„Warum Krieg?“ – Einstein, Freud und die Hoffnung auf Frieden
Sonntag ist Büchertag: „Warum Krieg? – Zur Aktualität des Briefwechsels von Einstein und Freud“ von Jacques Le Rider + Podcast & Video
Von Michael Wögerer
Im Jahr 1932 initiierte die Internationale Kommission für geistige Zusammenarbeit des Völkerbunds einen Dialog zwischen zwei der bedeutendsten Intellektuellen dieser Zeit: Der Physiker Albert Einstein wandte sich an den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, um nach Wegen zur Verhütung künftiger Kriege zu suchen. Der Kulturwissenschaftler Jacques Le Rider unterzieht diesen historischen Briefwechsel einer scharfsichtigen und hochaktuellen Analyse. Er arbeitet dabei brillant das Spannungsfeld zwischen idealistischem Pazifismus und psychoanalytischem Realismus heraus.
Einsteins institutioneller Weg: Überstaatliches Recht und Abrüstung
Für Albert Einstein liegt der Schlüssel zur Friedenssicherung primär in internationalen Rechts- und Organisationsstrukturen. Seine zentralen Vorschläge umfassen:
- Verzicht auf Souveränität: Die Nationalstaaten müssen einen Teil ihrer Souveränität bedingungslos abtreten und Konflikte einer überstaatlichen Behörde mit legislativen und gerichtlichen Befugnissen unterwerfen.
- Durchsetzbare Machtmittel: Ein internationales Rechtsorgan kann ein Gerechtigkeitsideal nur dann garantieren, wenn es über reale Machtmittel verfügt, um die Einhaltung der Urteile zu erzwingen.
- Gezielte Erziehung: Einstein sieht eine Chance in Bildungs- und Erziehungswegen, welche die Psyche der Menschen widerstandsfähiger gegen Psychosen des Hasses und des Vernichtens machen.
Freuds psychoanalytische Ansätze: Eros, Zivilisation und Vernunft
Sigmund Freud begegnet schnellen Friedensutopien mit analytischer Skepsis, skizziert jedoch auf tiefenpsychologischer Ebene drei entscheidende Gegenkräfte zur menschlichen Aggression:
- Stärkung des Eros und emotionaler Bindungen: Da kriegerische Bereitschaft vom Destruktionstrieb genährt wird, rufen Psychoanalytiker dessen Gegenspieler, den Eros, an. Alles, was Gefühlsbindungen und Identifikationen unter den Menschen herstellt, wirkt dem Krieg entgegen.
- Der Prozess der Kulturentwicklung: Freud stellt die Kernthese auf, dass alles, was die Kulturentwicklung fördert, auch gegen den Krieg arbeitet. Die Zivilisation bewirkt eine fortschreitende Verschiebung der Triebziele und erzeugt bei kultivierten Menschen eine organische Unverträglichkeit gegenüber kriegerischer Gewalt.
- Die Herrschaft der Vernunft: Als wichtigste Zukunftshoffnung nennt Freud den wissenschaftlichen Geist und die Vernunft. Er plädiert für die Erziehung einer Oberschicht selbstständig denkender Menschen zur Lenkung der Massen – mit dem Idealzustand einer Gemeinschaft, die ihr Triebleben der „Diktatur der Vernunft“ unterwirft.

Fazit
Jacques Le Rider verdeutlicht, dass Einstein und Freud zwei komplementäre Wege aufzeigen: Während Einstein auf eine von allen Mächten getragene Rechtsordnung setzt, verweist Freud auf den inneren Wandlungs- und Zivilisationsprozess der Menschheit. Eine schonungslose, aber inspirierende Lektüre über die Bausteine einer friedlicheren Welt.
Jacques Le Rider
Warum Krieg? – Zur Aktualität des Briefwechsels von Einstein und Freud
Picus Verlag, 2023, 64 Seiten
ISBN: 978-3-7117-3029-9
Kostenfreier Download der Wienbibliothek im Rathaus (pdf)
🎧 Podcast:
Ergänzend zu dieser Rezension findest du hier unseren Podcast zum Thema. Darin vertiefen wir die Kerngedanken des Briefwechsels und diskutieren die psychologischen sowie rechtlichen Dimensionen dieser historischen Debatte.
Videotipp: Wiener Vorlesung zu „Warum Krieg? Zur Aktualität von Einsteins und Freuds Briefwechsel“ – Vortrag von Jacques Le Rider, Professor an der École Pratique des Hautes Études (Paris), 28. März 2023:
Titelbild: Illustration von Monika Kohlbacher zum Briefwechsel von Albert Einstein und Sigmund Freud (moniquelalilith.at)

