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Wahlputsch in Honduras: Wie Trump die zentralamerikanische Drehscheibe eroberte

Wahlen sollten Honduras nach Jahren der Instabilität zur Demokratie zurückführen. Doch statt freier Meinungsbildung gab es technisches Chaos, Manipulationsvorwürfe und massive Einmischung von Donald Trump. Ein Bericht über ein Land zwischen Putsch-Erbe und US-Intervention.

Von Leo Gabriel, Tegucigalpa (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft I/2026)

Alle, die sich am 30. November 2025 in Honduras endlich freie Wahlen nach dem Militärputsch gegen den damaligen Präsidenten José Manuel Zelaya (im Volksmund kurz MEL genannt) vom Juni 2009 erwartet hatten, sind jetzt bitter enttäuscht: Nicht nur, dass es auch nach der verfassungsmäßig verankerten Frist von einem Monat eine halbe Million der beim Wahlrat angefochtenen Stimmen wegen angeblicher „technischen Gebrechen“ kein eindeutiges Wahlergebnis gibt; sondern auch, weil durch die massive Intervention von Donald Trump von einer unabhängigen Meinungsfindung nicht die Rede sein kann. Dieser hatte sich nämlich vier Tage vor der Wahl in seiner Plattform TRUTH SOCIAL für Nasry Asfura, den Kandidaten der erzkonservativen Nationalen Partei ausgesprochen und dessen Konkurrenten von der Liberalen Partei und der linken LIBRE (Libertad y Refundación) als „Kommunisten“ verteufelt:

Sollen sich vielleicht Maduro und seine Narco-Terroristen noch eines Landes bemächtigen, wie sie das mit Kuba, Nicaragua und Venezuela getan haben? Der einzige, der die Demokratie verteidigt und gegen Maduro kämpft, ist ‚Tito‘ Asfura“, hatte Trump „getwittert“.

Das hatte anscheinend gereicht, damit unter den etwa zwei Millionen Honduranern, die in den USA leben, das außengesteuerte Gerücht aufkam, Trump würde die so genannten „remesas“ sperren lassen, also jenen Teil der Löhne, den die Fremdarbeiter in den USA dringend brauchen, um ihre Familien zu ernähren.

Dabei war es am Wahltag selbst in den Wahlsprengeln relativ zivilisiert zugegangen, was die internationalen Wahlbeobachter von der EU-Kommission und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) bereits zu positiven Stellungnahmen hinreißen ließ. Erst später erfuhr man, dass die sogenannten „maras“, das sind Jugendbanden, die mit den Drogenkartellen zusammenarbeiten, dafür gesorgt hatten, dass ein großer Teil der elektronischen Geräte, die der Identifikation der Wähler:innen dienen sollten, unbrauchbar waren, weshalb am Wahlabend selbst nur etwa ein Drittel der abgegebenen Stimmen gezählt wurde.

Enttäuschung der Linken

Wenig erfreut zeigten sich auch die zahlreichen Vertreter:innen zivilgesellschaftlicher Netzwerke, die sich erwartet hatten, dass aufgrund der Meinungsumfragen die Kandidatin der linken, noch an der Regierung befindlichen LIBRE (Libertad y Refundación), Rixi Moncada, siegen würde; anstelle dessen schien sie nach den mit großen Verzögerungen vom Wahlrat (CNE Consejo Nacional de Elecciones) verlautbarten Ergebnissen nur an dritter Stelle auf.

Letzteres war, Beobachtern zufolge, vor allem darauf zurückzuführen, dass es ihrer Vorgängerin Xiomara Castro von der LIBRE, der Frau des 2009 mit Unterstützung der Nationalen Partei weggeputschten Expräsidenten José Manuel Zelaya, nicht gelungen war, die Inflation einzudämmen und das bereits bei ihrem Amtsantritt ziemlich heruntergekommene öffentliche Gesundheitssystem zu sanieren. Außerdem warfen viele ihrer Regierung vor, einen großen Teil ihrer Verwandtschaft mit öffentlichen Posten zu versorgen, während viele qualifizierte Arbeitssuchende, die nicht der Partei angehörten, auf der Strecke geblieben waren.

Dabei hat es Xiomara Castro, die Frau des ehemaligen Präsidenten Zelaya, laut übereinstimmenden Statistikern immerhin geschafft, die Armutsgrenze von 63 auf 45 Prozent zu senken, Elektrizität auch in die entlegensten Dörfer einzuleiten und die meisten der vormals halsbrecherischen Straßen zu sanieren. Ein ausschlaggebender Faktor, warum viele, die vor vier Jahren Xiomara gewählt haben, sich diesmal nicht für Rixi Moncada entschieden, war der Umstand, dass die relativ junge Intellektuelle ihr Wahlprogramm auf das Thema „Demokratisierung der Wirtschaft“ angelegt hatte, was in diesem, traditionellerweise von einem Dutzend Großfamilien beherrschten Land, zu einer radikalen Polarisierung geführt hat. Allein deshalb ist die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2021 um ca. 14 Prozent gesunken.

Anatomie des Wahlbetrugs

Als die ersten Wahlresultate bekannt wurden, gingen viele Beobachter davon aus, dass diese auf die eine oder andere Weise, dem in allen Umfragen zweitplatzierten Salvador Nasralla zugutekommen würden, der diesmal für die Liberale Partei kandidiert hat. Nasralla ist ein ehemaliger Sportreporter aus San Pedro Sula, der bei den letzten Wahlen eine Allianz mit LIBRE geschlossen hatte und von 2021 bis 2023 das Amt des Vizepräsidenten bekleidete.

Doch dann wurde die Verlautbarung der Wahlergebnisse durch den Wahlrat plötzlich unterbrochen. Zuerst zwölf Stunden lang und dann immer wieder für kürzere Zeit. Das legte den Verdacht nahe, dass in einem Fall die Stimmen des einen Kandidaten auf den anderen übertragen wurden. Überhaupt schien jetzt das Chaos perfekt zu sein: Die vom Wahlrat zusammengeführten Resultate stimmten nicht mit den Aufzeichnungen der Parteien überein und als Journalisten am Wahlabend versuchten, in die von einer zweifelhaften kolumbianischen Firma gemanagte Computerzentrale einzudringen, wurde ihnen der Zutritt von den Militärs verwehrt.

Außerdem tauchten mehrere Tonaufnahmen auf, in denen der Präsidentin des Wahlrats, Cossette López Osoria von der Liberalen Partei, von noch unbekannter Seite an die 200.000 Dollar angeboten wurden. Marlon Ochoa wiederum, der als Berater von Seiten der LIBRE im Wahlrat CNE vertreten ist, sagte, dass er Beweise dafür hätte, dass in der technischen Zentrale des Wahlrats die Algorithmen verändert wurden.

Wie dem immer auch sei: Der Wahlrat (CNE) entschied am Vortag der am 30. Dezember 2025 abgelaufenen Frist, gegen den ausdrücklichen Willen des Innenministeriums und der linken LIBRE, das vorläufige Wahlresultat als das endgültige festzusetzen und die Amtsübernahme für den 27. Januar anzuberaumen. Demzufolge kommt der erzkonservative Asfura auf 40,27 Prozent der Stimmen, Nasralla von der Liberalen Partei auf 39,53 und LIBRE auf 19,19 Prozent. Ausschlaggebend für den Entscheid des Wahlrats, die Wahlen angesichts des allgemeinen Chaos bei der Stimmauszählung nicht zu wiederholen, war eine Spaltung innerhalb der Liberalen, bei der laut honduranischen Medienberichten ziemlich viel Geld geflossen sein soll.

Der Mann im Weißen Haus begnadigt verurteilten Ex-Präsidenten

Viel entscheidender aber war, was der mächtige Mann im Weißen Haus in Washington aus- und angerichtet hatte.

Nicht nur, dass sich Donald Trump, wie erwähnt, lauthals für den Kandidaten der Nationalen Partei, Nasry Asfura ausgesprochen hatte; er begnadigte plötzlich auch den wohl bekanntesten Drogenboss des Landes, Juan Orlando Hernandez (im Volksmund kurz JOH genannt), der von 2013 bis 2021 (auch mit Hilfe von Wahlbetrügen) die Präsidentschaft erlangt hatte.

JOH war ziemlich bald nach der Abwahl der Konservativen durch Xiomara Castro 2021 verhaftet und unter dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden an ein Gericht in Miami ausgeliefert worden, das ihn wegen des Schmuggels von 400 Tonnen Kokain und unzähliger Waffen in die USA zu 45 Jahren Haft rechtskräftig verurteilte. Jetzt ist er zwar wieder auf freiem Fuß, muss aber befürchten, jederzeit wieder verhaftet zu werden, wenn er die USA verlässt. Inzwischen hat der Justizminister von Honduras bereits einen Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Auf alle Fälle ist die Lage derzeit äußerst angespannt. LIBRE ist unzufrieden, weil ihre zahlreichen Mobilisierungen, in denen sie die Wiederholung der Wahlen gefordert hat, nichts gefruchtet haben. Nasralla ist beleidigt, weil auch er von Trump als „Kommunist“ bezeichnet wurde, obwohl er während seines Wahlkampfs eine total neoliberale Politik verfolgt und sich als großer Freund der USA deklariert hatte; er fordert jetzt eine Nachzählung jeder einzelnen Stimme, „voto por voto“. Dabei gibt es ernsthafte Anzeichen, dass sich ein Teil der Liberalen Partei von ihm abspalten und eine Allianz mit der Nationalen Partei bilden könnte. Auf alle Fälle ist das Konfliktpotenzial bis auf Weiteres sehr hoch.


Leo Gabriel ist Publizist, Filmemacher und Sozialanthropologe. Er lebte 25 Jahre in Lateinamerika, wo er die unabhängige Presseagentur APIA leitete und sozialanthropologische Forschungsprojekte in Nicaragua, El Salvador und Guatemala durchführte.


Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

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