Wer war Mizzi Horak?

Im Sommer 1902 blickten Zeitungen weit über die Österreichisch-Ungarische Monarchie hinaus auf einen kleinen Bahnhof zwischen Bozen und Meran. Im Mittelpunkt stand eine junge Frau aus Wien, kaum 24 Jahre alt, gut ausgebildet, ehrgeizig und in einer Arbeitswelt unterwegs, die Frauen damals allenfalls in der Fabrik oder im Büro duldete. Was in Vilpian am Fuße des Tschögglberges im heutigen Südtirol begann, wurde erst zur Sensation, dann zum Politikum – und schließlich zu einem frühen Lehrstück über die zahlreichen Rückschläge im Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Von Michael Wögerer

Eine junge Wienerin mit klaren Zielen

„Fräulein Horak hat sich zuerst als Kontoristin ihr Brot verdient, dann aber trat sie dem Eisenbahndienst näher“, schreibt das Namslauer Stadtblatt am 5. Juli 1902 (Seite 3).

Mizzi Horak, in manchen Quellen auch Mitzi Horak oder Horack geschrieben, wurde am 27. November 1878 in Wien geboren und hatte ihren Berufsweg nicht dem Zufall überlassen. Als Tochter eines Ministerialbeamten arbeitete sie zunächst als Kontoristin (kaufmännische Angestellte) und konnte später bei der Internationalen Schlafwagengesellschaft Erfahrung sammeln. Ein Bericht aus dem Jahr 1902 beschreibt sie als junge Frau, die schließlich die Telegraphen- und Verkehrsprüfung erfolgreich absolvierte und sich Schritt für Schritt in den Eisenbahndienst vorarbeitete – in einer Zeit, in der Frauen für verantwortliche Aufgaben systematisch ausgesperrt waren. 

Warum ausgerechnet Vilpian?

Dass ihre Laufbahn gerade im kleinen Dorf Vilpian eine historische Wendung nahm, hatte mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu tun. Die Bozen-Meran-Bahn war keine Staatsbahn, sondern ein privates Unternehmen. Genau das schuf jenen Spielraum, den es im staatlichen Eisenbahnwesen damals nicht gab. Auf k.k. Staatsbahnen „durften keine leitenden Posten an Frauen vergeben“ werden, bei einer privaten Bahn konnte man dieses Verbot umgehen, erklärt der Historiker und langjährige Vorsitzende des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes in Südtirol, Günther Rauch, die damalige Situation (RAI Südtirol vom 7. März 2019). 

Dann kam der Tabubruch

Im Sommer 1902 wurde Mizzi Horak zur ersten weiblichen Stationschefin im Habsburgerreich ernannt. Was heute wie eine Selbstverständlichkeit wirkt, war damals ein Affront gegen die männlich dominierte Ordnung und eine Pionierleistung der Frauenbewegung, denn Horak leitete nicht bloß einen symbolischen Posten. Laut Rauch koordinierte sie den Betrieb am Bahnhof, beaufsichtigte Personal, versah Telegraphendienste, stand mit Lokführern in Kontakt und kümmerte sich um Fahrgäste und Abläufe. Gerade weil diese Funktion echte Verantwortung bedeutete, löste ihre Ernennung weit über Südtirol hinaus Aufsehen aus. Zeitungen in Österreich und darüber hinaus griffen den Fall auf.

Sogar bis nach Neuseeland schwappte die Meldung über „Miss Mizzi Horak of Vienna“:

Auckland Star, Volume XXXIII, Issue 227, 24 September 1902, Page 6

Anerkennung im Dorf, Abwehr durch Eliten

Nach den Recherchen von Günther Rauch gewann Horak vor Ort rasch Vertrauen. Die Bevölkerung habe ihr viel Anerkennung entgegengebracht, während Vorbehalte vor allem aus höheren Ämtern, konservativen Kreisen und Teilen des Machtapparats kamen. Dort wollte man Frauen höchstens am Schreibtisch oder im Gepäcksdienst sehen – aber nicht an der Spitze eines Bahnhofs.

Der Rückschlag von 1906

Nach gut vier Jahren endete Horaks Zeit in Vilpian abrupt. Als die private Bozen-Meran-Bahn 1906 in den Staatsbetrieb überging, war für eine weibliche Stationschefin im offiziellen Regelwerk kein Platz mehr. Horak musste ihren Dienst aufgeben, wurde nach Meran und später nach Wien versetzt und verlor genau jene Funktion, die sie berühmt gemacht hatte. Der Bruch zeigt die Härte der damaligen Verhältnisse: Eine Frau konnte ihre Tauglichkeit beweisen – und trotzdem aus einer Führungsposition entfernt werden, weil von Männern geprägte Gesetze und Institutionen Männer bevorzugten. 

Eine Pionierin der Frauenbewegung

Mizzi Horaks Bedeutung reicht weit über Eisenbahngeschichte hinaus. Schon ihre Ausbildung wurde von der Presse als Fortschritt registriert. Ihr Berufsweg bewies, dass Frauen nicht nur mitarbeiten, sondern auch führen konnten. Und als sie später ihre Stellung verlor, wurde ihr Fall zum Politikum. Der Allgemeine Österreichische Frauenverein protestierte gegen die Diskriminierung, Frauenrechtlerinnen machten Horak zur Symbolfigur eines Grundkonflikts: Frauen waren fähig, aber die Regeln waren gegen sie geschrieben. So wurde aus einer Stationschefin eine frühe Pionierin der Frauenbewegung – nicht, weil sie Parolen ausgab, sondern weil ihr Lebensweg die Ungleichheit des Systems sichtbar machte. Dass Horak heute wieder erinnert wird, ist auch dem Gewerkschafter Günther Rauch zu verdanken, der sich als Autor intensiv mit Arbeits-, Sozial- und Zeitgeschichte Südtirols beschäftigt hat.

Mizzi Horak war mehr als eine lokale Kuriosität. Sie war eine Wegbereiterin – erst geduldet, dann bewundert, schließlich zurückgedrängt. Gerade deshalb gehört sie nicht nur in die Geschichte der Eisenbahn, sondern auch in die Geschichte der Frauenbewegung.


Quellen

  • Gespräch von Margot Schwienbacher mit Günther Rauch, in: Sendung „Unser Land“ mit Heike Tschenett, RAI Südtirol, 7. März 2019
          direkter Link zur Podcast-Folge
  • Günther Rauch (Athesia-Tappeiner Verlag)
  • Zeitgenössische Berichte von 1902: Namslauer Stadtblatt; Auckland Star (Neuseeland)

Titelbild: Mizzi Horak (Collage: Unsere Zeitung, Quelle: Wiener Extrablatt, 10. Juni 1902; unsertirol24.com)

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