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Wohin können junge Menschen mit ihren Sorgen?

Meriel Meiling möchte Jugendlichen heute das geben, was in der Gesellschaft oft durch die Maschen des Systems fällt und gründete dafür «Safe & Seen». Im Gespräch mit Urs Heinz Aerni spricht sie über Leistungsdruck, mentale Gesundheit und darüber, warum viele bestehende Hilfsangebote junge Menschen nicht erreichen.

Urs Heinz Aerni: Meriel Meiling, Sie gehen mit Ihrem Anliegen in die Öffentlichkeit, jungen Menschen Unterstützung zu bieten. Bevor wir detailliert zu Ihrem Angebot kommen: Sie selbst haben die Jugend- und Teenie-Jahre hinter sich, noch nicht allzu lange her. Welche Umstände haben Sie bewogen, der Jugend einen Support anzubieten?

Meriel Meiling: Bei jungen Menschen habe ich immer das Gefühl: „Ich verstehe dich“ und sympathisiere sehr stark mit ihnen. Für mich war das Erwachsenwerden so schwierig. Man fühlt sich oft unsicher und hat Angst, Fehler zu machen. So sehr, dass man sich selber permanent unter Druck setzt, alles richtig zu machen, damit andere einen mögen und stolz sind. Und dabei vergisst man, dass man sich erst kennenlernt und herausfindet, wer man ist, und sich nicht so stark beurteilen sollte. Ich bin jetzt so langsam dort angekommen, wo ich mein Leben und mich sehr mag und mich toll fühle. Und als ich gemerkt habe, wie viele junge Menschen mit genau den gleichen Gedanken und Unsicherheiten kämpfen, wurde mir klar, dass ich ihnen etwas mitgeben kann und möchte.

Aerni: Die Digitalisierung, der Leistungsdruck in Ausbildung und Schule oder die Sozialen Medien, die einen Boom an «Selbstoptimierung» auslösten, vereinfacht wohl das Leben der jungen Menschen nicht. Allerdings gibt es nicht wenige Anlaufstellen und Hilfeprogramme von Behörden, Schulen und anderen Einrichtungen. Aber das scheint nicht zu reichen. Warum nicht?

Meiling: Die Hemmschwelle ist einfach zu hoch, solche Angebote zu nutzen. Ich höre oft: „Ich trau mich nicht.“ Es ist einfach schwer, persönliche Dinge mit anderen zu teilen und zu sagen, was einen beschäftigt. Und wenn man das nicht schafft, weil man nicht zeigen möchte, wie es einem wirklich geht, dann ist man ständig allein mit seinem Innenleben.

Aerni: Und hier gilt es anzusetzen?

Meiling: Ja, genau. Es geht eigentlich darum, Vertrauen aufzubauen. Das ist für mich das Allerwichtigste. Ich teile deshalb immer auch Dinge von mir. Wie ging es mir zum Beispiel damit, im Alltag Panikattacken zu haben? Was kann man tun? Wie können Freunde oder die Familie einen unterstützen? Denn nur wenn ich mich offen und verletzlich zeigen kann, gebe ich ihnen das Gefühl, dass sie das auch dürfen.

Aerni: Stress, Selbstunsicherheit und irritierende Gefühle kollidieren mit dem Wunsch nach Selbstvertrauen, Sicherheit und angstfreier Lebensgestaltung. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Fehler in unserem Gesellschaftssystem?

Meiling: Für mich geht es darum, welche Glaubenssätze durch das eigene Umfeld – Familie, Freunde, Lehrpersonen, Social Media – entstehen. Wenn ich als junger Mensch überzeugt bin: „Ich bin nicht okay, wie ich bin“, dann sucht man den eigenen Wert im Außen. Und die Gesellschaft liefert dafür gleich die perfekte Checkliste. Man ist dann „gut“, wenn man die klassischen Punkte abhaken kann: gute Noten in der Schule, gute Ausbildung, gut bezahlter Job, gute Partnerschaft, etc. Nur wenn man da mitzieht, ist man etwas wert. Aber das Verständnis, dass man sein eigenes Leben nicht so gestalten muss, hinterfragen die wenigsten. Die Botschaft: „Ich darf auch anders sein und bin trotzdem okay, gut und wertvoll“, bekommt man kaum mit. Was ich deswegen mitgeben möchte: den Mut, das Selbstvertrauen und das generelle Vertrauen, den eigenen Weg auf die eigene Art zu gehen.

Aerni: Statt lange drumherum zu reden, appellieren Sie an das Tun. Zum Beispiel mit einem SOS-Toolkit. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Meiling: Für mich ist es immer schrecklich, wenn jemand kommt und sagt: „Schau, das brauchst du.“ Ohne auch nur eine Sekunde zugehört zu haben. Ich hatte letztes Schuljahr eine Klasse. Wir haben uns in zwei Schulstunden auf ihr Hauptthema geeinigt: „Ich habe so viele Gedanken und Ängste im Kopf“. Dann durften sie entscheiden, wie sie dazu Informationen erhalten möchten – ein „Booklet für den Rucksack“ – und sich Inhalte wünschen. So entstand dann das SOS-Toolkit für Panikattacken, damit sie in solchen Situationen schnell konkrete Hilfe zur Hand haben.

Aerni: Und? Wie waren die Reaktionen?

Meiling: Die Schülerinnen waren so happy mit dem Büchlein, weil sie genau das bekamen, was sie gebraucht haben. Für viele war das eine einfache Möglichkeit, sich mit dem Thema zu befassen. Und viele haben mir geschrieben und gefragt, wie sie nach dem Büchlein mit dem Thema weitermachen können. Nur so geht es aus meiner Sicht: zuhören und mitgestalten lassen. Aus genau solchen Rückmeldungen entstehen übrigens viele Angebote. Die WhatsApp-Challenge „Exam Ready“ ist entstanden, weil mir eine Schülerin geschrieben hat, dass sie nach einer verhauenen Prüfung Angst vor der nächsten hat und nicht weiß, wie sie ihr Selbstvertrauen wieder aufbauen kann.

Aerni: Einerseits können sich junge Menschen direkt via Website mit konkreten Anliegen melden. Andererseits bieten Sie Schulen und Bildungseinrichtungen Veranstaltungen an. Was gehört alles dazu?

Meiling: Ich öffne als hundertprozentig authentische Meriel eine Tür zum Thema „Mentale Gesundheit“ und positioniere mich als Vertrauensperson. Deswegen sind Workshops auch ideal. Jeder steht nämlich an einem anderen Punkt. Und genau dort hole ich die jungen Menschen ab. Manche setzen sich zum ersten Mal bewusst mit dem Thema auseinander. Manche bekommen erste hilfreiche Übungen für den Alltag, wie das gemeinsam entwickelte SOS-Toolkit. Manche kommen danach zu mir und fragen, wie sie weitermachen können. Mit ihnen arbeite ich dann 1:1 zu Themen wie Selbstwert, Ängsten oder Stress weiter. Andere sagen: „Du hast mir Mut gemacht, dass ich die Therapie jetzt anfangen möchte.“

Aerni: Und wie geht es dann weiter?

Meiling: Dann leite ich sie an die passende Fachperson weiter und unterstütze sie bei der Suche nach einem Therapieplatz. Safe & Seen soll kein Workshopanbieter sein, der einmal kommt und wieder verschwindet. Mentale Gesundheit ist wie Fitness. Ein Workshop allein reicht nicht. Es geht darum, immer wieder zu üben und neue Gewohnheiten im Alltag aufzubauen. Genau deshalb möchte ich Safe & Seen so weiterentwickeln, dass junge Menschen auch zwischen den Workshops und langfristig begleitet werden.

Aerni: Sie sind noch jung, aber blicken schon auf die Teenager- und Jugendjahre zurück. Was haben Sie selbst in dieser Zeit vermisst?

Meiling: Ich hätte mir gewünscht, dass ganz selbstverständlich über mentale Gesundheit gesprochen wird. Dass jemand sagt: Es ist normal zu zweifeln, Angst zu haben, unsicher zu sein oder sich für Dinge zu schämen. Und dass es Stärke ist, sich zu öffnen und sich an jemanden zu wenden. So und so geht das. Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, dass in meiner Schule je eine Stunde zum Thema mentale Gesundheit gemacht wurde. Auch die Klassenlehrpersonen haben nie gefragt: Wie fühlt ihr euch in der Klasse? Wie wollt ihr als Gemeinschaft sein? Für was steht ihr? Wie gehen wir damit um, wenn jemand von uns Angst hat, in die Schule zu kommen? Es gab keine Kultur, in der über mentale Gesundheit gesprochen wurde. Man wurde einfach alleine gelassen.

Aerni: Was kommt heute auf junge Menschen zu, was Sie jedoch damals noch nicht kannten?

Meiling: Ich glaube, junge Menschen haben heute weniger echte Begegnungen. Und genau dort lernen wir eigentlich, wie das normale Miteinander funktioniert: Miteinander reden, Konflikte lösen, füreinander da sein und sich vertrauen.

Aerni: Hätten Sie ein Beispiel?

Meiling: Eine Schulklasse hat sich als Hauptthema „Echte Verbindung und Vertrauen in Beziehungen“ ausgesucht. Als Inhalte haben sie sich zum Beispiel gewünscht: „Wie findet man echte Freunde?“, „Wie führt man eigentlich eine gute Freundschaft?“ Oder: „Wie kann ich für meine Freundin da sein, wenn es ihr schlecht geht?“ Da dachte ich zuerst: Krass, das ist doch total klar. Aber genau das war für mich ein wichtiger Moment. Nicht urteilen, sondern zuhören und verstehen. Für viele junge Menschen sind diese Dinge heute eben nicht mehr selbstverständlich. Ich glaube, dass weniger echte Begegnungen und die Kommunikation über Social Media ihren Teil dazu beitragen.

Aerni: Welche persönlichen und beruflichen Erfahrungen bringen Sie in Ihr Engagement ein?

Meiling: Also wenn man rein fachlich schaut, habe ich Wirtschaft und Psychologie studiert, später fünf Jahre Führungspersonen gecoacht und eine Ausbildung zur Jungscharleiterin in der Tasche…

Aerni: … vergleichbar mit Pfadfinder oder Jungwacht (katholischer Kinder- und Jugendverband in der Schweiz, Anmerkung der Redaktion).

Meiling: Genau. Viel wichtiger sind für mich aber mein Mindset und meine persönlichen Erfahrungen. Ich habe Lust darauf, andere zu befähigen. Dazu gehört für mich, gut zuzuhören, mich in Menschen hineinzuversetzen und zu spüren, was sie in einem bestimmten Moment gerade brauchen. Dazu gehört auch die Offenheit, über die eigenen Erfahrungen zu erzählen und ich beschäftige mich seit über zehn Jahren intensiv mit den Themen Angst, Selbstwert, Stress, Erschöpfung und Beziehungen. Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit ist die Kommunikation. Wie sage ich etwas, damit es ankommt? Wie bereite ich Inhalte so auf, dass sie leicht verständlich sind, gut ankommen und Lust machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Aerni: Sie sehen sich auch als Vermittlerin?

Meiling: Ja, die richtigen Menschen zusammenbringen ist immens wichtig. Wissen, wer was kann und wohin ich jemanden weitervermitteln kann. Aber auch zu sehen, wo etwas entsteht, wo Zusammenarbeit sinnvoll wäre und wo ich mein Know-how und meine Erfahrungen einbringen kann.

Aerni: Viel Erfolg wünsche ich Ihnen!


Meriel Meiling, geboren 1992, lebt in Zürich. Nach dem Studium der Wirtschaft und Psychologie begleitete sie fünf Jahre Führungspersonen in ihrer beruflichen Entwicklung. 2026 gründete sie Safe & Seen. Mit ihrem Unternehmen entwickelt sie gemeinsam mit jungen Menschen alltagsnahe Angebote zur mentalen Gesundheit und arbeitet dafür mit Schulen, Organisationen, Unternehmen und weiteren Institutionen zusammen. Ihr Ziel ist es, mentale Gesundheit zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags junger Menschen zu machen.


Titelbild: Meriel Meiling – Quelle: pd

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