Ukraine: Anrainer stürmten mutmaßliches Folter-Quartier der Nationalgarde
Hunderte Menschen haben am Montagabend ein Quartier der Nationalgarde bei Kiew gestürmt – ausgelöst durch Videos über dort misshandelte Wehrpflichtige.
Von Michael Wögerer
Am Montagabend ist ein Dorf am Westrand von Kiew zum Schauplatz einer Eskalation geworden, die in der Ukraine weit über die Region hinaus diskutiert wird. In Petropawliwka-Borschtschahiwka belagerten hunderte Menschen ein Privathaus, das die Nationalgarde als Quartier für Soldaten nutzte. Auslöser waren Nachrichten und Videos über dort festgehaltene und misshandelte Wehrpflichtige.
Aktuelle Aufnahmen aus dem Dorf zeigen stürmische Szenen: Anrainer brechen das Tor des Wohnhauses auf, schlagen ein Loch in eine Ziegelmauer, bewerfen Polizei und Nationalgarde mit Eiern; andere schneiden die Reifen eines Busses auf. Die ukrainischen Staatsorgane reagierten mit Tränengas und Warnschüssen in die Luft. Das berichteten Reporter:innen von Kyiv Independent, Suspilne und Hromadske, die vor Ort waren. Laut ukrainischen Medienberichten wurde sogar der eigens angereiste Geheimdienstchef Kyrylo Budanow mit Pfefferspray besprüht.
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Nach Polizeiangaben ging der erste Notruf von einem privaten Rettungsdienst aus, dessen Sanitäter:innen nicht zu einem Mann im Haus vorgelassen worden seien. Sie sprachen vor Ort von vier schwer verletzten Männern. Eine Mutter berichtete von ihrem Sohn, der auf dem Weg zur Arbeit von Rekrutierern festgenommen wurde. Ein weiterer Angehöriger erzählte, er müsse zahlen, um seinen Sohn sehen zu können. Später brachte ein Bus rund ein Dutzend Männer aus dem Haus. In sozialen Medien kursierten Zahlen von 40 „Geiseln“ im Keller, von einem Soldaten mit gebrochener Wirbelsäule und einem Toten. Angaben, die bisher nicht unabhängig bestätigt werden konnten.
Das Haus in der Snjaschna-Straße 7 diente nach Darstellung des 1. Korps der Nationalgarde „Azow“ als vorübergehender Dislokationspunkt der Militäreinheit 3121: Dort wurden neu Mobilisierte erfasst sowie Männer untergebracht, die ihre Einheit unerlaubt verlassen hatten und zurückgebracht worden waren. Nationalgarde-Kommandeur Oleksandr Pivnenko erklärte: „Wir haben vier Soldaten, die medizinische Hilfe brauchen, ins Krankenhaus geschickt. Das sind Soldaten, die nach unerlaubtem Verlassen ihrer Einheit festgenommen und dorthin zurückgebracht wurden.“ Wie die Verletzungen entstanden sind, sagte er nicht.
Die Regierungsseite bewertet den Vorfall als gezielte Operation. Das Ziel der Ausschreitungen sei gewesen, einen Soldaten zu „entführen“. Offenkundig speiste sich die Wut im Dorf aber auch aus Erfahrungen mit der militärischen Mobilisierung, die viele als räuberisch erleben und es bleibt die Frage: Warum wurden mobilisierte Männer und zurückgeholte Fahnenflüchtige in einem gewöhnlichen Privathaus festgehalten? Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinetz verlangte bereits eine Prüfung dessen. Die Nationalgarde hat das Gebäude inzwischen vollständig geräumt.
Stichwort Azow:
Das 1. Korps der Nationalgarde „Azow“ ging aus einem 2014 gegründeten Freiwilligenbataillon hervor, dessen Gründer Andrij Bilezkyj einst von einem „Kreuzzug der weißen Rassen“ gegen „von Semiten geführte Untermenschen“ schwärmte. Wolfsangel-Abzeichen und völkisches Gedankengut der frühen Jahre machten die Einheit zur wohl am sorgfältigsten beobachteten Formation der ukrainischen Sicherheitskräfte – Menschenrechtsorganisationen und Forschende haben Verwicklungen in Übergriffe und die Herkunft des Kaders wiederholt kritisiert. (siehe dazu: Blutgemeinschaft von Susann Witt-Stahl)
Titelbild/Quelle: Hromadske (ukrainischer öffentlich-rechtlicher Rundfunk)

