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Plädoyer für Empathie und Zivilcourage an den Grenzen Europas

Sonntag ist Büchertag: „Über Leben auf der Balkanroute“ von Ernst Schmiederer

Rezension von Michael Wögerer

Nur wenige Autostunden von Wien entfernt erstreckt sich eine Zone, in der grundlegende europäische Werte und Menschenrechte im Alltagsgeschäft des Grenzschutzes untergehen: Entlang der Wasserläufe von Una, Korana, Drina und Kamenica ist eine politische Todesszone entstanden, in der Schutzsuchende täglicher Entmenschlichung ausgesetzt sind. Das von Ernst Schmiederer herausgegebene Buch „Über Leben auf der Balkanroute“ führt mitten in diese erschütternde Realität. Der Band dokumentiert eine Reise an die Außengrenzen der Europäischen Union und verbindet vor Ort recherchierte Reportagen mit einem dringlichen gesellschaftspolitischen Appell.

Im Zentrum des Buches steht die Analyse der chronisch gewordenen humanitären Katastrophe an den EU-Grenzräumen. Schmiederer begleitet Petar „Pero“ Rosandić, den Gründer der Initiative SOS Balkanroute, und dessen Netzwerk durch Bosnien-Herzegowina und Serbien. Die Berichte zeichnen ein Bild systematischer Schikanen: Sie dokumentieren völkerrechtswidrige Pushbacks durch kroatische Sicherheitskräfte, den gezielten Entzug von Schuhen, Bargeld und Telefonen sowie die Isolation im Camp Lipa. Wie gefährlich das Grenzregime ist, zeigen auch die Zahlen der Ertrunkenen in Flüssen wie der Drina, an deren Ufern immer wieder namenlose Opfer bestattet werden.

Das Buch verleiht den Betroffenen konkrete Gesichter. Besonders eindringlich ist das Schicksal der drei sudanesischen Flüchtlinge Ilijas, Fadil und Omar: Nach ihrer Flucht vor dem Krieg verirrten sie sich im eisigen Gebirge Plješevica und erlitten so schwere Erfrierungen, dass ihnen in Bosnien beide Unterschenkel amputiert werden mussten.

Dennoch ist der Band keine bloße Chronik der Gewalt. Er rückt die Praxis der „Banalität des Guten“ in den Fokus: Zivilgesellschaftliche Ersthelferinnen und Helfer wie Asim Karabegović („Baba Asim“) in Bihać, Azra Velagić Macić in Sarajevo sowie Emina Mehmedović und Nihad Suljić in Zvornik leisten tägliche Überlebenshilfe. Sie versorgen Ausgegrenzte mit Lebensmitteln, Kleidung und medizinischer Notversorgung – unaufgeregt und aus einer Haltung menschlicher Anstandspflicht heraus.

Einen visuellen Einblick in die Recherchen von Ernst Schmiederer und den Einsatz der Initiative SOS Balkanroute an den EU-Außengrenzen bietet unsere kurze Videozusammenfassung:

 

Das Werk schließt mit der Warnung, dass die alltägliche Ausübung und Duldung von Gewalt an den Rändern Europas als Bumerang in die eigenen Gesellschaften zurückkehrt und die Verrohung des öffentlichen Diskurses fördert. In Anlehnung an James Baldwin wird erinnert, dass man die Menschlichkeit anderer nicht leugnen kann, ohne die eigene zu beschädigen.

Fazit: „Über Leben auf der Balkanroute“ verweigert sich der Gleichgültigkeit. Es ist ein notwendiges, aufrüttelndes Buch und ein Plädoyer für die Wiederbelebung von Empathie und Zivilcourage an den Grenzen Europas.

Ernst Schmiederer (Hg.):
Über Leben auf der Balkanroute. Eine sommerliche Reise zu Menschen an den Wasserläufen Una, Korana, Drina und Kamenica oder Gerechtigkeit für Geflüchtete.
Geschichten der Gegenwart, Band 8,
edition IMPORT/EXPORT, Wien 2026.
ISBN: 978-3-903108-17-2


Titelbild: (Über)leben auf der Balkanroute – Gewalt, Hoffnung und Zivilcourage an den EU-Außengrenzen (erstellt mit Gemini Notebook)

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