Die Auswirkungen des Irankriegs auf die chinesische Belt and Road Initiative (BRI)
Von Andreas Breinbauer, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)
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Die BRI als wichtigstes Werkzeug der Außenwirtschaft und politischen Außenbeziehungen
Die seit 2013 gegründet Belt and Road Initiative (BRI) ist auch im neuen chinesischen 15. Fünfjahresplan (2026-2030) (1) als wichtigstes außenwirtschaftliches und eines der bedeutendsten außenpolitischen Instrumente Chinas auf dem Weg zur globalen Supermacht verankert und soll weiter ausgebaut und vertieft werden. In den letzten Jahren gewinnt die BRI an Bedeutung, weil die Binnenwirtschaft in China weiterhin stark schwächelt, vor allem wegen des schwachen Binnenkonsums. Gehen weltweit rund drei Viertel der globalen Wirtschaftskraft auf den Verbrauch zurück, beträgt dieser Anteil in China nur 54 bis 56 Prozent. (2) Trotz staatlicher Maßnahmen springt der Binnenkonsum nicht richtig an, weil chinesische Haushalte ihr Vermögen in Immobilien (geschätzte drei Viertel des chinesischen Vermögens) investiert haben und nun um deren Abwertung fürchten. Die gigantische Immobilienkrise macht kaum Lust auf weitere Ausgaben, die sich nicht rechnen. Die Exportwirtschaft ist somit die wesentlichste Stütze für das Wirtschaftswachstum, und die BRI ist dabei der wichtigste Katalysator. Als Motive für die BRI gelten für China: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum, politische Stabilität, Internationalisierung der chinesischen Währung und vor allem der Zugang zu Ressourcen und Energie sowie die geopolitische und geoökonomische Ausweitung des Einflusses auf dem Weg zur Weltspitze. Die BRI ist daher bei Weitem nicht nur ein Infrastrukturentwicklungsprojekt (das ist der sichtbare Teil der BRI): Vielmehr handelt es sich um ein multidimensionales Konnektivitätsnetzwerk, in dem China mit möglichst vielen Staaten (derzeit 149 Länder, darunter auch Österreich), Regionen und Institutionen der Welt zusammenzuarbeiten möchte. Im Kern sind dies: Politik, Finanzen, Handel, Investitionen, Bildung, Wissenschaft und Kultur und weitere innovative Bereiche wie Nachhaltigkeit, E-Commerce, Künstliche Intelligenz etc.
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Die BRI als Erfolgsstory, auch im Nahen und Mittleren Osten
Die BRI ist aus chinesischer Sicht eine Erfolgsstory, die meisten Ziele wurden umgesetzt. (3) Seit 2013 wurden von ca. 1,4 Bio. USD in die Seidenstraßenländer gelenkt, 2025 war das engagierteste Jahr im Sinne der BRI, mehr als 213 Mrd. USD sind in das Projekt geflossen, vor allem in die Erdöl- und Erdgasgewinnung, grüne Energie und in den Metall- bzw. Bergbausektor. (4) Dabei war der Nahe und Mittlere Osten zuletzt eine Schwerpunktregion. Der Iran, seit 2018 Seidenstraßenmitglied, ist ein wichtiger strategischer Partner. 80 % des iranischen (für China sehr günstigen) Erdöls – das waren 2025 auch unter Umgehung der US-Sanktionen, 13,4 % der maritimen Ölimporte Chinas (5) – gingen in das Reich der Mitte. Die sechs Mitglieder des Gulf Cooperation Councils (GCC, alle ebenfalls Seidenstraßenmitglieder: Saudi-Arabien, Oman, Kuwait, Katar, Bahrein und die Vereinigten Arabischen Emirate) bekamen von China insgesamt 128 Mrd. USD, wesentlich befördert durch die BRI, die auch das Handelsvolumen im Jahr 2024 auf 326 Mrd. USD getrieben hatte. Die Beziehung dieser sechs Golfstaaten kann am besten als eine Form der „strategischen Komplementarität“ (6) verstanden werden, in der Chinas neuer staatlich gelenkter Kapitalismus, der auf Ressourcensicherheit und neue Märkte abzielt, mit den strategischen Imperativen des GCC zur wirtschaftlichen Diversifizierung übereinstimmt. Vielmehr als die USA adressiert China sein Engagement an den Entwicklungsprioritäten der GCC und ist damit sehr erfolgreich. Chinas Staatsunternehmen sind inzwischen in das Energieökosystem des GCC eingebunden und finanzieren bzw. bauen nachgelagerte Assets wie Raffinerien und petrochemische Anlagen. Weiters investieren die staatliche oder staatsnahe Hafenbetreiber (COSCO Shipping und Hutchison Port Holdings) in Häfen, sowohl am Persischen Golf als auch am Roten Meer. Die VAE sind der wichtigste logistische Umschlagshub der Region, über den fast zwei Drittel der Exporte Chinas nach Europa, Mittlerer Osten und Afrika abgewickelt werden und damit für den Handel Chinas auf allen Modi, insbesondere Luftfacht und Seetransport sehr wichtig sind. (7)
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Die Auswirkungen des Irankriegs auf die BRI
Da die BRI außenwirtschaftliche und außen- bzw. geopolitische Aspekte auf unterschiedlichsten Ebenen umfasst, sind auch die Auswirkungen des Irankriegs vielfältig. Die meisten Folgen betreffen nicht nur China, sondern auch den Rest der Welt, aber in unterschiedlicher Intensität.
3.1. Wachstumsdämpfung
Je länger der Krieg andauert, desto negativer die Auswirkungen durch Verknappung von Erdgas-, Erdöl und daraus generierten Produkten, wie Düngemittel, Kerosin für die Luftfahrt und Marinediesel für die Schifffahrt. Produkte und Dienstleistungen werden teurer oder sind nicht mehr verfügbar, Lieferketten unterbrochen. Ein möglicher Einbruch der Weltwirtschaft mit Rückgang der Nachfrage trifft den Exportweltmeister China (1,2 Bio USD Handelsbilanzüberschuss im Jahr 2025) (8) besonders hart. Nach dem Outlook der WTO (9) könnte der Irankrieg das Wachstum des Welthandelsvolumens im Jahr 2026 auf 1,9 % reduzieren, nach einem Wachstum von 4,6 % im Jahr 2025. (10)
3.2. Energieversorgung
China ist der größte Ölimporteur der Welt, ca. 40-50 % der chinesischen Ölimporte kommen aus den Golfstaaten, auch aus dem Iran. Wenn die US-Army den Öltransport aus der Straße von Hormuz kontrolliert, dann hat die US-Administration ein weiteres Druckmittel neben dem Malakka-Dilemma. Die Straße von Malakka, einer weiteren noch wichtigeren Versorgungsroute über den Seeweg nach China (80 % des Öls nach China passiert diese Meeresenge), wird bereits de facto von der US-Navy kontrolliert. (11) China hat daher größtes Interesse, dass die Straße von Hormuz wieder geöffnet wird. (12)
3.3. Infrastrukturlogistik
Durch den Irankrieg wurden direkt Infrastruktureinrichtungen angegriffen, Ölproduktionsinfrastruktur, Bahnlinien und Brücken sowie die iranischen Schlüsselhäfen Chabahar und Bandar Abbas, was die Rolle von Iran als Brückenkopf zwischen Zentralasien, Südasien und Nahem Osten stark geschwächt hat. Die iranischen Vergeltungsschläge auf die anderen Golfstaaten haben jedenfalls auch schwer getroffen. Die Folge ist, dass das erweiterte Krisengebiet logistisch gemieden oder nur unter extrem hohen Risikoaufschlägen per See- oder Luftfracht versorgt wird; die Luftfrachtpreise haben sich verdoppelt und Seefrachtpreise haben sich von Südostasien – Europa durch Bunkerzuschläge von 300 USD pro 40 Fußcontainer gegenüber dem Vorkriegsniveau deutlich erhöht (Stand 22.4.2026: 2.700 USD insgesamt). Was die Seefracht von China nach Europa betrifft (90 % der Lieferungen gehen über das Meer) fahren seit den Huthiangriffen im Roten Meer (Beginn Ende 2023) so gut wie alle Reedereien über das Kap der Guten Hoffnung, was die Fahrtdauer auf 50-55 Tage verlängert. Dadurch gewinnen die Bahnverbindungen zwischen China und Europa an Bedeutung. Vor allem die Nordroute über die Transsibirische Eisenbahn, über die verstärkt nicht sanktionierte Produkte von China durch Russland nach Europa transportiert werden. Auch der mittlere Korridor wird wichtiger, allerdings von einem niedrigen Niveau ausgehend (nur 5 % der gesamten Bahntransporte). Es müssen dabei die Kaspische See und das Schwarze Meer durchquert werden, was sich allerdings viel zu kompliziert und aufwändig für einen schnellen Transport darstellt.
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Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Der größte Effekt des Irankriegs auf die Belt and Road Initiative ist die Eintrübung der Weltwirtschaft und somit der Nachfrage und der damit verbundenen Schwächung der chinesischen Exportwirtschaft, die das chinesische Wirtschaftswachstum trägt und maßgeblich durch die BRI vorangetrieben wurde. China hat mit der BRI in den letzten Jahren seine wirtschaftliche und politische Macht im Nahen und Mittleren Osten und in der Welt stark ausgebaut, in dem es sein Engagement (anders als die USA) eng an die Entwicklungsstrategien dieser Länder ausgerichtet hat. Die Abhängigkeit von den Erdöllieferungen aus der Region ist aber nach wie vor sehr hoch und riskant. China ist daher, wie der Rest der Welt, an einer raschen Friedenslösung interessiert. Manche Expert:innen sehen den Konflikt USA – Iran auch als geopolitische Chance für China. Jedes Mal wenn die USA in einen militärischen Konflikt geraten, stärke das die relative globale Macht Chinas, einerseits, weil die militärischen Kapazitäten in dieser Region gebunden sind und andererseits weil der Irankrieg die Beziehungen der USA zu den Alliierten schwächt (13) und der Konflikt gleichzeitig die bis dato so überragende US-Soft Power verpulvern lässt. China hat es über die BRI jedenfalls geschafft, alternative Beschaffungs- und Absatzmärkte dieser Krisenregion aufzubauen und ein profundes De-Risking mit alternativen Lieferketten zu betreiben, etwas, was in der EU oft gefordert, aber bis lang wenig umgesetzt wurde.
Andreas Breinbauer ist Rektor und Professor sowie Studiengangsleiter des Masterstudiengangs Logistik und Strategisches Management an der FH des BFI Wien sowie Vizepräsident der Fachhochschulkonferenz, der Interessensvertretung der österreichischen Fachhochschulen. Sein Forschungsschwerpunkt ist u. a. seit 2014 die chinesische Seidenstraßeninitiative (Belt and Road Initiative)
Fußnoten und Literaturverzeichnis finden Sie hier.
Titelbild: Hafen von Mombasa an Kenias Küste des Indischen Ozeans (flickr.com/public domain)

