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Hausputz in Serbien

Ein Gastbeitrag von Zoran Erić, Belgrad

Am selben Tag, an dem ich diese Zeilen schreibe, am 1. November, sind zwei Jahre vergangen, seit das Vordach des frisch sanierten Bahnhofs von Novi Sad einstürzte und 16 Menschen in den Tod riss. Wer hätte gedacht, dass es nur zwei Jahre dauern würde, bis das autoritäre, korrupte Regime, das für diesen Akt der Fahrlässigkeit – genauer: für dieses Verbrechen – verantwortlich ist, bei den Parlamentswahlen vom 25. Oktober vollständig zusammenbrechen würde? Es war ein Regime, das den Staat „gekapert“ und „privatisiert“, alle Medien mit nationalen Frequenzen an sich gerissen und im ganzen Land zahlreiche Urbizide und Ökozide begangen hatte, wobei es sein Volk zum Vorteil des Anführers und seiner willfährigen Diener opferte. Gestürzt hat es eine selbstorganisierte Studierendenbewegung, die ein völlig anderes Modell des Widerstands und des Kampfes gegen die herrschende Oligarchie einführte. Nach der Tragödie hatten die Studierenden eine sehr einfache Forderungsliste aufgestellt: dass die Institutionen endlich funktionieren und dass alle Verantwortlichen vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden.

Als die Wahlen kamen, beendete diese Bewegung – beruhend auf direkter Demokratie, horizontaler Organisation und kollektiver Führung, mit einer Liste von 250 sorgfältig ausgewählten Kandidatinnen und Kandidaten aus allen Bereichen der Gesellschaft – die 14-jährige Herrschaft der Serbischen Progressiven Partei. Nach vorläufigen Ergebnissen gewann die Studierendenliste 53 Prozent der Stimmen und eine absolute Mehrheit von 141 der 250 Sitze in der Nationalversammlung; die Wahlbeteiligung lag bei fast 69 Prozent, dem höchsten Wert seit zwei Jahrzehnten. Es ist ein seltener Fall in der jüngeren Geschichte, dass ein diktatorisches Regime auf gewaltfreiem, nicht-revolutionärem Weg abgelöst wird – durch eine Bewegung, die an ihren Idealen festgehalten hat.

Als der serbische Diktator, der stets Ankläger und Richter in einer Person war, am Wahlabend vor die Medien trat, gab es kein Leugnen und keine Manipulation des Wählerwillens. Er stellte schlicht fest, dass seine Partei von der Studierendenliste besiegt worden sei. Für uns alle, die wir glaubten, er sei unfähig die Macht friedlich abzugeben, war das ein großer Schock (im positiven Sinne, Anm. UZ).

Sofort kam es zu spontanen Freudenfesten. Das Aufwachen am nächsten Tag in einem „freien Serbien“ glich dem Erwachen aus einem 14 Jahre dauernden Albtraum. Wie wird eine „ideologisch“ heterogene Bewegung auf die drängenden Fragen antworten, die Serbien umgehend zu bewältigen hat? Die Studierenden entschieden sich dafür, das System und seine Institutionen wieder aufzubauen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt wiederherzustellen und die Wunden zu heilen, die ihnen jenes Regime zugefügt hatte, das sie dämonisiert, verprügelt, des Terrorismus bezichtigt und festgenommen hatte.

Um zu verstehen, wie viel wiederaufgebaut werden muss, muss man sich ansehen, was zerstört wurde. Die Liste jener Taten des Regimes, die auf die systematische Verwüstung der Kulturszene und der Wissenschaft abzielten – der wichtigsten Träger von Widerstand, kritischem Denken und aktivem Engagement –, ist viel zu lang. Festivals mit langer Tradition und europäischer Bedeutung, wie BITEF, das internationale Theaterfestival, wurden durch die Berufung willfähriger, inkompetenter Leitungen und mangelnde Unterstützung vollkommen von innen zerstört. Die Reaktion der unabhängigen Kulturszene war ermutigend. Als Gegenveranstaltung zur ausgehöhlten 59. Ausgabe des offiziellen BITEF nahm das alternative NE:BITEF (NON:BITEF) das 60. Festivaljubiläum im Jahr 2027 vorweg: 60 verschiedene Mikro-Szenen, gewidmet der Geschichte dieses bedeutenden kulturellen Zentrums für experimentelles Theater und Kunst, fanden gleichzeitig in der ganzen Stadt Belgrad statt. In den verschiedensten Formaten – Gesprächen, performativen Aktionen, dokumentarischen Ausstellungen und mehr – bewies die gesamte Kulturszene ihr kreatives Potenzial, obwohl sie gezwungen war, in alternativen Räumen und mit Pop-up-Aktionen im Guerilla-Stil zu agieren.

Auch die Universitäten, an denen die Bewegung geboren wurde, waren ständigen Angriffen ausgesetzt: Professorinnen und Professoren, die die Studierenden öffentlich unterstützten, wurden entlassen, und renommierte Forschungsinstitute wurden „diszipliniert“ – mit kommissarischen Direktoren und Gremien ohne jede Kompetenz und ohne international relevante wissenschaftliche Leistungen.

Im Haus muss aufgeräumt werden – mit der korrupten Oligarchie, die alle wichtigen Institutionen übernommen hat; der Druck geht von Berufsverbänden und Kollektiven aus, die Rücktritte und strafrechtliche Ermittlungen fordern. Innerhalb weniger Tage nach den Wahlen trug diese Strategie erste Früchte: Die Direktoren der öffentlich-rechtlichen Sender Radio Televizija Srbije und Radio Televizija Vojvodine traten zurück, und einige der Kriminellen, die das Regime dazu benutzt hatte, die Studierenden zu verprügeln, wurden verhaftet.

Ein gutes Beispiel dafür, wie Institutionen ihre Integrität zurückgewinnen können, ist der Fall der Belegschaft des Zentrums für die Förderung der Wissenschaft: Sie forderte den Rücktritt der politisch eingesetzten kommissarischen Direktorin, trug Belege für deren Fehlverhalten zusammen, verwehrte ihr den Zutritt zum Büro und drängte auf eine Sitzung des Verwaltungsrats – was am 30. Oktober ihre Absetzung zur Folge hatte.

Auch die Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich am „Hausputz“. Sie räumten den Pionirski-Park im Zentrum Belgrads frei, zwischen dem Gebäude der Präsidentschaft und der Nationalversammlung. Der Diktator hatte ihn in ein eingezäuntes Lager für Hooligans und die sogenannten „Studierenden, die studieren wollen“ verwandelt – so nannte das Regime seine Gegendemonstranten –, und der Park diente als Stützpunkt für Vergeltungsaktionen gegen die Protestierenden.

In manchen europäischen Ländern speist sich die größte Sorge aus der fabrizierten Etikettierung der Studierenden als prorussisch, europafeindlich, nationalistisch und so weiter. Vertreterinnen und Vertreter der Studierendenliste haben trotz offensichtlich heterogener Ansichten in vielen Fragen, die noch politischer Antworten harren, bereits mit einer einzigen, starken und einhelligen Stimme geantwortet: „Serbien wird seinen europäischen Weg weiterverfolgen.“ Nun liegt der Ball bei der Europäischen Union: Soll man Serbien weiter im Wartezimmer der Geschichte warten lassen, bis es das Maß an politischer Reife erreicht hat, das Europa von ihm erwartet? Wird es eine Opferzone für die Förderung von Lithium und anderen Rohstoffen sein, die die europäische „grüne Transformation“ benötigt – oder ein gleichberechtigter Partner in der Gemeinschaft der Europäischen Union, einer, der ihre Kernwerte ehrt und pflegt?

Am Samstag, dem 31. Oktober, um 11.52 Uhr – in jener Minute, in der der Baldachin vor zwei Jahren einstürzte – gedachten die Studierenden, wie an jedem Tag seit der Tragödie, ein letztes Mal der 16 Opfer: mit den symbolischen 16 Minuten Schweigen vor der Juristischen Fakultät in Belgrad. Heute, am 1. November, findet die Gedenkfeier in Novi Sad statt. Ein Kapitel der Geschichte ist abgeschlossen, und die Studierenden haben erklärt, dass die Zeit der Verantwortung endlich gekommen ist. Ich möchte hinzufügen: Die Zeit der Rechenschaft – des Hausputzes – hat bereits begonnen.

PS. Wenn ich als Kunsthistoriker bei Heinrich Wölfflin, einem der Gründerväter dieser Disziplin, das Konzept der „Kunstgeschichte ohne Namen“ entlehnen darf: Ich habe in diesem Text bewusst keinen der Protagonisten beim Namen genannt – weil der Name des Diktators es nicht verdient, erwähnt zu werden, und weil es im Geist dieser Bewegung um Solidarität, kollektives Handeln und Commoning als Praxis geht, ohne die „großen Namen“ der „großen Anführer“, die dieses Land verwüstet haben. Hoffen wir, dass dieser Ansatz zum Rezept für globalen Widerstand gegen autoritäre Herrscher wird.


Dr. Zoran Erić, freier Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie und Sozialtheorie der Universität Belgrad


Titelbild: Demonstration in Belgrad am 31. Oktober 2026 mit dem Transparent „Машинци против машинерије“ („Die Maschinenbauer gegen die Maschinerie“). Foto: Nikola Radić Lucati

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