Die GÖAB in einer Zeit der Umbrüche: Politische Perspektiven für die Zukunft
Konflikte, Migration und Polarisierung prägen die Beziehungen zwischen Europa und dem Nahen Osten. Die Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen will in diesem angespannten Umfeld eine klare zivilgesellschaftliche Stimme bleiben – durch Analyse, Dialog und konkrete humanitäre Kooperation. Ein Ausblick auf neue Schwerpunkte zwischen Völkerrecht und praktischer Hilfe.
Von Fritz Fröhlich, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft I/2026)
Die Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB/SAAR) steht heute vor der Aufgabe, auf ein neues politisches Umfeld zu antworten. Gegründet 1982 im Geist der internationalen Dialogpolitik von Alt-Bundeskanzler Bruno Kreisky und über Jahrzehnte von Fritz Edlinger geprägt, war die GÖAB stets mehr als eine Freundschaftsgesellschaft. Sie verstand sich als außenpolitische zivilgesellschaftliche Plattform, als kritische Begleiterin österreichischer Nahostpolitik und als Stimme für Frieden, Völkerrecht und Menschenrechte.
Vier Jahrzehnte später haben sich die politischen Rahmenbedingungen in Österreich, Europa und International grundlegend verändert. Sie sind konfliktreicher geworden, anhaltende Kriege, fragile Staatlichkeit, autoritäre Entwicklungen, soziale Ungleichheit, Klimastress und ökonomische Krisen prägen große Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas. In Europa hat sich die politische Landschaft verändert, geprägt von den gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen der freien Markwirtschaft. Polarisierung, migrationspolitische Spannungen und sicherheitspolitische Narrative beeinflussen zunehmend die Wahrnehmung der Region und reduzieren den Raum für eine offene, frei geführte, differenzierte öffentliche Debatte.
Die GÖAB sollte daher als eine ihrer Aufgaben helfen, eine klare zivilgesellschaftliche Stimme für eine wertebasierte Außenpolitik zu stärken. Grundlage ihrer Arbeit bleiben die Charta der Vereinten Nationen, das internationale Recht, das humanitäre Völkerrecht sowie die universellen Menschenrechte. Die Organisation tritt dafür ein, dass österreichische und europäische Politik gegenüber der MENA-Region im Einklang mit diesen Prinzipien stehen – auch dann, wenn kurzfristige sicherheits- oder innenpolitische Interessen reaktiv eine andere Richtung einschlagen.
Die zukünftige Orientierung der GÖAB sollte daher versuchen, drei strategische Bereiche zu bedienen: Analyse, Dialog und praktische Kooperation.
Erstens kann die Organisation ihre Rolle als Plattform für unabhängige Information und politische Analyse weiter ausbauen. In einer zunehmend emotionalisierten Debatte über den Nahen Osten braucht es Räume für sachliche Betrachtungen. Konferenzen, Hintergrundgespräche, Publikationen und Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen können dazu beitragen, politische Entwicklungen holistischer zu bewerten und mit fundierter Expertise zu Entscheidungsprozessen in Österreich und Europa beizutragen.
Zweitens kann ein strukturierter Dialog Brückenbildung fördern zwischen österreichischen Institutionen, der arabischen Welt und der Zivilgesellschaft. Die GÖAB sollte Begegnungen für Diplomatie, Wissenschaft, Medien und Diaspora weiterhin unterstützen.
Gleichzeitig gewinnt die kulturelle und gesellschaftliche Vermittlungsarbeit im Inland an Bedeutung. Filmfestivals, Bildungsprogramme, kulturelle Veranstaltungen und Dialogformate sollen dazu beitragen, ein realistischeres Bild der Vielfalt arabischer Gesellschaften zu vermitteln und Vorurteilen entgegenzuwirken. Diese Arbeit ist ein Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zu einer sachlicheren politischen Diskussion über Migration, Integration und internationale Verantwortung.
Drittens – und künftig mit wachsendem Gewicht – sollte die GÖAB versuchen, ihre praktische Zusammenarbeit im humanitären und medizinischen Bereich auszubauen.
Die wiederkehrenden Krisen im Nahen Osten zeigen deutlich, dass es neben politischem Dialog konkrete Beiträge zur Stabilisierung und zur Unterstützung der Zivilbevölkerung geben muss.
In Zusammenarbeit mit Gerald Rockenschaub, langjähriger Vertreter der Weltgesundheitsorganisation und ausgewiesener Experte für Gesundheitssysteme in Krisenkontexten, arbeitet die GÖAB am Aufbau einer Plattform für medizinisch-humanitäre Kooperation. Ziel ist es, die vorhandene Expertise in Österreich – insbesondere von Ärztinnen, Ärzten und Apothekerinnen und Apothekern mit arabischem Hintergrund – stärker für internationale Einsätze zu mobilisieren.
Ein Schwerpunkt liegt auf der verbesserten Positionierung dieser Fachkräfte in den sogenannten Surge-Rosters internationaler Organisationen. Dazu gehören Strukturen des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds, der Internationalen Föderation (IFRC), Médecins Sans Frontières sowie weiterer humanitärer Akteure. Neben der Vernetzung umfasst dies auch Information, Beratung und vorbereitende Trainings zu Einsatzanforderungen, humanitären Standards und Arbeitsbedingungen in Krisengebieten.
Dieser Ansatz verbindet fachliche Kompetenz mit Sprach- sowie Regionalkenntnissen und kann damit einen wichtigen Beitrag zur Wirksamkeit internationaler Einsätze im arabischen Raum leisten. Gleichzeitig stärkt er die Rolle Österreichs als verlässlicher Partner im Bereich medizinisch-humanitärer Hilfe.
Parallel dazu wird die GÖAB einen strukturierten Dialog mit der Austrian Development Agency (ADA) aufnehmen, um Möglichkeiten für medizinische Kooperationsprogramme im Nahen Osten auszuloten. Dabei geht es insbesondere um Projekte in den Bereichen Notfallmedizin, Primärversorgung, Public Health, Ausbildung sowie um innovative Formate wie Telemedizin und Training-of-Trainers. Ziel ist es, österreichische Expertise stärker in langfristige Programme zur Stabilisierung von Gesundheitssystemen einzubringen.
Diese Verbindung von kultureller Verständigung, politischem Dialog und konkreter humanitärer Zusammenarbeit entspricht der Überzeugung, dass nachhaltige Stabilität nur durch ein Zusammenspiel gesellschaftlicher, institutioneller und praktischer Zusammenarbeit erreicht werden kann.
Inhaltlich bleiben Migration und Flucht, Bildung, Gesundheit sowie die Unterstützung besonders vulnerabler Gruppen zentrale Handlungsfelder. Migration wird dabei nicht isoliert als sicherheitspolitische Herausforderung verstanden, sondern im Zusammenhang mit Konflikten, wirtschaftlichen Perspektiven, Umweltveränderungen und staatlicher Fragilität.
Um die Wirksamkeit ihrer Aktivitäten zu erhöhen, setzt die GÖAB künftig verstärkt auf Kooperation und Bündelung von Kompetenzen. Eine engere Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kulturinstitutionen, Berufsverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen soll Synergien schaffen und die gesellschaftliche Reichweite der Arbeit erhöhen.
Organisatorisch wird Gesellschaft ihre Tätigkeit auf einen dreijährigen strategischen Programmrahmen aufbauen, der durch jährliche Arbeitsprogramme konkretisiert werden soll. Vorstand und Kuratorium übernehmen dabei eine stärkere strategische und beratende Rolle. Transparenz, externe Finanzkontrolle bei größeren Projekten sowie die Einhaltung eines Ethik- und Verhaltenskodex bleiben zentrale Grundsätze der Organisationsführung.
Damit knüpft die Organisation an das politische Vermächtnis ihrer Gründung an: die Überzeugung, dass nachhaltige Sicherheit nicht durch Abschottung oder Machtpolitik entsteht, sondern durch Kooperation, gelebte Solidarität und gegenseitiges Verständnis. Die GÖAB will auch in Zukunft dazu beitragen, dass diese Perspektive in der österreichischen und europäischen Politik gegenüber der arabischen Welt eine klare Stimme erhält. Für eine friedliche Zukunft der Europäischen Nachbarschaft mit der MENA-Region wird dies unabdingbar sein.
Vorstand
Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen
Ehrenpräsident: Bundesminister a. D. Karl Blecha
Präsident: Fritz Fröhlich
Vizepräsidentin: Muna Duzdar
Vizepräsident: Stefan Schennach
Vizepräsident: Mohammed Al Abed
Generalsekretärin: Jasmina Kremmel
Kassier: Reinhard Ammer
Kontrolle: Robert Kobau
Weitere Mitglieder: Reinhart Waneck (Staatssekretär a. D.), Mohamed Salama (Österreich-Ägyptische Gesellschaft), Gebhard Johann Fidler (Präsident Austrian Society for the Advancement of Global Understanding), Abdel Hamid Lahami (Vizepräsident Österreich-Marokkanische Gesellschaft), Sami Ayad, Gerald Rockenschaub (früherer WHO-Direktor für Gaza & West Bank), Karl Thomas Büchele, Berndt Anwander (Volxkino/St.Balbach Art Production), Tamador Agha (ehem. Omar; UNHCR Team Austria), Mustafa Abdel Hadi
Fritz Fröhlich verfügt über mehr als 35 Jahre Erfahrung in internationaler Entwicklungszusammenarbeit, humanitärer Hilfe und Diplomatie mit Schwerpunkt Naher Osten. Er war unter anderem für die Swiss Agency for Development and Cooperation im Eidgenössischem Department für Auswärtige Angelegenheiten, das UNRWA sowie die Gesellschaft für Österreichische-Arabische Beziehungen (GÖAB) tätig. In diesen Funktionen leitete er Programme, koordinierte internationale Partnerschaften und vertrat entwicklungspolitische Anliegen auf diplomatischer Ebene. Nachdem Tod seines Freundes Fritz Edlinger übernahm er die Leitung der GÖAB.

