfrau und Mutter ikonisch zu verewigen, sondern auch darauf, die Arbeit im vermeintlich Privaten zum Gegenstand des Klassenkampfs zu machen. Denn die kleinste Versorgungseinheit im Kapitalismus ist nach wie vor nicht die Fabrik, das Labor oder das Büro, sondern der Haushalt, in dem die Ware Arbeitskraft täglich hergestellt wird: durch Essen, Waschen, Pflege, Zuwendung und Care. Wer diese Arbeit niederlegt, bestreikt nicht bloß Ehemänner oder Mitbewohner, sondern den Kern der kapitalistischen Vergesellschaftung: die Lohnarbeit. Der isländische Frauenstreik von 1975 hat eindrucksvoll bewiesen, was dann passiert. Dann ginge niemand mehr in die Küche, die Fabrik, das Büro, die Lagerhalle oder ins Beisl. Und falls du dich jetzt fragst, wer dir den Schnaps hinstellt:
Hol ihn dir gefälligst selbst!


Titelbild: FRAUEN*Streik (2025), Wien (Foto: Sascha Osaka, CC BY; Quelle)

Artikel teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.