Mein Raum, dein Raum, unser Kampf
Warum feministische Räume über unterschiedliche Erfahrungen sprechen müssen
Kommentar von Nina Maron
Es gibt Diskussionen, bei denen man sich inzwischen beinahe nicht mehr traut, eine Frage zu stellen. Die Frage nach geschützten Frauenräumen gehört dazu. Wer sie stellt, landet schnell in einer Schublade: TERF. Das Wort steht ursprünglich für „Trans-Exclusionary Radical Feminist“, wird inzwischen aber häufig als Kampf- und Abwertungsbegriff verwendet. Dabei werden sehr unterschiedliche Positionen über einen Kamm geschoren: von tatsächlich transfeindlichen Menschen bis zu Feministinnen, die Transrechte anerkennen und trotzdem über weibliche Sozialisation, Körper, Gewalt und geschützte Räume sprechen wollen. Das halte ich für eine Sackgasse. Denn man kann die Existenz und Identität von Transfrauen anerkennen und gleichzeitig darüber sprechen, dass nicht jede Frau dieselbe Lebensgeschichte hat.
Zwei Erfahrungen können gleichzeitig wahr sein
Transfrauen haben Diskriminierung erfahren. Sie können Gewalt, Ausgrenzung, Beschimpfungen und gesellschaftlichen Druck erleben. Transfeindlichkeit ist real und muss bekämpft werden. Aber daraus folgt nicht, dass jede Erfahrung von Frauen identisch ist. Wer als Mädchen aufwächst und als Mädchen behandelt wird, erlebt von frühester Kindheit an eine bestimmte Form gesellschaftlicher Zurichtung:
Wie man sich zu kleiden hat. Wie laut man sein darf. Wie viel Raum man einnehmen darf. Welche Berufe als passend gelten. Wann man „zu viel“ ist. Wann man „zu sexy“ ist. Wann man „nicht weiblich genug“ ist. Und irgendwann kommt möglicherweise die Erkenntnis: Der eigene Körper kann schwanger werden.
Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, möglicherweise Fehlgeburten, Abtreibungen, Wechseljahre und all die medizinischen Erfahrungen, die damit verbunden sind.
Es bedeutet aber auch etwas Gesellschaftliches: Frauen werden weltweit noch immer anders behandelt, weil sie Frauen sind. Darüber zu sprechen, bedeutet nicht, Transfrauen ihre Weiblichkeit abzusprechen.
Es bedeutet, Unterschiede in Biografien anzuerkennen.
Virginia Woolf und das eigene Zimmer
Virginia Woolf schrieb in A Room of One’s Own über die Notwendigkeit eines eigenen Raumes für Frauen – eines Ortes, an dem Frauen denken, schreiben, arbeiten und sich selbst verwirklichen können.
Dieser Raum war nie bloß ein Zimmer. Er war ein Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, in der Frauen keinen eigenen Raum zugestanden bekamen.
Vielleicht sollten wir uns heute deshalb fragen: Darf Feminismus noch Räume schaffen, die aus bestimmten gemeinsamen Erfahrungen heraus entstehen?
Ein Raum für Frauen muss nicht automatisch ein Raum gegen Transfrauen sein. Aber ein feministischer Raum kann beispielsweise über weibliche Sozialisation, Schwangerschaft, Geburt, reproduktive Rechte, sexualisierte Gewalt oder die gesellschaftliche Erfahrung des Frauseins sprechen. Und es gibt Lebensrealitäten, die Transfrauen, die ursprünglich männlich sozialisiert wurden, nicht in derselben Weise erfahren haben. Das ist keine Hierarchie. Es ist eine Differenz. Und Differenz muss im Feminismus besprechbar bleiben.
Der Körper ist politisch
Der alte feministische Satz „Mein Körper gehört mir“ ist heute noch genauso wichtig wie damals. Denn Frauenkörper sind nach wie vor politisch. Frauen übernehmen einen überproportionalen Anteil unbezahlter Care-Arbeit. In Österreich lag die Teilzeitquote von Frauen 2025 bei 49,8 Prozent, jene der Männer bei 14 Prozent. Bei Frauen mit Kindern unter 15 Jahren lag die aktive Teilzeitquote sogar bei 75,3 Prozent, bei Männern mit Kindern bei 8,5 Prozent. Auch beim Einkommen besteht weiterhin eine erhebliche Differenz: Der Gender Pay Gap lag in Österreich 2024 bei 17,6 Prozent. Das sind keine theoretischen Debatten. Das sind Lebensrealitäten.
Und dann ist da die Medizin
Frauen wurden in der medizinischen Forschung und Versorgung lange nicht ausreichend berücksichtigt. Symptome, Medikamente, Diagnosen und Krankheitsverläufe wurden vielfach am männlichen Körper orientiert. Der weibliche Körper wurde zum „abweichenden“ Körper. Noch heute ist es deshalb notwendig, medizinische Forschung nach Geschlecht und biologischen Faktoren differenziert zu betrachten – beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Medikamentenwirkungen oder reproduktiver Gesundheit.
Und dann ist da Gewalt
Frauen werden aufgrund ihres Geschlechts sexualisiert, kontrolliert, misshandelt und ermordet.
Das bedeutet nicht, dass Männer keine Opfer von Gewalt werden. Und es bedeutet selbstverständlich auch nicht, dass Transfrauen keine Gewalt erleben.
Aber feministische Politik beschäftigt sich gerade deshalb mit geschlechtsspezifischer Gewalt: weil Gewalt gegen Frauen strukturelle Ursachen hat. Wenn eine Frau vergewaltigt wird, interessiert uns nicht nur der individuelle Täter. Wir fragen auch: Welche gesellschaftlichen Bedingungen ermöglichen diese Gewalt? Welche Machtverhältnisse stehen dahinter? Warum wird Frauen immer wieder vermittelt, dass sie sich schützen, vorsichtig sein und ihren Körper kontrollieren müssen? Diese Fragen verschwinden nicht dadurch, dass wir heute differenzierter über Geschlecht sprechen.
Der Fall Maja S.
Genau deshalb lohnt sich auch ein Blick auf die aktuelle Debatte um Maja S. Das feministische Magazin EMMA veröffentlichte am 16. September 2026 einen Artikel mit dem Titel „Maja S. ist ein biologischer Mann!“. Darin geht es um eine Transfrau, die die Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens gestanden hat und 2024 wegen der bei ihr gefundenen kinderpornografischen Dateien verurteilt wurde; EMMA kritisiert, dass die meisten Medien die Tatsache, dass es sich um einen biologischen Mann handelt, gar nicht oder nur am Rande erwähnten.
Hier muss man sehr vorsichtig sein. Eine Straftat sagt nichts über Transmenschen als Gruppe aus.
Genauso wenig darf eine Transperson aufgrund ihrer Identität kollektiv für die Tat eines einzelnen Menschen verantwortlich gemacht werden. Aber es darf auch darüber diskutiert werden, wie Medien über Geschlecht, Täterinnen und Täter und Transidentität berichten. Das eine schließt das andere nicht aus.
Was passiert mit dem 8. März?
Und hier komme ich zu einer Frage, die mich als Feministin besonders beschäftigt: Wofür gehen wir am 8. März eigentlich auf die Straße?
Für gleiche Bezahlung.
Für eine gerechte Verteilung der Care-Arbeit.
Für reproduktive Selbstbestimmung.
Gegen sexualisierte Gewalt.
Gegen Femizide.
Für bessere medizinische Versorgung von Frauen.
Für gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Gleichstellung.
Für ein Leben, in dem Frauen nicht ständig erklären müssen, warum sie Raum brauchen.
Wenn auf einer Demonstration Frauen in unterschiedliche Blöcke eingeteilt werden – etwa nach Cis- und Transidentität – und auf Schildern pauschal steht „Ich hasse alle Cisfrauen“, dann frage ich mich tatsächlich: Was hat dieser Satz mit den feministischen Kämpfen zu tun, für die wir am 8. März auf die Straße gehen?
Eine Demonstration ist ein politischer Raum. Und politische Räume haben Inhalte. Ich würde auch nicht zur Pride gehen und dort ein Transparent hochhalten mit der Forderung nach gleicher Bezahlung von Frauen und Männern – obwohl ich diese Forderung selbstverständlich wichtig finde. Nicht weil sie falsch wäre. Sondern weil die Pride ihren eigenen politischen und historischen Kontext hat. Wenn ich mich einer Demonstration anschließe, dann möchte ich für deren Anliegen demonstrieren.
Solidarität ist keine Konkurrenz
Vielleicht müssen wir aus dieser verhärteten Debatte wieder herauskommen. Es muss kein Wettbewerb daraus werden, wer „mehr Frau“ ist. Es muss auch kein Wettbewerb darum entstehen, wer mehr Gewalt erlebt hat. Eine Transfrau muss nicht ihre Erfahrungen gegen die einer Cis-Frau aufwiegen. Und eine Cis-Frau muss nicht ihre jahrzehntelange Erfahrung mit weiblicher Sozialisation verleugnen, damit sie als solidarische Feministin gilt.
Solidarität bedeutet nicht die Gleichheit aller Erfahrungen. Solidarität bedeutet, Unterschiede auszuhalten und trotzdem gemeinsam gegen Unterdrückung zu kämpfen.
Ich möchte nicht, dass Transmenschen angefeindet werden. Ich möchte nicht, dass Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Identität beleidigt, bedroht oder ausgeschlossen werden.
Aber ich möchte ebenso wenig, dass Frauen Angst bekommen, über ihre eigenen Körper, ihre Sozialisation oder ihre Erfahrungen sprechen zu dürfen, weil sie sonst sofort als „TERF“ abgestempelt werden.
Vielleicht brauchen wir wieder mehr Räume, in denen wir miteinander reden, statt uns gegenseitig die Zugehörigkeit abzusprechen. Ein eigenes Zimmer bedeutet nicht, dass nebenan kein anderes Zimmer
existieren darf.
Und vielleicht wäre genau das die feministische Idee, die wir brauchen:
Nicht weniger Räume. Mehr Räume.
Räume für Frauen.
Räume für Transmenschen.
Räume für gemeinsame Kämpfe.
Und vor allem: Räume, in denen niemand Angst haben muss, die falsche Frage zu stellen.
Denn Feminismus sollte nicht darin bestehen, Frauen gegeneinander auszuspielen.
Er sollte darin bestehen, patriarchale Machtverhältnisse sichtbar zu machen – und sie gemeinsam zu verändern.
Titelbild: Ein Zimmer für sich allein (Unsere Zeitung / KI generiert)

