Belastete Psyche – Was wir jetzt ändern müssen
Gerade in Krisenzeiten verschlechtert sich bei vielen Menschen die psychisch-emotionale Verfassung. Grund dafür sind pandemiebedingte Stressfaktoren wie Zukunftsängste und Isolation. Doch die psychosoziale Versorgung in Österreich war schon vor der Pandemie unterfinanziert, ihr Ausbau ist längst überfällig. Ein Versäumnis, das mitunter fatale Folgen mit sich bringt.
Von Hannah Wahl
Wer spezielle körperliche Beschwerden hat, sucht im Normalfall einen Facharzt auf. Ist jedoch unsere Psyche betroffen, fällt vielen dieser Weg um einiges schwerer: Anhaltende Tabuisierung und Stigmatisierung stellen oft enorme Hindernisse dar. Selbst wenn diese überwunden sind, erhält nicht jede*r sofort die Unterstützung, die benötigt wird. Denn Psychotherapie ist für viele kaum leistbarer Luxus. Ohne Zweifel eine Blamage für den angeblich entwickelten Sozialstaat.
Mehrfachbelastung
Oft als Ziel formuliert, aber im kapitalistischen System logischerweise nie erreicht: Chancengleichheit. Mehrfachbelastete Menschen stehen nicht nur ökonomisch und gesellschaftlich oft auf der Verliererseite, sondern haben folglich auch kaum Zugang zur psychosozialen Versorgung. Denn die kassenfinanzierte Plätze für Psychotherapie sind rar und das verfügbare Kontingent schnell aufgebraucht. Laut österreichischen Bundesverband für Psychotherapie gibt es aktuell nur für 1% der Österreicher*innen Psychotherapie auf Krankenschein.
Anstatt das zum Anlass zu nehmen, mehr Therapieplätze zu schaffen, hat man die Möglichkeit, selbst nach Unterstützung zu suchen und einen kleinen Teil von seiner Krankenkasse zurückzufordern. Dieser organisatorische und finanzielle Aufwand ist für manche Menschen nicht machbar. Liest man solche Beschreibungen des Status-Quo, darf nie vergessen werden, dass es sich dabei u.a. um Menschen mit akuten psychischen Krisen handelt, die sofort Unterstützung erhalten müssten – ein Missstand, der sofort behoben werden muss.
„Stell dir vor, du gehst mit einer Grippe zu deiner Hausärztin und dort erfährst du, dass du nicht behandelt werden kannst, weil es nur ein Kontingent für zehn Grippepatient_innen gibt und das sei bereits ausgeschöpft. Undenkbar? Für Menschen mit psychischen Erkrankungen steht genau das an der Tagesordnung.“ – Beatrice Frasl (Podcasterin und Erfahrungsexpertin)


Danke für den wichtigen Artikel und besonders die klare Bennenung der Dinge.
Kann mich nur anschließen, dass wir ein System abschaffen müssen, das krank macht.
Genau dieses Aspekt wird sonst so häufig ausgeblendet oder einfach ignoriert.
Selten so klare Worte gelesen. #mehrpsychotherapiejetzt