„Wirtschaftlich ist China schon jetzt unbestreitbar eine Weltmacht.“
China ist längst mehr als nur ein wirtschaftlicher Global Player: Im Interview analysiert Ex-Botschafter Martin Sajdik den Machtzuwachs Pekings, das enge Verhältnis zu Russland und die geopolitische Neuordnung der Welt. Er erklärt, warum Europa dabei vor einer historischen Bewährungsprobe steht.
Martin Sajdik im Gespräch mit Bernhard Müller (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft III/2026)
INTERNATIONAL: Sie waren von 2007 bis 2011 österreichischer Botschafter in der Volksrepublik China. Seitdem sind fast 15 Jahre vergangen. Was hat sich Ihrer Meinung nach in dieser Zeit maßgeblich im „Reich der Mitte“ verändert?

Sajdik: Das ist tatsächlich eine (zu) lange Zeit, um ein wirklich wohl ausgewogenes Urteil abgeben zu können, zumal ich in all den Jahren nur ein einziges Mal wieder nach China kam. Ich war aber mehrmals in Hongkong. Die Gesellschaft hat sich wesentlich verändert, der Wohlstand konnte sich verbreitern, noch mehr Menschen sind tiefer Armut entkommen. Gleichzeitig gibt es nachhaltige Probleme im Immobiliensektor, der Einstieg in den Arbeitsprozess ist für junge Menschen schwieriger geworden. In der zentralen Machtstruktur ging man von der zehnjährigen, zweifellos mühsamen Rotation in der obersten Führung ab, welche aber dafür gesorgt hatte, dass mit neuen Kräften auch neue Ideen die Partei- und Staatsführung durchdrangen. Dafür durchdringt nun der Staatsapparat dank sprunghafter Technologieentwicklungen immer mehr und immer tiefer die chinesische Gesellschaft. International hat China unbestritten noch mehr an Gewicht, aber nicht unbedingt mehr an Autorität gewonnen; das Verhältnis zu Putins Russland wurde noch enger.
INTERNATIONAL: Sie waren damals auch für die Mongolei und für die Demokratische Volksrepublik Korea – zumeist Nordkorea genannt – akkreditiert. Wenn Sie zurückblicken, aber auch die heutige Situation einschätzen, wie beurteilen Sie das Verhältnis von China und Nordkorea? Ist es eine Achse aus Überzeugung oder eine Zweckgemeinschaft?
Sajdik: Ich war der letzte von Peking aus mitakkreditierte österreichische Botschafter in Nordkorea. Nunmehr ist Seoul dafür zuständig. Nach Nordkorea reiste ich seit 2011 nicht mehr und verfolgte seither die Entwicklung des chinesisch-nordkoreanischen Verhältnisses nur peripher. Selbiges ist äußerst komplex, stark geprägt durch Jahrhunderte chinesischer Suzeränität [1] über den Vasallen auf der – geographisch gesehen – benachbarten koreanischen Halbinsel. Und ohne Rotchinas verlustreichen Einsatz im Korea-Krieg würde es die Demokratische Volksrepublik Korea wohl nicht geben. Grundsätzlich: Peking lässt den Vasallen in Pjöngjang meist wohlwollend in einem recht flexibel gehaltenen Rahmen gewähren, der sich über die Dezennien eingespielt hat.
INTERNATIONAL: Kommen wir zu anderen bilateralen Beziehungen. Sie kennen diplomatisch sowohl Russland als auch die Ukraine. 1991 waren Sie Gesandter in Moskau und von 2015 bis 2019 Sonderbeauftragter der OSZE für die Ukraine. In beiden Fällen Ihrer Tätigkeit handelte es sich um geopolitisch entscheidende Zeiten. 1991 ist die Sowjetunion zerfallen, 2015 war die Krim durch Russland bereits völkerrechtswidrig besetzt. Wo steht heute China im Verhältnis zu beiden Staaten?
Sajdik: Xi Jinping gab in Moskau 2025 zu verstehen, dass er – in übertragener Form ausgedrückt – für das Verhältnis Chinas mit keinem anderen Land so viel an persönlicher Aufmerksamkeit aufwende wie mit Russland. Tatsache ist, dass beide Giganten seit dem Zerfall der UdSSR konsequent, ja beinahe akribisch, an einer steten Verbesserung ihres bilateralen Verhältnisses arbeiten und es ihnen 2008 auch gelang, ein historisches Abkommen über die Delimitation der rund 4.300 km-Grenze abzuschließen und damit einen mehrere Jahrhunderte währenden Streit zu beenden. Ich selbst versuchte mir ein persönliches Bild über die tagtäglichen Realitäten des bilateralen Verhältnisses zu bilden und überquerte an verschiedenen Orten in Sibirien bzw. im russischen Fernen Osten die russisch-chinesische Grenze, so auch als wohl einziger „Drittstaatler“ auf einer Passagierfähre über den Amur nach Blagoweschtschensk. Dabei kam ich schon 2010 zur Überzeugung, dass China und Russland bei aller Gegensätzlichkeit geradezu natürliche Partner sind, einander ergänzen und alles tun werden, sich nicht „auseinanderdividieren zu lassen“. Dieses – prioritäre – Grundverhältnis zu Russland determiniert auch Chinas Beziehungen zur Ukraine und zum „Ukraine-Konflikt“.
INTERNATIONAL: Im Jänner des heurigen Jahres hat Chinas Staatspräsident erklärt, er wolle weiterhin eine UNO-basierte Weltordnung. Während die USA unter Donald Trump 66 internationale Organisationen, 31 UN-Einrichtungen und 35 Nicht-UN-Organisationen verlassen haben – u. a. die WHO und die UNESCO – steht China für internationale Zusammenarbeit und Multilateralismus. Manche Beobachter meinen: „verkehrte Welt“. Wie lautet Ihr Befund?
Sajdik: Die USA unter Trump machen es vielen leicht, sich als Verteidiger des Multilateralismus zu gerieren. Dass China ein bisweilen selektives Verhältnis zum Multilateralismus hat, zeigt sich aber in seinem Verhalten zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Einerseits hat es dort seit 1994 ein Mitglied, andererseits negiert es eine IGH-Zuständigkeit für das Südchinesische Meer. Dazu kommt 2025 auch die Gründung einer „International Organization for Mediation“ in Hongkong, deren Funktion und Zielrichtung einige Fragen aufwirft. Und dass China stark verärgert auf jedweden Versuch reagiert, Xinjiang oder Tibet in internationalen Gremien zu thematisieren, darf als bekannt vorausgesetzt werden.
INTERNATIONAL: Daran anschließend: Ist die Volksrepublik immer noch der Soft Power-Akteur oder haben wir es mit einem hegemonialen Player zu tun, der eine Supermacht sein will? Und wenn ja, welcher Art?
Sajdik: China ist Atommacht, hat Flottenstützpunkte weit außerhalb seines Territoriums. Im Juli 2024 hielt es mit Belarus bei Brest – also unweit der polnischen Grenze – Militärmanöver ab. Es mischt aktiv im Weltall mit. Das sind Fakten. Wirtschaftlich ist China schon jetzt unbestreitbar eine Weltmacht.
INTERNATIONAL: Europa und insbesondere die EU tun sich augenscheinlich schwer, zwischen den Polen USA und China einen Platz zu finden. Die Europäische Union wirkt diesbezüglich uneins, manchmal sogar zerrissen. Was fehlt zu einem starken und selbstbewussten Europa, das geopolitisch eine Rolle spielt?
Sajdik: Das ist eine komplexe Frage, über die sich derzeit größere Gewichte aus Wissenschaft und Politik als ich es bin den Kopf zerbrechen. Nach meiner Meinung ist in der Union ein profundes Umdenken im Gange, in Richtung eines militärisch und sicherheitspolitisch gefestigteren – weiteren – Europas, in dem auch Großbritannien und Norwegen einen Platz haben werden. Wesentlich wäre auch eine feste Verankerung der Türkei und natürlich der Ukraine in den künftigen Strukturen eines unverrückbar demokratischen Europas. Das wird nicht ohne Verwerfungen abgehen, ohne manifeste Einmischung von außen. Eines sollten wir dabei keinesfalls übersehen. Ein demokratisches, pluralistisches, soziales Europa ist qua seiner bloßen Existenz eine Herausforderung, ja eine ernste Gefahr für Autokratien auf unserem Erdball. Auch ohne jegliches aktive, politische oder gar militärische Vorgehen seitens Europas. Eine Festung der Demokratie zu sein, in dieser und in einer künftigen Welt, wird für Europa nie zum Müßiggang!
INTERNATIONAL: Wir feiern heuer 55 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Österreich und China. Beachtlich ist, dass Österreich bereits 1971 bilaterale Beziehungen mit der Volksrepublik aufgenommen hat, die Bundesrepublik Deutschland erst ein Jahr später. Wang Shu, Chinas Botschafter in Österreich von 1980 bis 1985, hat 2012 in einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard Folgendes gesagt: „Zu keiner anderen Nation unterhalten die Chinesen so emotionale Beziehungen wie zu Österreich.“ Wenn wir einen Blick hinter die Klischees machen, was zeichnet die österreichisch-chinesischen Beziehungen Ihrer Meinung nach aus?
Sajdik: Lassen wir die Kirche im Dorf, Österreich – Àodìlì – ist in China bestenfalls eine Randerscheinung. Man muss schon dankbar sein, nicht auch in China mit Australien verwechselt zu werden. Klischees sind im Übrigen besser als bloßes Nichtwissen. Gut ist, dass immer mehr Chinesen reisen, so auch nach Österreich kommen und sich selbst ein Bild machen. Wir müssen fest in eine europäische Politik gegenüber China eingebettet sein und diese auch mitgestalten können. Wir in Österreich sollten dabei auch unsere Hausaufgaben machen, endlich. Wir haben noch immer kein Lehrfach für Chinesisch an österreichischen Schulen – Chinesisch als Zweit- oder Drittfremdsprache ist nicht einmal eine Minderheitenveranstaltung an höheren Bildungsinstitutionen. Wir bräuchten Experten mit China-Wissen, nicht unbedingt Sinologen, Juristen, Betriebswirte, Techniker mit China- und Chinesisch-Kenntnissen. Und natürlich auch Diplomaten mit diesen Fähigkeiten.
INTERNATIONAL: Abschließend: Wir lesen und hören viel von Zuschreibungen wie „Welt aus den Fugen“, „Epochenwechsel“, „Ende der Weltordnung“ u. ä. Manche Analysten sehen sogar die Gefahr eines Dritten Weltkriegs. Unbestreitbar leiden wir unter multiplen Herausforderungen, vom Klimawandel über massive Umbrüche in der Arbeitswelt durch Digitalisierung und KI, Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten bis hin zu verheerenden Kriegen. Wie besorgt sind Sie über die Zukunft der Menschheit?
Sajdik: Wenn man in der Pension ist, kann man viel reisen, viel in Museen gehen. Mich erstaunen immer wieder die zahllosen Gemälde über die Sintflut, mit einer Arche Noah drinnen, oder über die Arche selbst. Viele große Künstler machten sich immer wieder – für ihre Auftraggeber – Gedanken über diese Form des Weltuntergangs, mit einem Hoffnungsträger namens Noah. Die Sorge über das Jetzt und das Kommende beschäftigte also viele, viele Generationen vor uns. Ich bin da eigentlich optimistischer. In den letzten Jahrzehnten entkamen – vor allem dank der Entwicklung Chinas, aber auch Indiens – Hunderte Millionen der extremen Armut, die Lebenserwartung stieg – mit ganz wenigen Ausnahmen – überall. Mit Seuchen wie HIV, Ebola, aber auch Covid kam die Menschheit insgesamt mehr oder minder zu Rande, der Zugang zur Grundschulausbildung verbesserte sich weltweit, vor allem für Mädchen signifikant. Das beweisen alle UN-Statistiken. „Yes, we can“ trifft auf vieles, was bis vor Kurzem undenkbar war, zu. Die Menschheit ist dank des Multilateralismus lernfähig. Mein letzter diplomatischer Posten war Botschafter bei der UNO in New York, von 2012 – 2015. In dieser Zeit, genau 2014 bis Mitte 2015, hatte ich die Präsidentschaft des UN-Wirtschafts- und Sozialrats inne und sah, was wir Menschen im Wege des Multilateralismus alles bewirken können, trotz all unseres Wahns und des Unheils, das wir uns selber schaffen. Hoffentlich nehmen wir – dank auch der Bemühungen Chinas – beim Klimawandel noch einmal die Kurve, wenn nicht, verglüht auch Noahs Arche.
Martin Sajdik, Studium der Rechtswissenschaften sowie des Internationalen Rechts und der Internationalen Beziehungen. Lange diplomatische Karriere, u. a. 1991 Gesandter an der Österreichischen Botschaft in Moskau, 1997 Leiter der Abteilung für EU-Erweiterung, Außenwirtschaftsbeziehungen sowie Mittel-, Ost- und Südosteuropa im BMEIA, 2007–2011 österreichischer Botschafter in der Volksrepublik China, Nordkorea und der Mongolei; 2012–2015 Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, 2015–2020 Sonderbeauftragter der OSZE für die Ukraine. Board Member and Senior Adviser des Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES)
[1] Oberhoheit oder Oberherrschaft eines Staates über einen anderen, rechtlich oder faktisch abhängigen Staat. Der herrschende Staat (Suzerän) bestimmt wichtige Teile der Politik des abhängigen Staates, während dieser eine begrenzte Eigenständigkeit behält.
Titelbild: INTERNATIONAL / KI-generiert

