Tragische Nachlese zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse
Bei der letzten Frankfurter Buchmesse gab es Dutzende Todesopfer, die von der Bücherflut erschlagen wurden, und unzählige weitere Vermisste, die unter wahren Monsterwellen von nicht sachgerecht lektorierter Prosa und Lyrik begraben wurden. Die Rettungsmaßnahmen dauern immer noch an.
Ein ironischer Gastbeitrag von Peter Biro
Wie unser Lokalkorrespondent Michael van der Hornwarts berichtet, kam es am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse völlig unerwartet zu einem Literatur-Tsunami. Ganz im Gegensatz zum Vorjahr, als es lediglich einige leichtverletzte Literaturfreunde gab, die unter umgefallenen Stapeln altfranzösischer Liebeslyrik begraben wurden – und glücklicherweise aufgrund guter medizinischer Betreuung bereits zwei Wochen später aus der Klinik humpeln konnten. Diesmal war es leider ganz anders. Nach Darstellung der Messeleitung hatte niemand die tragischen Folgen der aktuellen Bücherflut vorhergesehen. Daher seien nicht genügend Vorsichtsmaßnahmen gegen die drohende Literaturlawine ergriffen worden.
Ein auf wundersame Weise überlebender Selfpublisher war aus einem zufällig entstandenen Hohlraum unter hochaufgetürmter Survival-Ratgeberliteratur unverletzt hervorgekrochen. Er berichtete, dass ein benachbarter, besonders hoher Stapel von Liebesleid- und Tränenfluss-Romanen, der fast bis zur Decke reichte, auf einmal in sich zusammengefallen war. Er nannte auch die Ursache: Offenbar hatte ein neugieriger Großhändler nach Romanen über riesige Kakerlaken, welche Norweger verspeisen, gesucht. Dabei habe er ein vielversprechendes Exemplar mit dem Titel „Deilige trondhjemmere til frokost“ (dt. Leckere Trondheimer zum Frühstück) aus dem unteren Drittel herausgezogen. Der daraufhin in sich zusammenkrachende Turm fiel auf die rundherum hochgeschichteten Lyrikbände aus Pforzheim sowie die ebenfalls hochragenden Säulen aus dickbändigen Illustrationen bayrischer Türschwellen. Damit begann ein fataler Dominoeffekt.
Diese initialen Zusammenbrüche propagierten sich innerhalb der Halle 9 rasend in alle Richtungen. Binnen Sekunden brachten sie das Gebäude zum Einsturz und griffen auf die benachbarten Hallen über. Als Nächstes gaben die tragenden Elemente der leicht und luftig gebauten Halle 9a mit Literatur zur Diätküche und dezent zensierten Jugendbüchern nach, während sich Unmengen von Hobby- und Bastelbüchern aus der bereits ohnehin überquellenden Halle 6 über den umliegenden Außenbereich ergossen. Entlang der Festhalle wurden obendrein sämtliche Bildschirme zur Darstellung von E-Büchern unter der papierenen Flut von Jungmädchengeschichten mit rosaroten Ponys und lächelnden Delfinen begraben.
Nur die Fantastik-Literatur konnte in der Festhalle eine Weile dem Schwall widerstehen, aber nachdem die ersten Fenster des imposanten Rundbaus geborsten waren, setzte sich die Lawine im Inneren bis zum Haupteingang fort. Sie blieb direkt vor dem Kassenhäuschen stehen, wo erstaunte Neuankömmlinge das dramatische Naturschauspiel einer veritablen sich entfaltenden Literaturlawine mit den eigenen Augen verfolgen konnten.
„Was nun?“, fragt man sich allenthalben. Natürlich versucht man zuerst, die Verletzten zu bergen, die mit der Hilfe von eigens vom Polarkreis eingeflogenen Spürhunden gesucht werden. Große Baumaschinen wie Kräne und Bagger kann man nur mit größter Vorsicht einsetzen, um eventuell überlebende Verschüttete nicht zu verletzen. Erst wenn alle Literaturopfer aus der hoch aufragenden Bücherflut herausgezogen wurden, kann man daran gehen, die tragisch Verstorbenen zu identifizieren und zu bestatten. Vorsichtshalber hat die Stadtverwaltung im großen Blumenbeet vor der Festhalle ein Massengrab in Form eines aufgeschlagenen Buches anlegen lassen. Aber wir alle hoffen, dass es nicht benutzt werden muss.
Wie soeben bekannt wurde, konnten sich einige der größeren Verlagshäuser den Einsatz von Spezialkräften leisten, um wenigstens ihre wertvollsten Ausstellungsobjekte, namentlich die erfolgreichsten Bestsellerromane, aus den Trümmern zu bergen. Eigens aus Okinawa eingeflogene Perlentaucher wagten sich ganz ohne Tauchausrüstung in die Breschen zwischen den aufgetürmten Bücherhaufen. Diese von angesehenen Literaturkritikern geschulten Spezialisten blieben durch ein festes Hanfseil mit ihren Helfern verbunden, an dem sie sich herausziehen ließen, sobald sie der besagten literarischen Perlen habhaft wurden.
Inzwischen sinniert die Leitung der Messebetriebe einschließlich der städtischen Direktion für Festlichkeiten und Alkoholausschank darüber, wie die über Messe, Stadt, Land und Fluss hereinbrechende Bücherflut überhaupt zustande gekommen ist. Dabei gab es warnende Anzeichen, insbesondere von Seiten der Logistikabteilung, deren Chef, Martin Hohenstapen, mehrmals darauf hinwies, dass die vorhandenen Ausstellungsflächen und Hallenhöhen die vorangemeldeten Liefermengen nur unter Nichtbeachtung von Mindestabständen zwischen den Bücherstapeln aufnehmen konnten.
Die auf Gewinnmaximierung bedachte Messeleitung hatte für Hohenstapens Warnungen kein Ohr und bewilligte anstandslos jeden Antrag von Ausstellern, auch von solchen, mit denen man in den Vorjahren noch nicht zusammengearbeitet hatte. Außerdem hat man in der Chefetage den Umstand ignoriert, dass sich die Buchproduktion in letzter Zeit komplett gewandelt hat. Mittlerweile kann jeder der Sprache halbwegs Mächtige mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ganze Romanserien herstellen, die er mittels Online-Tools für Umschlaggestaltung, Layout, Buchdruck und Bindung auf den Markt wirft. Gerade auf diese Weise entstandene Literatur brandete bei der Buchmesse nahezu unkontrolliert an – und kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als die Hauptursache der Katastrophe angesehen werden.
Man kann es nicht oft genug betonen: Die enorme Zunahme von unsachgemäß hergestellten Neuerscheinungen hat man seitens der Messegesellschaft völlig unterschätzt. Sie wurde in ihrer von Gewinnaussicht verursachten Verblendung vom Andrang der zahlreichen Selfpublisher und Garagenverlage buchstäblich überrannt. Mit tragischen Folgen, wie es sich nun gezeigt hat.
Ein erster Vergleich der aktuellen Ausstellerlisten mit denjenigen vom Vorjahr ergab eine Zunahme von 450 %, die vornehmlich auf neue Kleinverlage und unlizenzierte Buchdeckel-Zuschneider zurückging. Es waren vor allem diese Neuzugänge, welche die Ausstellungsflächen und Regalstände mit ihren Vorzeigeprodukten füllten, ja sogar überfüllten. Vorläufige Untersuchungen der technischen Hilfs-, Rettungs- und Aufräumdienste ergaben, dass viel unerlaubtes und unlizenziertes Standmobiliar aus billigen Spanplatten aufgestellt worden war, um den drastisch erhöhten Bücherbestand der neuen Aussteller aufzunehmen. Diese unautorisierten Aufbauten werden verdächtigt, dem Ansturm der Druckerzeugnisse nicht widerstanden und dadurch den Literatur-Tsunami ermöglicht zu haben.
Wie der verantwortliche Leiter der messeeigenen Buchstabensicherheit, Harald Lehmann, auf intensiv bohrendes Nachfragen mitteilte, hatte man zwar rechtzeitig Dämme aus zementverstärkten Handbüchern für Haushaltsgeräte aufgestellt, aber deren Belastbarkeit gegenüber dem anschwellenden Buchdruck um – sage und schreibe – den Faktor 7,5 überschätzt. Außerdem habe man leider die Bruchfestigkeit spiralgebundener Gebrauchsanweisungen falsch berechnet. Statt der vorgeschriebenen kPa hat der inzwischen geschasste Sicherheitsingenieur Anton W. aus O. das amerikanische psi als Maßeinheit verwendet. Zurzeit sitzt er im Untersuchungsgefängnis und muss sich demnächst vor der Staatsanwaltschaft für seine Fehlberechnung rechtfertigen. Über den Angeklagten weiß man in der Öffentlichkeit nur sehr wenig, eigentlich nur, dass er noch nie ein Buch in die Hand genommen hat und sich vor allem der Schwere dramatisch zugespitzter Kriminalromane völlig unbewusst war.
Noch ist es zu früh, um endgültige Schlussfolgerungen aus dem Debakel zu ziehen. Oder gar nachhaltige Konsequenzen anzukündigen. Immerhin: Auch in Leipzig habe man die Frankfurter Ereignisse aufmerksam verfolgt und wolle daraus Konsequenzen ziehen. Welcher Art diese sein könnten, wurde nicht mitgeteilt.
Die Frankfurter Messeleitung hat inzwischen eine lückenlose Aufarbeitung der Ereignisse zugesagt. Der Abschlussbericht soll rechtzeitig zur nächsten Buchmesse in achtzehn Bänden vorliegen und gleich im Eingangsbereich zur wiederaufgebauten Festhalle ausgestellt werden. Für die besonders tragfähige Vorzugsausgabe werden bereits Vorbestellungen entgegengenommen.
Peter Biro, geboren 1956 in Grosswardein (Rumänien), emigrierte 1970 nach Deutschland und absolvierte Schule und Studium in Frankfurt am Main. Von 1987 bis 2021 arbeitete er hauptberuflich als Anästhesiearzt am Universitätsspital Zürich und dozierte als Titularprofessor an der Zürcher Universität. Danach ging er in den Ruhestand, den er für das Schreiben von kulturhistorischen Essays und humoristischen Kurzgeschichten auf Deutsch, Englisch, Rumänisch und Ungarisch verwendet. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt den Roman „Die Faszination gepolsterter Rückenlehnen“ im Verlag ars remata.
Titelbild: Peter Biro / KI-generiert

