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Wer anders denkt, ist der Feind?

Haben wir das Streiten verlernt? – Ein Plädoyer für den Widerspruch

Von Nina Maron

Wann haben wir eigentlich aufgehört, miteinander zu diskutieren? Wann wurde aus einer anderen Meinung eine Provokation und aus einem Widerspruch gleich eine politische Kampfansage? Heute genügt oft ein einziger Satz, um jemanden in eine Schublade zu stecken. Links oder rechts, Freund oder Feind, gut oder böse. Dazwischen scheint es kaum noch etwas zu geben. Statt Argumente auszutauschen, werden Menschen etikettiert, verurteilt und im schlimmsten Fall mundtot gemacht.

Vielleicht liegt es an den sozialen Medien, in denen sich Empörung schneller verbreitet als Nachdenken? Vielleicht an unserer zunehmenden Unsicherheit und dem Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören? Wer Teil einer Gruppe sein will, übernimmt oft auch deren Positionierung. Widerspruch wird dann schnell zum Verrat. Dabei sollte gerade die Linke wissen, dass Fortschritt aus Auseinandersetzungen entsteht und nicht aus gegenseitigem Beifall. Natürlich gibt es rote Linien. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Menschenverachtung dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Aber nicht jeder unbequeme Standpunkt ist menschenverachtend, und nicht jeder Fehler macht einen Menschen zum politischen Feind.

Wer nur noch mit Menschen diskutiert, die ohnehin seiner Meinung sind, braucht keine Diskussion. Der braucht einen Spiegel.

Auch Unsere Zeitung ist ein linkes, kritisches Medium mit einer klaren Haltung. Aber wir wollen keine Zeitung sein, in der alle dasselbe denken müssen. Wir wollen Widerspruch, Gegenkommentare und leidenschaftliche Debatten. Wer einen Artikel kritisiert, soll das tun – gerne auch scharf. Aber mit Argumenten statt mit vorschnellen Verurteilungen. Ein ganzes Zeitungsprojekt wegen eines einzelnen Beitrages infrage zu stellen, ohne überhaupt das Gespräch zu suchen, ist keine Streitkultur. Es ist die Verweigerung derselben.

Mich erschreckt, wie schnell heute Solidarität endet, sobald jemand nicht mehr exakt die eigene Meinung vertritt. Gerade jene, die Toleranz einfordern, sollten sich fragen, wie viel Widerspruch sie selbst aushalten. Demokratie bedeutet nicht, dass wir uns einig sind. Sie bedeutet, dass wir trotz unserer Unterschiede miteinander reden können.

Wenn wir nur noch Gleichgesinnte ertragen, haben wir vielleicht eine Blase geschaffen. Aber ganz sicher keine bessere Gesellschaft.


Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

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