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Ich funktioniere nicht. Zumindest nicht so, wie ihr es wollt.

Über Neurodiversität, Selbstzweifel und eine Gesellschaft, die das Anderssein noch immer mit Unfähigkeit verwechselt.
 
Von Nina Maron

Ich bin zu langsam. Zu empfindlich. Zu chaotisch. Zu unorganisiert. Ich nehme mir zu viel zu Herzen, halte angeblich zu wenig aus und setze die falschen Prioritäten. Zumindest wird mir das immer wieder vermittelt.
 
Ich kann vieles nicht in dem Tempo erledigen, das andere für selbstverständlich halten. Während andere scheinbar mühelos ihren Alltag organisieren, Termine einhalten, Aufgaben abhaken und von einer Tätigkeit zur nächsten wechseln, verliere ich mich manchmal in Dingen, die für andere vollkommen unwichtig erscheinen.
 
Ich sehe andere Zusammenhänge. Andere Notwendigkeiten. Andere Prioritäten. Und manchmal sehe ich vor lauter Möglichkeiten den nächsten notwendigen Schritt nicht. Was für mich eine Form der Ordnung ist, gilt für andere als Chaos. Was für mich wichtig ist, wird als Nebensächlichkeit abgetan. Und was mich emotional tief berührt, wird mit einem einzigen Wort weggewischt: Mimose.
Wie oft muss man eigentlich hören, dass man nicht richtig funktioniert, bis man beginnt, es selbst zu glauben?

Die Sache mit der Mimose

Ich empfinde schnell sehr viel. Manchmal zu viel, jedenfalls nach den Maßstäben anderer Menschen.
Worte bleiben hängen. Ein beiläufiger Satz kann mich tagelang beschäftigen. Ungerechtigkeiten lassen mich nicht los. Konflikte gehen mir nahe, selbst wenn andere längst zur Tagesordnung übergegangen sind. 
Und dann kommt dieser Satz: „Du musst dir halt ein dickeres Fell zulegen.“ Warum eigentlich?
Warum gilt es als Stärke, möglichst wenig zu empfinden? Warum wird Sensibilität so häufig als Schwäche verstanden? Warum ist jemand, der laut wird, durchsetzungsfähig, während jemand, der verletzt reagiert, als überempfindlich gilt? Natürlich muss man lernen, mit Kritik und Konflikten umzugehen. Aber warum liegt die Verantwortung dafür immer bei jenen, die etwas intensiver wahrnehmen?
 
Wir sollten lieber darüber reden, wie achtlos Menschen miteinander umgehen. Sich verletzt zu fühlen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Empathie.
 

Mein Chaos gehört mir

Ich bin schlecht organisiert. Zumindest nach den üblichen Vorstellungen davon, wie Organisation auszusehen hat. Meine Gedanken laufen selten schön hintereinander. Sie springen. Sie verbinden Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Manchmal beginne ich fünf Sachen gleichzeitig, weil mir jede davon in diesem Moment wichtig erscheint. Ich weiß, dass mir dadurch Dinge entgleiten. Dass ich Termine vergesse, Aufgaben aufschiebe oder mich verzettle. Das kann anstrengend sein. Für mich und manchmal auch für andere. Ich möchte das nicht schönreden.
 
Aber ich weigere mich, daraus automatisch einen Mangel an Intelligenz, Verantwortungsbewusstsein oder Fähigkeiten ableiten zu lassen. Chaos kann auch eine andere Form von Organisation sein. Nicht immer eine funktionierende, aber manchmal eine, aus der etwas entsteht, das in einer perfekt sortierten Welt keinen Platz hätte.
 
Gerade in der Kunst erlebe ich, dass Gedanken nicht immer geradlinig verlaufen müssen, um zu einem Ergebnis zu führen. Vielleicht brauche ich für manche Dinge länger, aber vielleicht finde ich dafür Verbindungen, die andere übersehen? Warum wird eigentlich nur die eine Fähigkeit gemessen und die andere so selten anerkannt?
 

Keine Diagnose. Aber jede Menge Selbstzweifel.

Ich habe keine Diagnose, die all das erklärt. Und ich möchte mir auch keine stellen. Neurodiversität ist ein Begriff, der beschreibt, dass menschliche Gehirne unterschiedlich funktionieren. Neurodivergenz wird unter anderem im Zusammenhang mit Autismus, ADHS und bestimmten Lern- und Verarbeitungsunterschieden verwendet. Ob meine eigenen Erfahrungen darunter einzuordnen sind, weiß ich nicht. 
 
Was ich aber weiß, ist, was es mit einem Menschen macht, wenn er über Jahre das Gefühl bekommt, nicht zu genügen. Wenn man ständig versucht, schneller zu werden, strukturierter, belastbarer, weniger empfindlich. Wenn man sich immer wieder vornimmt, endlich so zu funktionieren wie die anderen. Und wenn man immer wieder daran scheitert.
 
Irgendwann braucht es gar niemanden mehr, der einem sagt, dass man etwas falsch macht. Man übernimmt diese Aufgabe selbst. Man wird zur strengsten Richterin über das eigene Leben. Man vergleicht sich. Man schämt sich. Man entschuldigt sich für Dinge, die andere nicht einmal bemerken würden. Und irgendwann stellt man sich nicht mehr die Frage, warum einem etwas schwerfällt, sondern warum man selbst so schwierig ist. Aus dem Gefühl, anders zu sein, wird das Gefühl, weniger wert zu sein. Das ist vielleicht die grausamste Konsequenz einer Gesellschaft, die nur eine begrenzte Vorstellung davon hat, wie ein Mensch zu funktionieren hat.
 

Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?

Wir leben in einer Gesellschaft, die Effizienz mit Leistung und Leistung mit Wert verwechselt.
Wer schnell arbeitet, gilt als kompetent. Wer organisiert ist, als zuverlässig. Wer seine Gefühle kontrolliert, als belastbar. Wer langsamer ist, muss sich beeilen. Wer anders denkt, muss sich anpassen. Wer intensiver empfindet, soll sich zusammenreißen.
 
Das beginnt oft schon in der Schule. Kinder sollen im gleichen Tempo lernen, zur gleichen Zeit still sitzen, Aufgaben auf die gleiche Weise lösen und ihre Fähigkeiten möglichst in vergleichbaren Ergebnissen beweisen. Wer nicht hineinpasst, fällt auf. Dabei sollte gerade Bildung die Aufgabe haben, unterschiedliche Begabungen zu erkennen, anstatt Kinder frühzeitig in leistungsfähig und leistungsschwach einzuteilen.
 
Und später setzt sich das fort. Im Berufsleben, in Beziehungen, im gesellschaftlichen Miteinander.
Die Norm wird selten hinterfragt. Hinterfragt werden jene, die von ihr abweichen. Dabei ist diese Norm keine unumstößliche Naturgegebenheit. Sie ist das Ergebnis gesellschaftlicher Erwartungen, wirtschaftlicher Interessen und historisch gewachsener Vorstellungen von Leistung. Eine Gesellschaft, die Menschen vor allem danach beurteilt, wie reibungslos sie funktionieren, verwechselt Anpassung mit Fähigkeit.
 

Neurodiversität ist keine Modeerscheinung

Heute wird zunehmend darüber gesprochen, dass Menschen unterschiedlich denken, lernen, wahrnehmen und Informationen verarbeiten. Das ist kein Versuch, jede Schwierigkeit zu einer besonderen Begabung umzudeuten. Neurodivergente Menschen können erhebliche Einschränkungen erleben und Unterstützung benötigen. Diese Schwierigkeiten verschwinden nicht dadurch, dass wir ihnen einen freundlicheren Namen geben. Aber ebenso wenig dürfen Menschen auf ihre Schwierigkeiten reduziert werden.
 
Die Neurodiversitätsbewegung fordert, Unterschiede nicht automatisch als Defizite zu betrachten und gesellschaftliche Barrieren abzubauen. Es geht um das Recht, nicht ständig an einer einzigen Vorstellung von Normalität gemessen zu werden. Um Schulen, in denen unterschiedliche Lernwege möglich sind. Um Arbeitsplätze, die nicht ausschließlich auf Geschwindigkeit und permanente Verfügbarkeit ausgerichtet sind. Um einen respektvollen Umgang mit Menschen, die Reize, Gefühle oder Informationen anders verarbeiten. Und es geht um die Erkenntnis, dass Unterstützung kein Privileg ist, das man sich erst durch völliges Scheitern verdienen muss.
 
Ich möchte nicht länger um meine Daseinsberechtigung kämpfen. Ich weiß nicht, ob ich neurodivergent bin. Aber ich weiß, dass ich anders funktioniere als viele Menschen in meinem Umfeld. Dass ich mich oft unverstanden fühle. Dass ich mich bemühe und trotzdem das Gefühl habe, nie genug zu sein. Ich weiß aber auch, dass meine Art zu denken nicht nur aus Schwierigkeiten besteht. Sie ist ein Teil meiner Kreativität, meiner Wahrnehmung und meiner Beziehung zur Welt. Ich möchte diese Seiten nicht verlieren, nur um besser in einen gesellschaftlichen Ablaufplan zu passen. 
 
Natürlich möchte ich lernen, besser mit meinen Schwierigkeiten umzugehen. Ich möchte zuverlässiger werden, mich weniger verzetteln und nicht ständig von meinen Gefühlen überwältigt werden. Aber ich möchte mich dabei nicht selbst verlieren.
 
Ich möchte nicht jeden Tag beweisen müssen, dass ich trotz meiner Andersartigkeit etwas wert bin.
Und vor allem möchte ich nicht mehr glauben müssen, dass mit mir grundsätzlich etwas nicht stimmt.
Nicht die Menschen müssen alle gleich werden. Die Gesellschaft muss Platz schaffen.
Der Kampf um die Anerkennung von Neurodiversität ist deshalb auch ein politischer Kampf. Ein Kampf gegen Ausgrenzung, gegen starre Leistungsnormen und gegen die Vorstellung, dass der Wert eines Menschen von seiner Produktivität abhängt. Es geht nicht darum, Unterschiede zu leugnen. Es geht darum, sie nicht automatisch in eine Rangordnung zu verwandeln.
 
Denn eine solidarische Gesellschaft erkennt Menschen nicht erst dann an, wenn sie sich erfolgreich angepasst haben. Sie schafft Bedingungen, unter denen unterschiedliche Menschen leben, lernen und arbeiten können, ohne ständig an ihrem eigenen Wert zweifeln zu müssen.
 
Vielleicht werde ich nie so organisiert sein wie andere. Vielleicht werde ich auch künftig länger brauchen, um bestimmte Dinge zu erledigen. Vielleicht werde ich weiterhin zu viel empfinden, mich über Ungerechtigkeiten aufregen und manchmal an Dingen verzweifeln, die andere mit einem Schulterzucken erledigen. Aber vielleicht muss ich auch gar nicht so werden wie sie. Nicht jede Abweichung ist ein Fehler.
 
Ich bin keine Mimose, die lernen muss, weniger zu fühlen. Ich bin kein schlecht funktionierendes Rädchen in einer Maschine. Ich bin ein Mensch. Und ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der das endlich genügt. Nicht irgendwann, wenn ich schneller, härter, ordentlicher oder angepasster geworden bin. Sondern jetzt. So, wie ich bin.
 

Quellen und weiterführende Informationen:

Anmerkung: Der Artikel beschreibt persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Erwartungen. Die geschilderten Eigenschaften allein erlauben keine medizinische oder psychologische Diagnose.

Titelbild: Anderssein (Unsere Zeitung / KI-generiert)

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